Manche warten auf den Flug – andere auf die Entschädigung

Nur selten lässt sich der Wettbewerb um die Marktführerschaft so unmittelbar verfolgen. Innerhalb von wenigen Monaten haben sich gleich vier Startups mit einem neuen Angebot auf den Flugrechte-Markt gedrängt. Da ist Wirkaufendeinenflug, das mit seinem umstrittenen Gründungsinvestor Sebastian Diemer vor einem Monat viel Aufsehen erregte. Ein Jura-Student aus Hamburg legte etwa zeitgleich mit Compensation2Go los. Bereits vor ein paar Monaten nahm EUflight seine Arbeit auf – und das Potsdamer Startup Flightright startete kürzlich unter dem Label Flightcash ein ähnliches Angebot. Der Markt bewegt sich kräftig.

Den vier Unternehmen geht es um das Geschäft mit enttäuschten Fluggästen. Wer etwa vergeblich auf seinen Flieger wartet, dem bieten die Startups eine schnelle Entschädigung – bereits in wenigen Tagen wollen die Unternehmen die Reisenden auszahlen. Dadurch unterscheiden sie sich von den bisherigen Playern, die eine Entschädigung erstmal bei der Airline durchsetzen und dann an die Fluggäste zahlen. Oft erst Monate später.

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Gerade durch ihre Technik wollten sich Sebastian Diemer und sein CEO Konstantin Loebner von der Konkurrenz absetzen. Nach einer schnellen, automatisierten Prüfung per Algorithmus sollte ihr Startup Wirkaufendeinenflug – kurz WKDF – unverzüglich zahlen. Die Vision von „Legaltech“ beschrieb der ehemalige Kreditech-Chef vor einem Monat im Gespräch mit Gründerszene euphorisch. Das Presse-Echo rund um das neue Diemer-Projekt war erstmal groß. Doch nicht alle jubelten.

Es war ein Detail, das einem Wettwerber bitter aufstieß. In einem Bericht der Welt zum Start von WKDF war die Rede von einer Kanzlei, die am Startup beteiligt sei und „die Daten ihrer über Zehntausend Fälle zur Verfügung“ stelle. Ein Vorgang, der laut Juristen rechtlich problematisch sein kann.

Ein Flugrecht-Anwalt steigt ein

Mit großer „Sorge“ habe das Startup Flightright diesen Text gelesen, sagt Geschäftsführer Marek Janetzke gegenüber Gründerszene. So würden sie doch schon länger mit der Hamburger Kanzlei KSP zusammenarbeiten, die auch mit WKDF kooperiert. Tausende ihrer Fälle habe KSP bearbeitet. Auf Nachfrage betont die Kanzlei nun gegenüber Gründerszene, keinerlei Daten weitergegeben zu haben. „Die Wahrung der anwaltlichen Verschwiegenheitspflicht ist für KSP wie für jede Anwaltskanzlei oberste Rechtspflicht“, heißt es schriftlich.

Auch ihr ehemaliger Mitarbeiter Jens Blaffert, der an WKDF beteiligt ist und künftig für das Startup arbeitet, habe keine „Daten aus den zuvor für andere Mandanten bearbeiteten Fällen zur Verfügung gestellt“, heißt es von der Kanzlei. Ein „Joint Venture“ mit dem Startup, wie es Diemer im Gespräch mit Gründerszene vor einem Monat noch angekündigt hatte, sei nicht geplant.

Wirkaufendeinenflug spricht selbst gegenüber dem Manager Magazin von einem „Missverständnis“. Auf Nachfrage von Gründerszene schreibt CEO Konstantin Loebner: „Uns interessiert, wann Airlines in aktuellen Fällen Entschädigungen auszahlen und wann nicht – und das wissen die Anwälte nach jahrelanger Erfahrung in diesem Bereich gut.“ Diese Expertise fließe mit anderen Daten in den Algorithmus mit ein.

Statt Technik würden vor allem Werkstudenten die Fälle prüfen, schreibt das Manager Magazin weiter. Loebner sagt, auch mit Algorithmus würden sie nicht ohne Menschen auskommen. Die Werksstudenten würden „die Telefonate entgegennehmen, Überweisungen vornehmen, Tickets auf Richtigkeit prüfen“. Nach ausgefeiltem Legaltech klingt das noch nicht.

Wer hat die höchsten Gebühren?

Dass Flightright – ein großer Player, der auf das alte Modell setzte – gerade jetzt ein Angebot zur Sofort-Entschädigung launcht, zeigt, wie sich der Wettbewerb aufheizt. Janetzke aber betont, es handele sich um einen „Zufall“. Die Potsdamer hätten sich das Modell schon länger angeschaut.

Aber wird das Geschäft auch funktionieren? Das hängt vor allem daran, wie gut die Startups die Erfolgsaussichten der Fälle einschätzen können. Je nach Entfernung stehen den Fluggästen beispielsweise bei einer Verspätung entweder 600 Euro, 400 Euro oder 250 Euro zu. Bei schwierigen Fällen lassen sich die Airlines vor Gericht ziehen, nicht immer ist der Ausgang gewiss. Doch bei sicheren Fällen macht das Startup ein gutes Geschäft.

WKDF-CEO Konstantin Loebner kann an der Bewertung von Sebastian Diemer nichts Schlimmes finden.

50 Prozent der Entschädigung inklusive Mehrwertsteuer würden sie am Anfang einbehalten, hatte WKDF-Investor Diemer gegenüber Gründerszene vor einem Monat gesagt. Ein Anteil, der Fragen aufwirft: Auf der Website wirbt das Startup mit einer Entschädigung „von bis zu 400 Euro“. Bei einer Höchstentschädigung von 600 Euro ist das nicht möglich.

Loebner antwortet jetzt: „Es gibt momentan keinen festen Prozentsatz, der einbehalten wird. Die Höhe der Provision wird von Fall zu Fall beurteilt, je nach individuellem Risiko.“ Das Manager Magazin schreibt allerdings von Fällen, die den 50-Prozent-Anteil bestätigen, und auch Gründerszene liegt ein solcher Fall vor. Beim Angebot des Konkurrenten Flightright spricht der Geschäftsführer Janetzke von 30 bis 50 Prozent an Gebühren.

Der Wettbewerber EUflight setzt auf einen festen Satz für die Sofort-Entschädigung, der sich nach Mehrwertsteuer auf etwa 40 Prozent beläuft. Das Unternehmen erhalte täglich Anfragen von enttäuschten WKDF-Kunden, behauptet Gründer Lars Watermann. Daraufhin habe er sich die Domains www.wirkaufendeinenflugfuermehr.de und wirkaufendeinenflugschneller.de gesichert. „Wir garantieren Fluggästen nicht nur bis zu 50 Euro höhere Direktentschädigung, sondern auch eine Fallbearbeitung innerhalb weniger Stunden“, sagt er gegenüber Gründerszene.

Probleme mit dem Mail-Provider

Die „wenigen Stunden“ sind ein weiterer Seitenhieb in Richtung WKDF, beschweren sich doch über Facebook zahlreiche Kunden, dass sie keine oder eine verspätete Antwort bekommen. „Das Angebot wird nicht eingehalten. Ich warte schon ewig und habe keine Rückmeldung erhalten“, schrieb ein Nutzer vor Kurzem.

Im Forum Vielfliegertreff wird über WKDF gelästert. „Der Algorithmus heißt bestimmt Susanne“, heißt es spöttisch. Loebner schreibt zu den unzufriedenen Kunden: „Bei uns gingen am ersten Tag statt der erwarteten 50 Anfragen um die 1.000 Anfragen ein, deswegen wurde es etwas chaotisch.“ Weitere Probleme habe es mit dem „E-Mail-Provider“ gegeben – nur ein Bruchteil der Kunden sei betroffen gewesen.

Das Bewertungssystem hat WKDF auf Facebook jedenfalls mittlerweile ausgeschaltet. Schlechte Bewertungen hatten sich gehäuft. Da half auch nicht die positive Wertung von Gründungsinvestor Sebastian Diemer höchstpersönlich – wie auf dem Screenshot oben zu sehen ist.

Bild: Getty Images/RyanJLane