Mit welcher Software dokumentiert diese Maschine ihre Arbeit?

Noch vor 100 Jahren war die deutsche Wirtschaftsstruktur von der Landwirtschaft dominiert. Ein Bauer versorgte um 1900 gerade einmal vier Menschen mit Nahrung. Heute kann ein deutscher Landwirt theoretisch 133 Menschen ernähren. Eine gewaltige Leistungssteigerung, die durch Fortschritte bei der Mechanisierung und Pflanzenzüchtung, durch bessere Pflanzenschutzmittel und -dünger möglich wurde.

Und die Erträge müssen weiter steigen. Die Weltbevölkerung wächst, Wissenschaftler gehen davon aus, dass sich die Zahl der zu Versorgenden pro Landwirt in den nächsten 35 Jahren auf 200 erhöhen wird. Doch Zucht- und Anbaumethoden gelten als ausgereizt und bieten kaum mehr Potential für größere Erträge in Deutschland.

Precision Farming durch intelligente Software

Ein Weg, der in Deutschland erst noch im Kommen ist, heißt „Precision Farming“. Durch den intelligenten Einsatz von Saatmaschinen, Mähdreschern oder Düngerstreuern lassen sich Felder präziser bewirtschaften. Mithilfe von Software, die die Arbeit der Landwirte dokumentiert, werden mögliche Ersparnisse sichtbar, zum Beispiel im Einsatz von Pestiziden oder durch eine genauere Aussaat. Laut Bitkom nutzen heute 19 Prozent der Bauern digitale Anwendungen, um ihre Feldarbeit zu dokumentieren.

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Die Mehrheit von ihnen arbeitet jedoch noch komplett klassisch mit viel Papier und Regalen voller Ordnern. Das Problem: Die Übersicht über die riesigen Acker-Flächen fehlt. Dabei könnten die Landwirte ihre Erträge steigern, wenn sie ihre Maschinen gezielter fahren ließen. Die Pestizide könnten präzise dort versprüht werden, wo sie hin gehören und bei der Saat würden die einzelnen Samen so gestreut, dass jeder das höchst mögliche Potential zum Keimen hat. Das reduziert die Kosten. Ob sich die Anschaffung eines Mähdreschers für einen analog arbeitenden Bauern zum Beispiel wirklich lohnt – oder ob es günstiger ist, diesen zu leihen, bleibt seinem Bauchgefühl überlassen. Doch das wird mit dem sogenannten Precision Farming nicht mehr lange so bleiben.

Software-Lösungen für den digitalen Landwirt

Trecker.com und 365FarmNet sind zwei junge Unternehmen, die mit ihrer Dokumentations-Software um die Gunst der deutschen Landwirte kämpfen. Das gemeinsame Ziel: Die Wirtschaftlichkeit der Landwirte zu verbessern.

Die Benuzteroberfläche von Trecker.com: Jedes Feld ist mit der Menge der ausgebrachten Saaten oder Düngemittel erfasst.

Das Startup Trecker.com startete 2012 an der Humboldt-Universität Berlin. Miro Wilms und Benedikt Voit entwickelten mit ihrem Team zunächst eine Software für Unternehmen, die Landmaschinen und Personal an Landwirte ausleihen, zum Beispiel während der Erntezeit.

Inzwischen konzentriert sich das Startup aber auf die Entwicklung ihrer Agrarsoftware zur Betriebsführung. Mit ihr können die Landwirte alle Daten ihrer Felder, zum Beispiel die Art und Menge der Düngemittel, die Fruchtfolgen und Erträge erfassen. Dadurch lassen sich Kosten und Rentabilität besser überblicken.

Die Benutzeroberfläche von 365FarmNet: Hier kann der Bauer sehen, auf welchen Äckern, welche Getreidesorten stehen.

Von durchschnittlich zehn Prozent Kostenersparnis berichteten ihre Test-Kunden, so Trecker.com. Die Einfachheit der Bedienung ist den Entwicklern dabei wichtig. Die Software brachte Trecker.com im November 2015 auf den Markt. Ein paar Dutzend deutschsprachige Landwirte aller Größen nutzen sie bereits. Nach eigenen Aussagen könne Trecker.com schon in wenigen Monaten profitabel wirtschaften, will aber zunächst weiter wachsen. Denn jetzt, wo viele Landwirte den Schritt in die digitale Ära endlich wagen, geht es darum den Markt zu erschließen.

Der Konkurrent 365FarmNet sitzt in Berlin nur wenige Straßen weiter. Die Software des Unternehmens verfügt über mehr Funktionen. Der Landwirt kann alle Tätigkeiten etwa auf seinen Mais- und Roggenfeldern dokumentieren und demnächst auch in seinen Kuh- und Schweineställen.

Im Gegensatz zu Trecker.com, das derzeit eine Software als Komplettlösung anbietet, baut 365FarmNet ein Software-Baukasten-System. Die Grundmodule für Pflanzenwirtschaft, Viehwirtschaft und langfristig auch Biogas-Anlagen können vom Landwirt individuell gebucht werden. Darauf aufbauend gibt es jeweils verschiedene Funktionen, wie die automatische Kalibrierung der Feldmaschinen zur optimalen Verteilung der Dünger.

Ungefähr 4.500 Bauern in Deutschland nutzen das System zur Ackerverwaltung bereits. Damit sind sie viel weiter als ihr Mitbewerber. Das ist aber auch kein Wunder: Hinter dem Unternehmen, das sich selbst als Startup bezeichnet, steht der deutsche Landmaschinenhersteller Claas, einer der globalen Marktführer.

 Welche Software kann sich durchsetzen?

Trotzdem ist das ungleiche Rennen noch nicht entschieden. Die Software beider Unternehmen setzt auf Cloud und GPS. Beide zielen auf langfristige Bindung der Landwirte. Trecker.com will durch Schlichtheit punkten: „Wir wollen nur die wichtigen Funktionen.“ Einige Bauern seien deshalb schon von 365FarmNet zu ihnen gewechselt.

Benutzeroberfläche von 365FarmNet: Hier kann ein einzelnes Feld ausgewählt werden, zum Beispiel, um die nächste Ernte zu planen.

Kostenpunkt: maximal einen Euro monatlich pro Hektar Agrarfläche. Größere Betriebe zahlen durchschnittlich einen niedrigeren Hektar-Preis. Die Software auf den PCs des Betriebes und auf den Smartphones der Arbeiter einzurichten, kosten für jeden Betrieb etwa 1.000 Euro. Um die Bauern zu überzeugen, ist die Benutzung in den ersten zwei Monaten kostenlos. Danach werden Jahres-Verträge abgeschlossen. Universitäten stellt Trecker.com ihr Produkt gratis zur Verfügung.

365FarmNet bietet sein Basismodul für die Verwaltung der Ackerflächen kostenlos an. Die Einrichtung sei einfach und vom Nutzer selbst zu übernehmen, so das Unternehmen. Für alle Zusatzfunktionen muss hektarweise, je nach Betriebsgröße, gezahlt werden. Für das Baustein-Modul zur Anbau- und Sortenplanung liegt der Preis beispielsweise bei 30 Cent pro Hektar pro Monat.

Datenschutz ist ein Kriterium

Die Zusatzmodule, die 365FarmNet anbietet, werden durch die enge Kooperation mit anderen Firmen möglich. Zum Beispiel mit dem Landmaschinenhersteller Amazone oder dem Saatguthändler Agravis. Wenn ein Landwirt Zusatzleistungen in Anspruch nimmt, wie die Kalibrierung seiner Maschinen oder die Berechnung von Düngemitteln, willigt er automatisch ein, dass seine Daten an das jeweilige Partnerunternehmen übermittelt werden. Laut 365FarmNet würden nur die Daten freigegeben, die zur Berechnung notwendig seien.

Verbraucherschützer, beispielsweise von der Organisation Germanwatch, warnen jedoch vor der massiven Datenerfassung der Landwirte. Aggressive und gezielte Werbemaßnahmen der Agrarkonzerne könnten die Folge sein. Außerdem würden die Bauern zu neuen Investitionen gedrängt, da die Software schließlich nur mit bestimmten Maschinen, Pestiziden oder bestimmtem Saatgut funktionierten.

Trecker.com will deshalb ohne Kooperationen auskommen. „Wenn man so eine Software kostenlos bekommen kann, ist man wahrscheinlich nicht der Nutzer, sondern das Produkt“, heißt es von Trecker.com mit Blick auf das Konkurrenzprodukt. Hier sollen keine Daten an Landmaschinenhersteller oder Saatgutvertreiber zurückgespielt werden. Die Software funktioniert Hersteller-unabhängig. Trecker.com spekuliert darauf, dass EU-Normen in Kraft treten, die Maschinen ohnehin bald einheitlich nach ISO-Richtlinien vorschrieben. Dann könnte die Software auf diesem Standard weiterhin ohne den Zuschnitt auf bestimmte Produkte aufbauen. Bis es soweit ist, sind erst einmal Zusatzfunktionen, wie eine Wetteranalyse, geplant.

Der Ton ist rauer geworden

Ob sich das studentische Startup Trecker.com gegen die Konzern-finanzierte Konkurrenz 365FarmNet bis dahin halten kann? Trecker.com war eigenfinanziert bis Target Partners im November 2014 2,1 Millionen Euro investierte. In 365FarmNet ist Class zu 100 Prozent investiert. Ihm steht mehr als das zehnfache an Geldmitteln zur Verfügung. Das Team von 365FarmNet zählt momentan fast 60 Mitarbeiter, das von Trecker.com etwa 40.

Beide haben Landwirte im Team und arbeiten eng mit Vertretern aus der Praxis zusammen. Eigentlich sei der Markt groß genug für sie beide, sagen die Unternehmen. In Deutschland gibt es ungefähr 280.000 Landwirte, und noch ungefähr 275.000 potentielle Kunden. Und die große Konkurrenz, zum Beispiel FarmLogs und Granular, sitzt in den USA. Diese beiden US-Startups haben im letzten Jahr bei Finanzierungsrunden zweistellige Millionensummen eingesammelt, unter anderem von Google Ventures.

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Trotzdem schenken sich die beiden deutschen Wettbewerber nichts – der Ton ist rauer geworden. Warum sonst hätte das Unternehmen Trecker.com abmahnen lassen sollen? Am zweiten Messetag der Agritechnica, der weltweit größten Landwirtschaftsmesse in Hannover, erreichte Trecker.com eine Abmahnung vom Messnachbarn. Der Vorwurf: Sie hätten mit dem unzulässigen Superlativ „die einfachste Software der Landwirtschaft“ geworben. Allein an der Größe der Stände wurde sichtbar, dass hier in unterschiedlichen Ligen gespielt wird.

365FarmNet sprach hinterher zwar von einem Versehen, dass es wirklich zur Abmahnung gekommen sei. Zurücknehmen wollte es die rechtlichen Schritte jedoch nicht. Trecker.com reagierte humorvoll mit einem „zensiert“-Aufkleber auf den Buchstaben s und t. Für das Startup war das Bußgeld von rund 1.500 Euro zwar ärgerlich, brachte gleichzeitig aber eine erhöhte Medienresonanz ein. „Das war gut für unser Selbstbewusstsein“, teilte die Firma mit. Der Vorfall habe deutlich gezeigt, dass sich Trecker.com als Unternehmen etabliert habe.

Bild: NamensnennungWeitergabe unter gleichen Bedingungen Bestimmte Rechte vorbehalten von stanzebla