Philipp Rösler (Rückansicht) und Peter Thiel im Zwiegespräch vor dem Talk.

Die zehn Lehren des Peter Thiel

Dieser Mann ist eine Legende: Peter Thiel, der Paypal- und Facebookmacher, einer der reichsten Männer des Silicon Valley (alle Infos über ihn im Promi-Lexikon), sitzt im Berliner Umspannwerk in Berlin-Mitte und mehr als 300 Gründer und Investoren hören zu. Wie er von damals berichtet, als er Paypal gegründet hat. Wie Mark Zuckerberg Facebook 2006 partout nicht an Yahoo verkaufen wollte. Wie er, Thiel, kurz überlegt hat, ob das eine kluge Entscheidung des damals 22-jährigen Zuckerberg war. Wie sie sich zusammengerauft haben und Yahoo einen Korb gegeben haben, obwohl das Unternehmen damals eine Milliarde US-Dollar geboten hatte. Eine Millarde!

#1 – Verkaufe nicht zu früh!

Was würde ich mit so viel Geld machen, habe ihn Zuckerberg gefragt, berichtet Peter Thiel. Nur ein neues Social Network gründen, soll Zuckerberg selbst geantwortet haben. Und: „Aber ich mag ja das, das ich gerade aufgebaut habe.“ Also, Nein sagen und weitermachen. Die erste Lehre des Thiel’schen Dogmas: „Das erste, was man tun muss, um eine erfolgreiche Firma aufzubauen, ist: Die Firma nicht zu verkaufen.“ Wenn Gründer zu ihm für ein Investment kommen, und dann sofort von einem späteren Exit sprechen, dann wisse er gleich: „Die haben keinen Plan und keine Vision!“ Daher ein weiterer Rat: „Denkt nicht zu früh an einen Exit! Bewahrt euch den Optimismus, dass euer Ding das nächste, große Ding wird!“

#2 – Berlin ist der beste Tech-Standort Europas, echt jetzt!

Thiel spricht deutsch am Montagabend. Er hat es nicht verlernt über all die Jahre in den USA. Fast sein ganzes Leben hat er dort verbacht, nachdem seine Eltern ausgewandert sind. Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler duzt ihn in seiner Willkommensrede. Das passt zur Nähe, die der FDP-Politiker Deutschlands Gründer immer wieder suggerieren will. Wie ein Besessener ist er in den vergangenen Monaten durch Startup-Deutschland gereist, hat hier eine Firma besucht, war in Israel, um dort die Tech-Community kennenzulernen, und hat sich auch im Silicon Valley rumgetrieben. Bei einem Abendessen hat er Thiel gefragt, ob er nicht mal nach Berlin kommen wolle. Irgendwie hat er ihn überzeugt. So sehr, dass Peter Thiel irgendwann den Gründern im Berliner Umspannwerk einen Gefallen tut. Die zweite Lehre des Abends: „Berlin ist der beste Tech-Standort in Europa.“ Aber das Silicon Valley mag er lieber, schiebt er hinterher.

#3 – Bewerte das Scheitern nicht über!

Klar, dass auch an diesem Abend nach den Unterschieden zwischen Silicon Valley und Berlin gesucht wird. Klar, dass wieder und wieder der Mythos bemüht werde, in den USA sei Scheitern kein Problem. Scheitern gehöre für Unternehmer eben dazu. Scheitern sei da drüben Teil einer anderen Kultur. Ja, sagt Thiel. Aber er sagt auch: „Man darf das Scheitern nicht überbewerten, scheitern an sich ist schlecht.“ Endlich sagt es mal jemand, möchte man rufen. Endlich betont mal jemand, dass auf die Fresse fliegen nicht so geil ist. Und endlich ordnet es jemand mal richtig ein: „Allerdings“, ergänzt Thiel, „wenn du nie scheiterst, dann warst du nicht ambitioniert genug.“

#4 – Pfeif auf 50-Millionen-Exits!

Wieder ein Facebook-Beispiel, von denen Thiel an diesem Abend einige hat: „Wenn deine Firma jedes Jahr um 100 Prozent wächst, dann mach keinen Exit für 50 Millionen, sondern investiere jeden US-Dollar, den du hast, in die Firma. Wenn du etwas wirklich Großes baust, ist deine Firma viel mehr wert.“

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Mark Zuckerberg handele seit neun Jahren nach dieser Maxime. Also findet Thiel das gut.

Und überhaupt scheint er von Exits nicht allzuviel zu halten, obwohl er selbst den Grundstock seines Vermögens mit einem Exit erworben hatte: Mit einem 1,5 Milliarden-US-Dollar-schweren Verkauf des von ihm mitgegründeten PayPal an Ebay.

#5 – Sei besser! Und zwar nicht nur ein bisschen besser! 

Wer seine Zielgruppe – und auch Thiel, das macht er schnell deutlich – für das eigene Produkt begeistern will, muss mehr als gut sein. Er muss sehr gut sein. „Zehn Mal besser oder zehn Mal schneller als die Nummer zwei.“ Nur zehn Prozent besser, das reiche nicht.

#6 – Starte in einem kleinen Markt!

Oft sehe er Powerpointpräsentationen, in denen auf der ersten Folie der ganze globale Markt als Ziel angegeben wird. „Ein Gründer sollte groß denken, aber nicht größenwahnsinnig sein“, sagt Thiel. Heißt: Bei der Gründung nicht gleich vom Beherrschen globaler Märkte reden, sondern sich erstmal kleine Nischen suchen. Und dort langsam wachsen, Feedback von Nutzern und Kunden einholen und später schrittweise expandieren und internationalisieren. Wie bei Facebook: Die Plattform ist für 10.000 Studenten auf dem Harvard-Campus gestartet. Aber hatte nach zwei Wochen 60 Prozent Marktanteil. Später wurde erst von US-Uni zu US-Uni expandiert, bevor es raus in die Welt ging. „Es ist besser, 60 Prozent eines kleinen Marktes zu haben, als sich mit unzähligen Mitbewerbern um ein paar Prozente auf einem globalen Markt zu bekriegen“, sagt Thiel.

#7 – Vertrauen in die Gründer ist genauso wichtig wie die Idee!

Wenn Thiel investiert, muss ihn nicht nur die Idee das Startups begeistern, sondern auch seine Gründer. „Man muss großes Vertrauen in die Gründer haben, denn man kann sie nicht verändern“, radebrecht Thiel und meint: Die Idee kann noch so gut sein, wenn sie von Idioten angegangen wird, kann aus dem Startup nichts werden.

#8 – Verwende mehr Zeit auf die Namensfindung!

Laut Thiel gibt es Untersuchungen, die bestätigen, dass Namen von Consumer-Internet-Firmen, die aus zwei kurzen Silben bestehen, erfolgreicher sind als andere Firmen. Er zählt auf: Face-book, Pay-Pal, Drop-box, Air-BnB und so weiter. My-Space hätte zwar nach Thiels Maxime auch dazu gehören müssen, allerdings hatten die einen anderen Kardinalsfehler begangen: „Ein soziales Netzwerk funktioniert nur dann, wenn die Leute zuerst lesen, was andere machen und dann selbst anfangen über sich zu schreiben!“ Bei MySpace sei das anders herum gewesen: Lauter Narzissten, die sich nur selbst präsentieren wollten. Eben „My Space“ und kein „Face-Book“, das das Konsumieren schon im Namen trägt.

#9 – Schuffte 80 Stunden die Woche!

Deutsche sind Thiel zu weich. Und die Berliner zuviel abgelenkt durch zuviel Party und Kultur und so. Gerade in der Gründungsphase sollte man auf die Work-Life-Balance pfeifen und ohne zu murren 70 bis 80 Stunden die Woche ranklotzen, sagt Thiel sinngemäß. Radikal! Aber wenn – Achtung, eine weitere Facebook-Anekdote! – Zuckerberg mit dieser Taktik Facebook groß gemacht hat, dann müsse doch etwas dran sein. Es wird unruhig im Publikum, also relativiert Thiel: „Natürlich gibt es auch Gründer in Deutschland, die 80 Stunden die Woche arbeiten. Aber dann trauen sie sich nicht darüber zu sprechen. Sie schämen sich dafür. Das ist schade!“

#10 – Such dir einen innovativen Markt.

Jaja, Twitter sei schon eine große, erfolgreiche Firma, sagt Peter Thiel, als er auf sein Zitat „Wir haben von fliegenden Autos geträumt, stattdessen haben wir 140 Zeichen bekommen“ angesprochen wird. Aber in den vergangenen Jahrzehnten hätten eben alle nur in Bits und Bytes gedacht. Dabei gäbe es Felder mit viel größerem Innovationsbedarf und -potenzial. Alternative Energien, nennt er. Medizinische Versorgung. Nur sein Laborfleisch, darüber das spricht er nicht.

Wie sich Philipp Rösler und Peter Thiel auf den Talk vorbereitet haben, gibt es in diesem kurzen Stimmungsvideo zu sehen:

Mitarbeit: Nikolaus Röttger