durated-ivarsson-lundeborg-berlin

Screenshot des Anti-Durated-Blogs einer ehemaligen Mitarbeiterin des Berliner Startups

Frustriert klingen ehemalige Mitarbeiter von Durated im Gespräch, wenn sie über die Gründer des Berliner Startups reden. Milde ausgedrückt. Einer sagt: „Ich will, dass sie untergehen“, andere warnen: „Mit ihnen darf man keine Geschäfte machen“. Eine freie Grafikerin, die sechs Wochen für das Startup designt hat, schreibt in ihrem Blog gar: „Durated, wenn ihr das hier lest: Fuck you.“ Gemeint sind Joakim Lundeborg und Fredrik Ivarsson, die die Firma im April 2013 gegründet haben. Wie haben die beiden Schweden es geschafft, so unbeliebt zu werden?

Zunächst konnten Lundeborg und Ivarsson, beide Mitte Dreißig, doch namenhafte Investoren für ihr Berliner Startup begeistern. Und nicht nur für das: Vor ihrem Engagement in Berlin gründeten beide in Schweden mehrere Unternehmen und gewannen Geldgeber dafür. Heute haben diese Firmen eines gemeinsam: Sie sind bankrott und haben Investoren und Angestellte mit schlechter Laune und finanziellen Forderungen zurückgelassen. Sowohl in Schweden als auch in Deutschland wird und wurde gegen die beiden Gründer ermittelt.

Ursprünglich wollten Lundeborg und Ivarsson mit ihrem zwölf-köpfigen Berliner Team eine soziale E-Commerce-Plattform aufbauen, die transparenten und nachhaltigen Konsum fördert. Die Geschichte der verkauften Produkte sollte auf der Durated-Website festgehalten werden: die Herkunft und Herstellung, wer die Waren kauft und was die Eigentümer damit erleben. Der Slogan zum Geschäftsmodell: „With great shopping comes great responsibility“.

Bekannte Investoren gaben viel Geld

Anzeige
In ihre Idee sollen die Durated-Geschäftsführer mindestens zwei Millionen Euro gesteckt haben, wie Gründerszene zugetragen wurde. Geld gegeben haben Business Angel Oliver Pabst von B-to-v, Christoph Maires Atlantic Internet, der brasilianische Milliardär Elia Tasca, Tim Müller von Bugatti Shoes und Jeroen van Agtmael von Breuninger. Beteiligt haben sich außerdem Xyo-Gründerin Zoe Adamovicz, Hans-Jürg Rufener und Facebook-Produktmanagerin Angela Zäh. Auch Lundeborg und Ivarsson investierten über verschiedene Unternehmergesellschaften in Durated.

Doch das Kapital reichte nicht lang: Die Durated-Seite ist laut Webarchiv mindestens seit Mitte Dezember 2014 unerreichbar, bei Facebook gab es seit Oktober 2014 keine Updates. Mitarbeiter berichten, dass die beiden Gründer bereits seit Anfang 2014 nur noch sporadisch Gehälter gezahlt hätten. Seit Frühling sollen gar keine Löhne mehr an Angestellte überwiesen worden sein. Auch die AOK und die Techniker Krankenkasse wandten sich an Durated. Ihre Forderungen: Über 70.000 Euro aus nicht bezahlten Versicherungsbeiträgen für Angestellte.

Joakim Lundeborg verfolgte eine Hinhaltetaktik. Per SMS und Mail, die Gründerszene vorliegen, vertröstete er seine früheren Angestellten: Bald gebe es neue Investments, morgen schon würde Geld überwiesen werden, man arbeite daran, die Dinge zu regeln. Diese Nachrichten zogen sich von Frühling bis Winter vergangenen Jahres. Ein Mitarbeiter hatte genug und beschwerte sich beim Berliner Arbeitsgericht. Er gibt an, dass Durated ihm über 40.000 Euro schulde. Das Arbeitsgericht bestätigte gegenüber Gründerszene, dass ein Mahnverfahren gegen die Firma anhängig ist.

Während Lundeborg noch auf Nachfragen des früheren Durated-Teams reagierte, soll Fredrik Ivarsson bereits seit längerer Zeit von der Bildfläche verschwunden sein. Für Gründerszene war keiner der beiden telefonisch erreichbar. Auf E-Mails reagierten sie ebenfalls nicht.

Hohe Schulden und Sportwagen

Wie viel Außenstände Durated wirklich hat, ist unklar. Elf ehemalige, vorwiegend freie Mitarbeiter haben sich in einer Facebook-Gruppe zusammengeschlossen. Sie arbeiteten nur wenige Wochen für Durated, ihre Forderungen: 107.000 Euro. Der weitaus größere Schuldenberg dürfte durch Festangestellte entstanden sein: Rückstände bei Gehältern und Spesen sollen bereits im Herbst bei einer halbe Million Euro gelegen haben. Obwohl es finanzielle Probleme gab, stellten Lundeborg und Ivarsson danach mindestens noch zwei neue Mitarbeiter ein. Einer von ihnen gibt gegenüber Gründerszene an, bisher ebenfalls nicht bezahlt worden sein.

Der ausbleibende Erfolg bei Durated soll die Gründer nicht davon abgehalten haben, mit dicken Autos und einem Haus in Lugano zu protzen. Einige Mitarbeiter erzählen, wie Lundeborg und Ivarsson Bilder ihrer Sportwagen herumgezeigt hätten: Ferrari, Porsche, Lamborghini.

Der Schein von Reichtum mag die Hoffnung geweckt haben, dass Lundeborg und Ivarsson die Durated-Schulden begleichen können. Beide, sagen Mitarbeiter, hätten mehrfach versichert, sie würden Geld aus privaten Rücklagen in Durated stecken. Das sei aber nie geschehen. So haben auch Investoren hohe Geldsummen verloren. Hauptinvestor Oliver Pabst soll sogar teilweise Gehälter für die Angestellten aus eigener Tasche gezahlt haben. Pabst wollte das gegenüber Gründerszene nicht kommentieren.

Auch der Produktionsfirma DCM, Vermieter des Büros von Durated in Berlin Prenzlauer Berg, schulden Ivarsson und Lundeborg einiges. Dario Suter, Managing Director, berichtet im Gespräch mit Gründerszene, Durated habe mindestens sechs Monate lang keine Miete gezahlt. „Etwas vergleichbar Unprofessionelles ist uns glücklicherweise noch nie begegnet“, so Suter. Er findet: „Das hat auch nichts mehr mit unternehmerischem Pech zu tun.“ Allerdings müsse man Ivarsson und Lundeborg immerhin zugute halten, dass sie bemüht seien, die Schulden zurück zu zahlen, sagt er. „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“

Kurze Zeit nachdem Durated aus dem Büro geflogen ist, kontaktierte Rechtsanwalt André Eggert im Auftrag der Gesellschaft ehemalige Mitarbeiter. Die Bitte: Noch drei weitere Monate Zeit zu geben, damit Durated gerettet werden könne. Im Gegenzug, erklärte Eggert gegenüber Gründerszene, hätte die Schuld zwischen Mitarbeiter und Durated in eine persönliche Schuld zwischen Mitarbeiter und Geschäftsführer umgewandelt werden sollen, um so das Startup zu entschulden. Der erste Mitarbeiter lehnte ab, danach versuchte der Anwalt es nicht weiter.

Auch Probleme in Schweden

Die Schwierigkeiten bei Durated hinderten Lundeborg und Ivarsson nicht daran, ihr neues Projekt mit dem Namen Soulings Ende 2014 zu starten. Den beiden letzten Mitarbeitern, die bei Durated eingestellt wurden, erzählten die Gründer bereits, dass sie dafür arbeiteten. Soulings soll laut einer Stellenanzeige im Netz ein digitaler Service im Bereich Fashion und Social Media werden.

Das sinkende Schiff verlassen und neu anfangen: So arbeiteten Ivarsson und Lundeborg bereits vor Durated. Zunächst gründeten sie ein Unternehmen mit dem Namen Gamers Paradise Holding in Malmö, das sie mit Geschäftspartnern an die Börse brachten. 2008 wurde die Holding zahlungsunfähig. Danach gründeten sie Springplanet, das 2011 bankrott ging. Zwei ehemalige Mitarbeiter sagten gegenüber Gründerszene, sie hätten dort ebenfalls keine Gehälter erhalten. Einer berichtet, auch für Springplanet sei ein IPO geplant gewesen. Er habe allerdings entdeckt, dass die finanziellen Grundlagen dafür nicht gegeben seien und dies offengelegt, woraufhin die Insolvenz eingeleitet worden sei.

Anzeige
Zwielichtig erscheinen die Unternehmungen von Lundeborg und Ivarsson rund um die Metromark Hotels Holding – die schwedische Behörde für Wirtschaftskriminalität bestätigte gegenüber Gründerszene, in dem Fall zu ermitteln. Was ist passiert? Laut eines schwedischen Zeitungsberichts hat Lundeborg als damaliger Geschäftsführer Mitte 2010 mindestens sechs Millionen schwedischer Kronen aus der Kasse der Firma nach Italien gebracht, zu einem Ableger der Holding. Der Geldtransfer sei ohne die Einwilligung des Vorstands geschehen und habe dem Unternehmen Liquidität genommen, was schließlich zur Zahlungsunfähigkeit geführt habe. Die sechs Millionen Kronen machten einen großen Teil des zu der Zeit frischen Kapitals der Metromark aus: Bei einer Aktienemission im Frühjahr 2010 hatte Metromark laut Artikel nur 14 Millionen Schwedischer Kronen anstatt wie geplant 22 Millionen eingenommen.

Bei Metromark hatten sich bereits fragwürdige Verhaltensmuster angedeutet. Ein Investor bestätigte gegenüber Gründerszene, dass Metromark-Angestellte zum Teil keine Gehälter erhalten hätten. Er habe aus eigener Tasche einige dieser Schulden beglichen. Noch vier Jahre später schulde Lundeborg ihm etwa 80.000 Euro. „Keinen einzigen Penny hat er zurück gezahlt“, sagt der Investor im Gespräch.

Fraglich ist bei dieser Vorgeschichte, wie Ivarsson und Lundeborg für Durated überhaupt noch Investoren in Berlin für sich gewinnen konnten. Einige Ex-Mitarbeiter erklären das so: Joakim und Fredrik seien Visionäre, sie könnten mitreißen und überzeugen. „Aber sie sind eben furchtbare Manager.“

Es ist nicht sicher, ob auch nur ein Bruchteil der Schulden je zurück gezahlt werden wird. Bis heute ist Durated noch nicht im Insolvenzregister aufgetaucht. Ein Verfahren wegen Insolvenzverschleppung gegen Joakim Lundeborg und Fredrik Ivarsson wurde laut Berliner Staatsanwaltschaft im Januar eingestellt. Die Beweislage habe nicht ausgereicht. Aber: Das heiße nicht, dass das Verfahren bei neuen Beweisen nicht wieder aufgenommen werden könne. Diese wollen einige Durated-Mitarbeiter möglichst bald liefern.

Bild: Screenshot Durated.se