Dreierkonferenz: Frank Thelen, Vural Öger und Judith Williams vereinbaren ein Suppen-Investment

Es ist ein überraschend milder Spätsommerabend am Lausitzer Platz in Berlin-Kreuzberg, bestes Wetter für ein Public Viewing unter freiem Himmel. In einem Hinterhof haben Waldemar Zeiler und Philip Siefer, die Gründer des sozial-nachhaltigen Kondom-Startups Einhorn, eine Leinwand und eine Menge Einhorn-Deko aufgebaut, dazu einen Bildschirm mit Live-Zugriffszahlen auf ihre Website. Um kurz vor 20 Uhr sind es gerade mal 30 Besucher. Später dürften es mehr werden. Viel mehr.

Der Grund ist das Vox-Format „Die Höhle der Löwen“, dessen vierte Folge die Gründer mit Freunden und Unterstützern gucken. Nach „Kampf der Startups“ im ZDF und „Made in Berlin“ im RBB haben sich Zeiler und Siefer auch hier vor die Kamera gestellt. Doch auf den Einhorn-Auftritt müssen die Zuschauer noch länger als eine Stunde warten, die TV-Macher haben das Startup ganz hinten eingereiht.

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Dafür gibt es zunächst fünf weitere Jungunternehmen mit mehr oder weniger kreativen Ideen, gewohnt knauserige und unnachgiebige Investoren und eine interessante Mischung aus schrägen, verkorksten und auch mal überzeugenden Gründer-Auftritten.

Da ist zum Beispiel die Bildhauerin Judith Grote, die einst dafür Bekanntheit erlangte, eigene Werke in berühmte Museen wie den Louvre oder die Pinakothek der Moderne geschmuggelt zu haben. Mit ihrem Lebenspartner baute sie einen Versand für XXL-Bilderrahmen auf, nach eigener Aussage hochgradig erfolgreich und mit Franchise-Partnern in der ganzen Welt. Doch dann sei man betrogen worden, und das, so Grote, habe ihrem Mann „so viel Lebensenergie genommen, ohne dass es jemand gemerkt hat, dass er am Ende sich dann entschieden hat, sich das Leben zu nehmen“. Puh.

Jetzt, Jahre später, will Grote sich allein zurückkämpfen, braucht 300.000 Euro und Hilfe beim Marketing und im Vertrieb. Doch auf Nachfrage stellt sich heraus, dass im besten Geschäftsjahr nur 300 Bilder verkauft wurden. Das klingt nicht gut, da macht kein Löwe mit.

Immerhin 3.000 Stück ihres Unter-Wasser-Kommunikationsgeräts wollen die beiden passionierten Taucher Michael Feicht und Eduard Sabelfeld in diesem Jahr absetzen. Das Armband, mit dem man sich unter Wasser nicht aus den Augen verlieren soll, gefällt natürlich dem Extremsportler Jochen Schweizer, der deswegen sofort von einem waghalsigen Unterwassertrip zum Wrack der „President Coolidge“ vor Vanuatu zu erzählen beginnt. Investieren will Schweizer aber nicht, den Grund fasst Kollegin Judith Williams schlüssig zusammen: „Euer gesamter Business-Plan ist für mich Wischi-waschi-Whirlpool.“

Besser ergeht es dem Bruderpaar Denis und Daniel Gibisch. Die pitchen ihre Idee zwar unter dem selten blöden Titel „Tütensuppe 2.0“, doch die Bio-Suppen im Glas, eingekocht mit Unterstützung eines Zwei-Sterne-Kochs, überzeugen geschmacklich und die beiden Brüder als Gründerteam. Noch sind sie nur zu zweit, frotzeln aber: „Wir sind die einzigen vier Mitarbeiter.“ Über diese Einstellung zu harter Arbeit freut sich Frank Thelen. Mit Judith Williams und Vural Öger packt Thelen ein Investmentpaket über 100.000 Euro, das die Brüder annehmen. „Her mit der Suppe, lass uns löffeln“, freut sich Williams.

Und, aufgeregt? Diese Frage stellt Moderator Amiaz Habtu ungefähr jedem Gründer vor dem Auftritt. Christina van Elteren und Janina Schuster vom Luxus-Second-Hand-Shop The Eclectic Journey flattern aber tatsächlich gehörig die Nerven vor dem Gang in den Löwenkäfig. „Wir hoffen, dass sie nicht zu böse sind“, sagt Schuster. Und van Elteren ergänzt es in ihren Worten: „Ey, die Pumpe geht einfach so krass.“

Die Löwen haben für Nervosität wenig Verständnis. „Genau, ähm. Welche Frau kennt es nicht: Man wünscht sich seit Jahren eine Louis-Vitton-Tasche?“ Das ist auch wirklich nicht der beste Pitch-Einstieg aller Zeiten. Kritik müssen sie sich aber vor allem zu ihrer Idee anhören: Ihr Geschäftsmodell, Kleidung bei stationären Second-Hand-Shops einzusammeln, anschließend zu fotografieren und persönlich Echtheit und Qualität zu überprüfen, wird als viel zu aufwendig und unskalierbar eingeschätzt – durch die Bank weg.

Schweizer: „Markt hin, Markt her, das beeindruckt mich nicht.“

Williams: „Das schlimmste, was euch passieren kann, ist dass ihr wachst.“

Steiner: „Um Himmels willen.“

Thelen: „Du erzählst eine riesige Wolke.“

Öger: „Ihr habt Geschäftsleben total unterschätzt.“

Rumms. Das sitzt. Die beiden Gründerinnen treten den Rückzug an – nicht aber, ohne noch einen Giftpfeil zurückzuschießen. „Die sind so Arschlöcher“, zischt eine der beiden, das ist deutlich über die Ansteckmikrofone zu vernehmen.

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Dann ist da noch Scoo.me, der Scooter-Verleih aus München, kein besonders revolutionäres Modell, deutlich zu cash-intensiv, wie die Investoren befinden, und erwartungsgemäß geht da auch keiner mit. Moment, wirklich keiner? Lencke Steiner, die knausrigste Investorin unter den Löwen, die „Ich-bin-raus“-Frau – sie will 100.000 Euro in das Business stecken. „Ich find’ Rollerfahren einfach total cool“, das muss als Begründung offenbar reichen.

Um kurz nach 22 Uhr ist dann endlich Einhorn dran. Der Einlauf von Waldemar Zeiler (im weiß-rosafarbenen Overall) und Philip Siefer (mit Einhorn-Hut) wird in Kreuzberg wild beklatscht. Der Besucherzähler steht bei etwa 500.

Ihr Auftritt ist tatsächlich überzeugend: auf den Punkt, schlagfertig, witzig. Selbst, als klar ist, dass kein Löwe investieren wird – die Investoren stören sich an der Social-Business-Ausrichtung, am vermeintlichen USP oder am Kondom an sich.

So wie Judith Williams, die vorschlägt: „Kommt mal mit einem anderen Thema. Vielleicht haben wir in der Zukunft ein Date ohne ein Kondom.“ Zeiler pariert: „Wir machen’s nur sicher. Sorry.“

Der Zugriffszähler steht da übrigens bei fast 20.000. Der Auftritt hat sich also in jedem Fall gelohnt. Und zusammengebrochen ist die Website auch nicht.

Die Deals im Überblick:

  • Michael Feicht und Eduard Sabelfeld wollen für ihr Produkt Buddy-Watcher 250.000 Euro, dafür würden sie zehn Prozent der Anteile abgeben. Da macht kein Löwe mit.
  • Littlelunch heißt der Suppenservice der Brüder Denis und Daniel Gibisch. Sie würden gern 60.000 Euro einsammeln, aber nur acht Prozent an ihrem Unternehmen abgeben. Es gibt dann sogar 100.000 Euro – von Judith Williams, Vural Öger und Frank Thelen, die dafür 30 Prozent der Anteile einstreichen.
  • Für den Luxus-Second-Hand-Shop The Eclectic Journey von Christina van Elteren und Janina Schuster kann sich kein Investor erwärmen. Die beiden Münchnerinnen hatten sich 200.000 Euro gewünscht und zehn Prozent ihres Unternehmens geboten.
  • Magnus Schmidt und Christoph Becker haben das Motorroller-Sharing-System Scoo.me erdacht, sie hoffen auf 100.000 Euro (für 7,5 Prozent). Lencke Steiner (!) verspricht ihnen das Geld. Dafür kriegt sie aber auch 30 Prozent der Anteile.
  • Das verstellbare Bilderrahmenkonzept von 3aArt braucht nach Aussage von Gründerin Judith Grote 300.000 Euro. 15 Prozent der Anteile würden die Investoren bekommen. Für keinen der fünf ein brauchbarer Investment Case.
  • Einhorn, das Startup für nachhaltige und fair produzierte Kondome, fordert ebenfalls 300.000 Euro. Die Gründer Philip Siefer und Waldemar Zeiler bieten dafür zehn Prozent der Anteile. Sie gehen ebenfalls leer aus.
Bild: © VOX/Bernd-Michael Maurer