höhle der löwen vox jury

Behaglich sieht anders aus

Eines vorweg: Kuschelig ist es im Raubkatzen-Habitat nicht. Castingshow-Romantik will in der ersten Folge der „Höhle der Löwen“ einfach nicht aufkommen – trotz Lagerfeuer und Holzvertäfelung. Die nüchterne Bilanz des Abends: zwei Investments in zwei Stunden.

Dabei startet die Sendung genretypisch mit dramatischer Hintergrundmusik und bildgewaltigen Lichteffekten. Ruppig geht es aber bereits beim ersten Pitch zu, bei dem zwei junge Unternehmer Portmonees und Smartphone-Hüllen aus Recycling-Papier präsentieren.

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Die selbsternannte Verpackungsspezialistin Lencke Wischhusen nimmt eine der Taschen in Augenschein und nörgelt: „Das hier ist totaler Mist. Wenn ich das Telefon da reinstecke, krieg ich das Ding nicht mal mehr zu.“ Eine Investition von 50.000 Euro erhoffen sich die CrispyWallet-Gründer.

Hellhörig werden die Juroren erst, als sie die bisherigen Verkaufszahlen vorgelegt bekommen. Allein 8.000 Portmonees habe man bisher an den Mann bringen können. Zusätzlich wecken ein satter Verkaufspreis von knapp 17 Euro und extrem geringe Fertigungskosten das Interesse der Löwen.

Frank Thelen gibt zu verstehen, dass ihn „diese Portmonees“ überhaupt nicht interessieren. Als Gründer und Investor mit Online-Fokus interessiere er sich eher für Smartphone- und Tablet-Taschen. Näher ans Internet rückt an diesem Abend ohnehin kein Produkt heran. Glasklar also, dass Thelen einsteigt. Auch Wischhusen lässt sich breitschlagen.

Beide sichern sich jeweils 20 Prozent am Unternehmen – doppelt so viel, wie vom Gründerteam ursprünglich angedacht. An der Finanzierung in Höhe von 50.000 Euro allerdings ändert sich nichts. Gefeiert wird das Abkommen, ebenfalls genretypisch, mit innigen Umarmungen, unterlegt von fröhlichem Gedudel. Der erste Deal der Sendung ist perfekt.

„Da glänzt man ja wie Affenarsch!“

Wer denkt, genau so würde es die kommenden Stunden weitergehen, liegt falsch. Natürlich ist die Idee des nächsten Kandidaten unausgereift, die Präsentation eine Katastrophe und das Konzept wird von den Investoren in der Luft zerrissen. Zur Dramaturgie jeder guten Castingshow zählt eben der Kontrast zwischen richtig guten und richtig miesen Kandidaten. Die „Höhle der Löwen“ macht da keine Ausnahme.

Trotzdem präsentiert sich das Format erfrischend undurchschaubar. Anders als bei DSDS, Supertalent und Konsorten stellt sich das erwartete Happy End in der Startup-Show oftmals nicht ein. Immer dann nämlich, wenn es auf die Entscheidung des letzten Jurors ankommt und der Zuschauer schon fest mit einer Zusage rechnet, werden Publikum und Kandidat bitter enttäuscht.

Manchmal kommt sogar ein wenig Mitleid auf, wenn einem Gründer die große Zukunft der eigenen Idee zumindest vorerst verwehrt bleibt. Allein der Erfinder eines Tabasco-Klons dreht den Spieß um und schlägt ein Angebot der Löwen aus. Die im Raum stehende Beteiligung von 26 Prozent ist ihm zu hoch.

Der Pitch einer Biologin, die Kosmetik auf Kuhmilch-Basis entwickelt, schaukelt sich zum Geplänkel mit Beauty-Fachfrau Judith Williams hoch. Der Kommentar von Erlebnis-Unternehmer Jochen Schweizer: „Ich hab mir die Creme drauf geschmiert. Da glänzt man ja wie ein Affenarsch!“

Investoren auf dem Siegertreppchen

So wird man am Ende der Show das Gefühl nicht los, dass die wahren Gewinner nicht etwa die Gründer sind, die den Zuschlag erhalten haben, sondern die investierten Business Angels – nicht nur weil in den Pausen ausgiebig für Jochen-Schweizer-Angebote geworben wird. Als der Erfinder einer antiallergischen Matratze von einer Beteiligung von anfangs 30 Prozent auf 60 Prozent heruntergehandelt wird, erscheint der junge Mann hilflos. Er stockt zunächst, lässt sich schließlich aber auf den Deal ein. Das mutmaßliche Totschlagargument: „Was da an Kompetenz in Vertrieb und Strategie sitzt, kommt so für mich nie wieder zusammen.“

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Der Touristikunternehmer und frischgebackene Matratzen-Investor Vural Öger klopft ihm verständnisvoll auf die Schulter und flüstert ihm zu: „Heute ist eine Sternstunde für dich.“ Dem ist sich der Matratzen-Entwickler allem Anschein nach nicht so sicher.

Wie sich das aus Japan und den USA abgekupferte Casting-Format um abgedrehte Ideen und launische Investoren-Charaktere in zukünftigen Episoden schlagen wird, werden die kommenden Wochen zeigen. Bislang jedenfalls belebt es allzu festgefahrene Castingshow-Mechaniken und punktet mit wenig vorhersehbaren Entscheidungen – auch wenn dadurch das ein oder andere vorausgesagte Happy End verwehrt bleibt.

Bild: Philip Artelt