Drei Klassiker der Moderne: Ehssan, Tesla und das Bauhaus in Dessau

Dieser Mann ist kein sanfter Gleiter. Er will die Bewegung spüren. In jedem Moment. In jeder Faser. Ehssan Dariani sitzt neben mir am Steuer eines brandneuen Tesla S P90D mit Wahnsinnsmodus und beschleunigt, bremst oder lenkt – dazwischen gibt es nichts.

Ehssan ist nicht für ein berührungsloses, glattes, reibungsloses Leben gemacht. Er liebt Widerstände, gute Argumente, Intelligenz, Wissenschaft, schöne Frauen, Auseinandersetzung und abweichende Meinungen. Wenn sie gut begründet sind. Er hält nichts von Religion, geschniegelten Schnöseln und langweiligem Durchschnitt. Diese Haltung hat den Mann, der StudiVZ gegründet und vor fast zehn Jahren für 85 Millionen Euro an Holtzbrinck verkauft hat, zu einem Außenseiter gemacht. Seit seiner Jugend. Er liebte diese Rolle, als er kein Geld hatte und inzwischen kann er sie sich auch leisten.

Er sei ein wenig verrückt, heißt es, wenn man in der Berliner Startupszene nach Ehssan fragt. Es gibt unzählige Geschichten über ihn. Die meisten haben mit Geld, Krach mit Kollegen und Freunden, Frauen und seinen seltsamen Auftritten zu tun. Hinter dem Steuer wirkt er einfach nur unternehmungslustig, gut gelaunt und putzmunter.

Wir wollen nach Dessau. Zum Bauhaus. Mit Ehssan Dariani im Tesla nach Dessau. Alleine schon wegen der Überschrift.

Tesla ist eben auch noch ein Startup

Pünktlich steht er mit seinem Aston Martin am verabredeten Ort am Ku’damm. Wir fahren erwartungsvoll auf den Hof des Elektroautoherstellers Tesla. Aber leider ist der versprochene Testwagen nicht da. „Das ist hier halt ein Startup mit den üblichen Problemen, die durch schnelles Wachstum entstehen“, sagt er ruhig. Keine Spur von Verärgerung. Stattdessen wird gehandelt.

Nach ein paar Minuten Papierkram auf dem iPad sitzen wir in einem Tesla S P85 – zwei Nummern kleiner als abgemacht – und sind schon auf dem Weg nach Schönefeld. Dort befindet sich das zweite Verkaufsbüro von Tesla in der Berliner Region. Hier könnte das neue Top-Modell auf dem Hof stehen, hat uns der Verkäufer etwas vage versprochen. Und siehe da, da steht er. Es klappt und wir steigen um. Genau das sei eben der Unterschied, sagt Ehssan. 95 Prozent aller Menschen hätten es gar nicht erst versucht. Aber er gehört eben nicht zu dieser durchschnittlichen Masse Mensch. Er ist ein Unternehmer. Wo andere zögern, ist er schon unterwegs – und macht.

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Jetzt muss aber erstmal der Wagen zeigen, was er kann. Zum Start wird der bereits jetzt legendäre Wahnsinns-Irrsinns-Wunder-Beschleunigungsmodus ausprobiert. Den hat sich Ehssan einfach mal bestellt, obwohl der Preisaufschlag dafür noch nicht ganz klar war. Auf ein paar Tausender mehr kommt es beim Gesamtpreis von deutlich über 120.000 Euro auch nicht mehr an.

Wir biegen auf die Autobahn und mein vollkommen angstfreier Fahrer tritt das rechte Pedal mit einem Ruck durch. Das bringt den Tesla in 2,8 geräuschlosen Sekunden auf 100 Stundenkilometer. Fließend. Nein, das ist nicht beeindruckend, das ist einfach nur der komplette Irrsinn. Das meldet mir leider auch mein Gleichgewichtsorgan, das mit der Verarbeitung dieser ungewohnten Beschleunigung völlig überfordert ist.

Meine Hände und Füße beginnen zu kribbeln. Ein paar Innereien meines Körpers sind gefühlt noch in Schönefeld auf dem Parkplatz geblieben und kommen nur mühsam hinterher. Ist das noch Reisekrankheit oder schon eine aufkeimende Panikattacke? Nach wenigen Kilometern stecken wir dann im Stau. Bei Michendorf. Das kennt jeder Berliner aus dem Verkehrsfunk. Da hilft auch kein Tesla. Meine Rettung.

Wir steuern einen Rastplatz an und holen unseren Proviant aus den Alditüten. Es gibt Red Bull, Cola, Hühnchen, Brot, Tomaten, seltsame Trauben und rohen Rucola aus der Tüte. Zum Wegknabbern. Wo ist der Schnaps?

Zwei Jahre Realschule

Ehssan erzählt mir den Anfang seiner Geschichte. Von der Flucht mit der Familie aus dem Iran, als der erste Golfkrieg tobte. „Für uns Kinder war der Ausflug in den Schutzkeller eher ein Spaß. Dafür haben wahrscheinlich meine Eltern gesorgt.“ Doch dann entschied die Familie, nach Deutschland zu flüchten. Nach Kassel. Dort besuchte Ehssan das Gymnasium und zwischendurch auch mal zwei Jahre die Realschule, weil seine Deutschkenntnisse noch nicht ausreichten.

Die Eltern musste acht Jahre warten, bis sie wieder arbeiten durften. Eine lange und harte Zeit. „Meine Mutter hat zwischendurch Jobs angenommen, bei denen sie nur einen Euro pro Stunde verdient hat“, erzählt Ehssan. „Nur damit sie etwas zu tun hat.“ Diese Probleme sind heute aktueller denn je.

Inzwischen habe ich mich zur Beruhigung meines aus dem Gleichgewicht geratenen Gleichgewichtsorgans ans Steuer gesetzt. Mein äußerst defensiver, eher gleitender Fahrstil bleibt unkommentiert. Meinen Mitfahrer scheint er nicht zu stören. Den Tesla auch nicht.

Ich fühle mich auf den ersten Blick heimisch in diesem Auto. Weil mir die Bedienungselemente irgendwie bekannt vorkommen. Genau. Alles von Mercedes. Blinker, Gangwahlhebel und Tempomat. Deutsche Oberklasse als Zulieferer. Immerhin. Der Tesla ist gemütlich, fast lautlos und fährt sich durch die schwere Batterie in der Bodenplatte bombensicher. Der Wagen liegt wie ein Brett auf der Straße. Eigentlich ist nur das übergroße Display ungewöhnlich. Ich liebe fahrende Computer.

Außerdem gibt es noch ein paar Anzeigen, die man nicht auf den ersten Blick entschlüsseln kann. Sie haben mit der Batterielaufzeit und dem Stromverbrauch zu tun. Kilowatt. Ist klar. Wenn man das Gaspedal durchdrückt, zieht das Auto ab wie ein ausgeflipptes Rennpferd und eine der dünnen Kurven am Armaturenbrett zittert steil nach oben. Es ist schon ein seltsames Gefühl, dass der Ladezustand des Tesla mit dem gleichen kleinen Batteriesymbol wie im iPhone angezeigt wird. Der Entwickler des Displays kommt von Apple? Ach so. Man bekommt allerdings automatisch dieses ungute „Ich-habe-gleich-keinen-Saft-mehr“-Gefühl.

Ein unverbesserlicher Optimist

Wir brauchen noch eine Stunde bis Dessau. Mein Beifahrer springt im Gespräch dynamisch durch seine Lieblingsthemen. Dabei schaut er gerne nach vorne. In die Zukunft. Und ist dabei in jeder Hinsicht Optimist. Egal, ob es um Wissenschaft, digitale Revolution, Gesellschaft oder Politik geht. Alles wird besser. Solche Menschen trifft man sehr selten. Vor allem in Deutschland.

Der Verkauf seines Netzwerkes StudiVZ Anfang 2007 für 85 Millionen Euro beschäftigt ihn allerdings bis heute. Ehssan und seine Mitgründer wurden dadurch zu Multimillionären. Seine Erfahrungen mit dem Medienunternehmen Holtzbrinck lassen Ehssan aber bis heute nicht los. Für ihn sind Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Energie wichtig – für Holtzbrinck sei diese Mischung eher unerträglich gewesen, erzählt er. „Mit diesen Eigenschaften habe ich dort ganz viele Egos beschädigt.“

Auch bei Holtzbrinck war Ehssan ein Außenseiter. Er galt im Unternehmen als „Borderliner“, als überheblich und unerträglich. Er selbst sagt: „Da wurden nur Strukturen eingezogen. Hierarchieebenen. Aber das Produkt nicht weiter nach vorne entwickelt. Wenn man so ein Produkt nur den Strukturen anpasst, geht Speed verloren.“ Über Geld wurde natürlich auch gestritten. Nach seinem Abgang dauerte es jedenfalls nicht lange, bis StudiVZ von Facebook als das Lieblingsnetzwerk der Deutschen abgelöst wurde.

Ja, es hat neben StudiVZ diverse andere Versuche gegeben, so etwas wie das deutsche Facebook auf die Beine zu stellen, erzählt Ehssan. „Aber wir haben konsequent deutsche Bezeichnungen verwendet und dann das Wort ,Gruscheln’ erfunden.“ Monatelang war damals in den Medien spekuliert wordem, was dieses „Gruscheln“ wohl bedeuten könnte. Ein echter PR-Coup. Ehssans Kunstwort war ein Schlüssel zum Erfolg: „Gruscheln hat überhaupt keine Bedeutung. Jedes erfolgreiche Startup braucht ein Geheimnis, über das die Leute reden.“ Ein anderes Geheimnis war wohl, dass sich am Anfang viele hübsche Frauen aus der Bekanntschaft der Macher auf der Plattform angemeldet hatten.


Mein Ausflug mit Ehssan in Bildern – Teil 1:

Zur Galerie

Die Tesla-Filiale am Ku'damm in Berlin. Treffpunkt vieler Touristen, die mal schauen wollen.

Bitte wenden – hier geht’s zum zweiten Teil.

Bilder: Frank Schmiechen/Gründerszene

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