Digitale-Gruenderzeit-Buch

Ein Teil des Buchcovers von „Digitale Gründerzeit“

Tobias Kollmann ist Online-Gründungsexperte. An der Universität Duisburg-Essen lehrt der Professor E-Entrepreneurship. Mit NetStart investiert er zudem in Jungunternehmen und betreibt als Vorsitzender des Beirats „Junge Digitale Wirtschaft“ Lobbying für die Gründerszene.

In seinem neuen Buch „Digitale Gründerzeit“ beschreibt Kollmann, wie eine konsequente Netzpolitik für Startups aussehen muss. Es folgt ein exklusiver Buchauszug für Gründerszene.

Kapitel 2 aus „Digitale Gründerzeit“ von Tobias Kollmann

Für die Digital Immigrants, also die mittlere Generation, die vor 1980 geboren wurde, waren es noch Batman, Superman und Spiderman, für die jüngeren Digital Natives sind es international Zuckerberg, Bezos und Omidyar und national vielleicht Samwer, Hinrichs und Gadowski. Das digitale Zeitalter hat eine neue Form von Superhelden hervorgebracht: Die Entrepreneure im Web! Den Traum, schon in jungen Jahren ein eigenes Unternehmen aufzubauen, wachsen zu lassen und zum digitalen Weltmarktführer auszubauen, haben viele Gründer eines Startups in der Net Economy.

Nur die wenigsten schaffen es (leider) und so werden die erfolgreichen Entrepreneure auf Konferenzen, Summits und Seed-Camps der Online-Branche gefeiert wie Popstars. Sie hatten einen Traum und eine Idee, sie fanden Investoren und eroberten einen riesigen elektronischen Markt, sie erzielten ein exponentielles Wachstum und realisierten einen erfolgreichen Exit über Verkauf oder Börsengang. Mit den Erlösen und dem sodann vorhandenen eigenen Reichtum helfen sie fortan auch der nächsten Gründergeneration als Business Angel und/oder spenden einen Teil Ihres so schnell gewachsenen Vermögens für wohltätige Zwecke, womit zumindest letzteres wieder die Züge einer heldenhaften Tat signalisiert.

Ansonsten sind auch die digitalen Superhelden über die zahlreichen Blogs, Newsfeeds und Online-Journale in Realität etwa so greifbar wie die Superhelden aus den Comics – im Normalfall unerreichbar. Und trotzdem sind es ihre Geschichten, die die Welt des E-Entrepreneurships so faszinierend machen.

Erfolgreiche Gründer von Startups in der digitalen Wirtschaft sind im internationalen Umfeld die Superhelden der Digital-Natives-Generation. In Deutschland müssen sie immernoch um die Anerkennung von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft kämpfen.

„I invest in people not in ideas“, so entsprechend der Ausspruch eines nicht näher bekannten Venture-Capital-Gebers, der jedoch immer wieder Anwendung findet und die Bedeutung des Entrepreneurs für den Gründungs- und späteren Unternehmenserfolg unterstreicht. Wissenschaftlich gesehen gibt es analog aus zahlreichen Studien viele Hinweise, wie der perfekte Entrepreneur gestrickt sein sollte.

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Er soll den Willen haben, eine herausragende Leistung zu erbringen und sich mit beruflichen Aufgaben auseinanderzusetzen, die sowohl herausfordernd als auch realistisch umsetzbar sind. Er soll aus Kontroll- und Machbarkeitsüberzeugung heraus agieren und damit den Glauben haben, für sein eigenes Schicksal und die Ergebnisse seines Handelns selbst verantwortlich zu sein und dies aktiv beeinflussen zu können. Er sollte ein prinzipielles Unabhängigkeitsstreben haben und damit den Drang danach, sich von Autoritäten unabhängig zu machen sowie sich selbst zu verwirklichen. Hinzu kommen noch eine klare Problemorientierung, eine kalkulierbare Risikoneigung, eine spezifische Ungewissheitstoleranz und natürlich eine hohe physische und psychische Belastbarkeit.

Startups sind die Träger von digitalen Innovationen und damit die Wchstumstreiber für die Zukunft der digitalen Wirtschaft in Deutschland!

Kurz, er muss wie Superman sein und wenn er es nicht alleine kann, dann innerhalb eines Teams wie bei den Fantastic Four. So oder so, Entrepreneure sind wichtig für die Innovationsfähigkeit einer Branche, einer Wirtschaft und eines Landes. Deswegen brauchen wir auch in Deutschland die Gründer und Startups der Net Economy! Wir brauchen die E-Entrepreneure und damit die Superhelden der digitalen Generation!

Das hat inzwischen in Deutschland auch die Politik im Ansatz erkannt und so sind Startups beziehungsweise E-Ventures über den synonymen Begriff der „Jungen Digitale Wirtschaft“ als Thema (endlich) in der Politik angekommen. Was mit einem Internetgipfel im Juni 2012 als Gesprächskreis mit Bundeskanzlerin Angela Merkel anfing, setzte sich auf dem IT-Gipfel im November 2012 in Essen fort und mündete in die Gründung des Beirats Junge Digitale Wirtschaft (BJDW) durch Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler im Januar 2013 im damaligen Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi). Parallel wurde der Bundesverband Deutsche Startups (BVDS) gegründet und auch der BITKOM erklärte die „Young IT“ zu einem Themenschwerpunkt.

Die Netzpolitik muss die Rahmenbedingungen schaffen, dass deutsche Startups in Zukunft zumindest die Möglichkeit bekommen, im globalen Online-Wettbewerb eine signifikante Rolle spielen zu können.

Im Vorfeld der Bundestagswahl 2013 findet diese Entwicklung mit dem Ergebnisbericht des BJDW, der Deutschen Startup Agenda des BVDS, den Get-Started-Vorschlägen der BITKOM und dem Startup-Manifesto auf EU-Ebene einen weiteren Höhepunkt. Im Koalitionsvertrag nahmen im Resultat die Themen „Digitale Wirtschaft“ und „Digitale Startups“ nicht zuletzt auch aufgrund der Basisarbeit des BJDW einen wichtigen Platz ein.

Seit der letzten Bundestagswahl befassen sich zudem mit Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel, Bundesinfrastrukturminister Alexander Dobrindt und Bundesinnenminister Thomas de Maizière gleich drei Mitglieder der Bundesregierung mit dem Thema „Digitales“, es gibt einen eigenen Bundestagsausschuss „Digitale Agenda“ und im Juli 2014 wird der erste Entwurf der Digitalen Agenda der Bundesregierung im Netz bekannt.

Ist damit das Glas für eine Netzpolitik für Startups der digitalen Wirtschaft in Deutschland nun halb voll oder halb leer? Immerhin ist die Digitale Agenda nun die Basis für konkrete Umsetzungsmaßnahmen!

Die Startups der digitalen Wirtschaft in Deutschland

Unabhängig von der Frage nach dem Stand im Wasserglas kann die aktuelle Situation von Startups der digitalen Wirtschaft in Deutschland derzeit wie folgt beschrieben werden:

1. Es existiert eine substantielle Gründerszene in Deutschland und die zugehörigen Online-Startups sind enorm wichtig für die digitale Transformation der deutschen Wirtschaft. Diese jungen Innovationstreiber werden gebraucht, um auch in Zukunft wettbewerbsfähig zu sein. Die weitere Entwicklung und Unterstützung muss dabei unabhängig sein von irgendwelchen Party-Diskussionen und Hype- beziehungsweise Anti-Hype-Prognosen.

2. Berlin ist der führende Standort für Online-Startups in Deutschland. Das bedeutet aber nicht, dass nicht auch in Hamburg, München, Köln und sonst irgendwo in Deutschland tolle Startups entstanden sind und auch weiterhin entstehen sollten. Im Hinblick auf die gesamte Gründerszene kann es nur gut sein, wenn diese von Schwankungen bei einzelnen Standorten unabhängig ist und sich die Gründerszene robust an mehreren Standorten entwickeln kann. Dabei ist ein Berlin-Bashing anderer Städte und Regionen genauso überflüssig, wie ein Hotspot-Hochmut seitens der Hauptstadt.

Wir brauchen keine Party-Diskussionen und Hype- beziehungsweise Anti-Hype-Prognosen, kein Berlin-Bashing oder Hotspot-Hauptstadt-Hochmut, sondern vielmehr eine grundsolide und breite Gründerszene in ganz Deutschland!

3. Auch wenn die deutsche Gründerszene inzwischen eine stabile Größe hat, so kann das nicht darüber hinwegtäuschen, dass die digitalen Weltmarktführer nicht aus Deutschland kommen und sich Startups in den USA schneller und einfacher entwickeln können. Entsprechend muss weiterhin an den Rahmenbedingungen für Startups in Deutschland gearbeitet werden, um in Zukunft den jungen Unternehmen der digitalen Wirtschaft eine Chance im internationalen Wettbewerb zu geben. Dabei lässt sich leider die Wiege der digitalen Wirtschaft mit dem Silicon Valley in den USA in Deutschland nicht einfach nachbauen. Daher muss man versuchen, eigene Wege zu gehen.

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Unsere Startups stehen in einem intensiven internationalen Wettbewerb in Europa und den USA. Zahlreiche Studien weisen dabei immer wieder auf die fundamentalen Nachteile für den Standort Deutschland für die Entwicklung von international erfolgreichen Startups der digitalen Wirtschaft hin: Eine allgemein zu geringe Gründungsneigung, zu wenig Risikobereitschaft für die eigene Selbstständigkeit, zu wenig Risikokapital für die Finanzierung von jungen Unternehmen und zu wenig Wachstumskapital für deren internationale Expansion, ein zu kleiner Binnenmarkt in jedem einzelnen EU-Land gegenüber der Größe des US-Marktes für die schnelle digitale Bekanntheit und Zielgruppenansprache im Netz sowie ein fehlender spezieller Exit-Kanal in Form eines Börsensegmentes für die Aufnahme von weiterem Kapital sowie dem berechtigten gewinnorientierten Verkauf von Anteilen durch Investoren aus der Frühphase der Unternehmensfinanzierung.

Diese Liste kann beliebig über rechtliche Rahmenbedingungen für Datenschutz und -sicherheit sowie viele weitere Punkte erweitert werden. Im Ergebnis gestaltet es sich entsprechend schwer, Startups der digitalen Wirtschaft aus Deutschland heraus zu Weltmarktführern zu entwickeln.

Was ist also zu tun? Wie muss eine konsequente Netzpolitik für Startups der digitalen Wirtschaft in Deutschland aussehen?

Die netzpolitischen Bedürfnisse der digitalen Startup-Szene

Um die digitale Wettbewerbsstrategie für Deutschland umzusetzen, brauchen wir bessere Rahmenbedingungen, die ein „Mehr“ an Startups und zugehörigen Unterstützungsleistungen als mögliche Kooperationspartner für die klassische Industrie ermöglichen. Dabei geht es nicht nur um eine schnelle Infrastruktur und eine Diskussion um Datenschutz, NSA und Netzneutralität, sondern insbesondere auch um die ausgebildeten und medienkompetenten Menschen, die die Chancen und Möglichkeiten der Digitalen Wirtschaft erkennen und ergreifen wollen.

Was wird also wirklich gebraucht, um digitale Weltmarktführer aus Deutschland heraus zu entwickeln? Die folgende Bedürfnispyramide für die (Junge) Digitale Wirtschaft in Deutschland gibt hierzu einen ersten Hinweis:

• Benötigt werden in der Basis die digitalen Denker und Macher als Arbeitgeber (Gründer) und Arbeitnehmer (Fachkräfte) und somit Köpfe für die digitale Wirtschaft. Das gilt in quantitativer aber auch qualitativer Hinsicht, von innerhalb und außerhalb von Deutschland.

• Benötigt werden private, öffentliche und unternehmerische Investitionen in digitale Innovationen und die Transformation bestehender realer Geschäftsmodelle und somit ausreichend Kapital für die Seed- und Expansion-Stage.

• Benötigt wird eine wettbewerbsneutrale und durchsetzbare rechtliche Gesetzgebung und somit faire Rahmenbedingungen für die deutsche digitale Wirtschaft in einer globalen Internet-Ökonomie.

Bedürfnispyramide für die (Junge) Digitale Wirtschaft

• Benötigt wird aber auch eine gesellschaftliche Anerkennung von Erfolg und Akzeptanz von Misserfolg im Hinblick auf digitale Unternehmungen und somit Chancen für den persönlichen und wirtschaftliche Exit – wie auch immer der im Einzelfall aussehen mag.

Die Basis dieser Bedürfnisse ist dabei das folgende Leitbild: „Digitale Wertschöpfung und gemeinsame Verantwortung von Startups, Industrie und Politik für die Digitale Wirtschaft und Gesellschaft.“ Bitte wenden – hier geht’s zu den netzpolitischen Empfehlungen für die Startup-Szene.

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