Digitale Autonomie

Ein Beitrag von Stefan Fritz, Gründer von Synaix. Unter „Digitale Splitter“ bloggt er zudem über die digitale Gesellschaft.

Technologie: ein Mehr an Möglichkeiten und Komplexität

Es liegt nicht an Google, nicht an der NSA und auch nicht am BND. Wir Menschen waren noch nie autonom, wir haben immer nur davon geträumt, es zu sein. Unser Schmerz über den Verlust der Autonomie durch das Internet ist also eher ein Phantom-Schmerz, ein Schmerz über einen Verlust von etwas, das wir nie wirklich besessen haben.

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Mal abgesehen davon, dass wir Menschen uns wohl kaum als autonom bezeichnen können, wenn wir in unserem Körper auf Millionen parasitärer Lebensformen für unsere elementaren Stoffwechselprozesse angewiesen sind, gab es bereits in der Welt der einfachen Werkzeuge keine echte Autonomie für uns: Seit wir Menschen uns mit den ersten Werkzeugen wie Blasrohren oder Keilen in die Welt der Technik aufgemacht haben, können wir nicht mehr ohne diese existieren. Die digitale Welt als Weiterentwicklung der Technik führt uns lediglich einmal mehr schmerzhaft vor Augen, dass der Rückweg in eine von uns Menschen selbstbestimmte Welt wohl endgültig versperrt ist.

Technologischen Fortschritt betrachten die meisten von uns positiv, eröffnet er uns doch persönlich neue Möglichkeiten:

  • Auch wenn wir unsere Kleidung im 20. Jahrhundert nicht mehr im Fluss waschen mussten, so kennen wir noch die Erzählungen unserer Großelterngeneration über den wöchentlichen Waschtag mit Waschzuber, Seifenlauge, langwierigem Trocknen, aufgesprungenen Händen und dem folgenden Bügeltag. Dank Waschmaschine und Trockner-Technologien geht es uns schon seit den 60er Jahren bedeutend besser, weil wir jede Woche deutlich weniger Energie und Arbeitskraft in diesen Arbeitsbereich investieren müssen. Wir freuen uns, dass wir die Zeit, die früher für diese eher unangenehmen Aufgaben anfiel, nun für neue Möglichkeiten und Optionen nutzen können.
  • Ähnlich verhält es sich mit der Mobilität: Tagelange Reisen mit der Postkutsche wurden durch die Eisenbahn auf Tage bis Stunden reduziert. Heute legen wir große Entfernungen binnen Stunden und Minuten zurück. Auch hier sind wir froh über die große Zeitersparnis und das damit verbundene Mehr an Optionen für jeden Einzelnen von uns.

Der technologische Fortschrift verhilft uns zu mehr Wahlmöglichkeiten: Er befreit uns von anstrengenden und/oder monotonen Tätigkeiten und beschert uns freie Zeit, die wir – so hoffen wir – selbstbestimmt gestalten können. Soweit, so gut.

Mit genau diesem technologischen Fortschritt steigt aber auch die Komplexität um uns herum. Und das bedeutet weniger Kontrolle; wir werden von immer mehr Abläufen abhängig, die wir nicht mehr selber verantworten oder beeinflussen können.

So kommt es, dass wir Menschen über die letzten Jahrtausende im Zuge der technologischen Entwicklungen immer mehr von unserer Selbstbestimmung eingebüßt haben.

Informationen als Mittel zur Selbstbestimmung

Doch dabei gab es einen Gegenpol, der uns Menschen geholfen hat: Informationen!

Mit zunehmendem Informationsgewinn konnten wir Menschen in einer Reihe von Bereichen anscheinend der Komplexität Herr werden: Die Zeitung hat unser lokales Leben geordnet, Börsen ordneten Märkte und ein gutes wissenschaftliches Modell hat uns bei vielen alltäglichen und strategischen Entscheidungen unterstützt.

In der digitalen Welt haben wir die Informationsbeschaffung und Informationsverwertung zum Grundsatz erklärt. Mit dramatischen und fatalen Folgen für die Menschheit:

Anstelle eines Gegenpols zur zunehmenden Komplexität des technischen Fortschrittes schafft die gigantische digitale Form der Informations-Beschaffung und -Verarbeitung über das Internet eine neue mega-komplexe Welt. Mit jeder neuen Chance, die uns diese neuen Informationen zum Ordnen der Welt und Entrinnen aus der Komplexität bieten, geraten wir zugleich tiefer in den Komplexitäts-Sumpf. Und wie in jedem Sumpf besteht die Gefahr, darin nicht nur stecken zu bleiben, sondern sogar unter zu gehen.

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Auf der Arbeitsebene wurden in den vergangenen 200 Jahren im Rahmen der Automatisierung immer mehr Aufgaben von Menschen auf Maschinen übertragen. Der Arbeitsprozess wurde dadurch effizienter gestaltet. Die teure und flexible Ressource Mensch war zuständig für die komplexen Elemente und die Steuerung des Prozesses und verfügte über die dafür notwendigen Informationen.

Inzwischen können unsere hochentwickelten digitalen Systeme viel komplexere Aufgaben durchführen und übernehmen weitere Arbeitsschritte von Menschen. Für den Menschen selbst bleiben damit die Aufgaben übrig, die Computer und Co. (noch) nicht erfüllen können. Der Mensch wird zum Zuarbeiter für die Technik – eine wenig befriedigende Rolle! Und diese Entwicklung betrifft zunehmend Berufsfelder, die wir lange Zeit für nicht austauschbar gehalten haben.

Nach Bankangestellten und Reiseberatern sehen sich auch Piloten und Ärzte damit konfrontiert, dass ihre Funktion und ihr Wissen von Computern abgebildet und präsentiert werden. Im Notfall aber sollen sie den Ausfall von Technik-Elementen kompensieren können und in dieser Ausnahmesituation alle dafür notwendigen Informationen parat haben. (Damit kommt die Job-Anforderung dann dem Superhelden-Image wieder näher…)

Bitte wenden – hier geht’s zur nächsten Seite: „Raus aus dem Hamsterrad“.

BILD: © PANTHERMEDIA.NET / HAYATI KAYHAN

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