Seit Ende 2009 beteiligt sich die Tengelmann E-Commerce Beteiligungs GmbH, an „schnell wachsenden jungen Unternehmen“ im Internetumfeld. Zu diesen schnell wachsenden Unternehmen zählen für den Start Zalando und wie erst kürzlich berichtet, nun auch der Berliner Shoppingclub Brands4Friends (Gründerszene berichtete über den Einstieg bei Zalando und Brands4Friends). Während ihr Leitsatz „Funding your ideas“ zugegebener Maßen nicht gerade ein Marketing-Knaller ist, weiß der Track-Record des noch jungen StartUp-Investors für den Start dafür also bereits zu überzeugen.

Doch eins nach dem anderen: die Marke Tengelmann dürfte gemeinhin bekannt sein. Unter dem Familienunternehmen aus Mülheim an der Ruhr bündeln sich Marken wie A&P, KiK, Obi, Kaisers oder Plus.de, die in Summe gut 80.000 Angestellten eine berufliche Heimat bieten. Plus.de bildet seit 2001 den einzigen Online-Arm des Einzelhandelsriesen, der es 2008 auf 12,36 Milliarden Euro Umsatz brachte. Während die stationären Plus-Geschäfte an die Edeka-Gruppe verkauft wurden, wird Plus.de auch weiterhin als Marke im Internet betrieben und soll nun zum Internet-Use-Case für Tengelmann werden. Aus Branding-Sicht ein etwas irritierender Schachzug, aber die Strategen aus Mülheim verlassen sich darauf, dass bald die Online-Marke von Plus im Gedächtnis haften bleibt und überhaupt seien ja – wie das Beispiel Amazon zeigt – viele Offlinesparten dabei, komplett ins Internet überzusiedeln.

„Zukünftig werden wir unsere E-Commerce-Aktivitäten auch über Kooperationen und Beteiligungen ausbauen“, erläutert Karl-Erivan W. Haub, Geschäftsführer und persönlich haftender Gesellschafter der Unternehmensgruppe Tengelmann.  „Tengelmann wird seine Kompetenzen nutzen und diese zu einem Inkubator im E-Commerce-Bereich zusammenführen, der selbst Unternehmen hervorbringt und auch Dienstleistungen für Dritte anbietet.“ Die E-Commerce-Aktivitäten der Unternehmensgruppe werden operativ unter der Tengelmann E-Commerce Beteiligungs GmbH abgewickelt, dem Internet-Investmentarm des Unternehmens. Hauptverantwortlicher für diesen neuen Ecommerce-Bereich ist Christian Winter, der zuvor Geschäftsführer von Karstadt.de war.

Mit der Tengelmann NewMedia GmbH ist daneben bereits eine Firma entstanden, die als Agentur fungieren wird. Hier sollen wichtige Vermarktungsthemen wie Suchmaschinenoptimierung und -marketing für das Tengelmann-Portfolio – und langfristig auch Dritte – inhouse umgesetzt werden. „Bei Tengelmann bietet sich nun die einmalige Gelegenheit, das im Unternehmen schlummernde Knowhow in ein potentes Online-Unternehmen zu transformieren“, meint Christian Winter, Geschäftsführer der Tengelmann E-Commerce Beteiligungs GmbH. Karl-Erivan Haub pflichtet ihm hier bei und betont den Netzwerk-Gedanken des Unterfangens: „Wir haben ein klar definiertes Set an Fähigkeiten und Erfahrungen über die Jahre entwickelt und werden dieses nun einsetzen, um den Internetmarkt um eine Handelskomponente zu erweitern, welche die Erfahrung von Branchenkennern mit dem Gründergeist junger Experten vereint.“

Die Roadmap der Mülheimer sieht also zunächst attraktive Beteiligungen (an Zalando und Brands4Friends hält man jeweils zehn Prozent) gefolgt von Eigengründungen vor, die von einer hauseigenen Online-Agentur betreut werden. Der Investitionsfokus liegt dabei auf Ecommerce- und Social-Commerce-Konzepten, Marktplätzen sowie Internet- und Web2.0.-Technologien – Schuster, bleib bei deinen Leisten. Die mit Plus.de gesammelten Erfahrungen sollen so nicht nur in die Entwicklung von Onlineportalen für das restliche Portfolio fließen, sondern auch dabei helfen, Eigengründungen im Ecommerce-Segment anzuschieben. Ein durchaus spannender Gründungs- und Exitkanal für junge Gründer mit Ecommerce-Ideen.

Welche Chancen hat ein Internet-Inkubator aus dem Hause Tengelmann?

Es mag auf den ersten Blick verwundern, dass es im Jahre 2010 kein richtiges Kaisers.de gibt und dass auch Obi noch nicht im Online-Segment vertreten ist. Dass der Einzelhandel mit dem Internet einen riesigen Markt bisher nahezu außer Acht gelassen hat, dürfte augenscheinlich sein. Man wartete ab und schaute zunächst, wie sich die Dinge entwickeln; zu hoch wäre der Preis für ein mögliches Scheitern – sowohl materiell als auch beim eigenen Ansehen. Doch funktionierende Beispiele wie Amazon oder Zappos beginnen nun auch auf dem deutschen Markt Pendants zu finden und die Ecommerce-Offensive der Samwers und anderer Player im letzten und in diesem Jahr spricht für sich. Analog zum Aufkommen von zunehmend erfolgreicheren Ecommerce-Unternehmen wie Netzoptiker, Mister Spex, Enamora, BuyVIP oder eben Zalando und Brands4Friends steigt auch die Akzeptanz des Onlinehandels in der Bundesrepublik. Tengelmann versteht sich hier als Vorreiter im Einzelhandelsbereich.

Wie die Konkurrenz auch, hat man in Mühlheim das Internet lange abwartend beobachtet, nun wird zur Aufholjagd geblasen. Die getätigten Investments sind dabei für deutsche Verhältnisse schon ein ziemlicher Paukenschlag und wenn dort nicht nur Geld, sondern auch Expertise gewonnen werden kann, steht das Tengelmann-Imperium nicht schlecht da. Der Preis für diesen Knowhow- und Einflusszuwachs ist freilich verhältnismäßig hoch: die Branche munkelt etwa von einem 10-Millionen-Investment bei Brands4Friends.

Doch was für Charaktere stehen eigentlich hinter Tengelmann? Ralf Rogosch war zuvor im Medienbereich tätig und ist als Kopf des Tengelmann’schen Agenturbereichs vorgesehen, kennt er doch beide Seiten der Medienproduktion. Christian Winter verbindet langjährige Retail- und Ecommerce-Erfahrungen (u.a. Douglas.de, Finanztreff.de, Karstadt.de) und bringt so ein fundiertes Knowhow im Internet-Segment mit. Er wirkt fokussiert und bedacht, verkörpert in gewisser Weise den Kompromiss zwischen Online- und Offlinewelt – nicht allzu technisch orientiert, doch aber webaffin und modern genug für ein solides Ecommerce-Produkt. Karl-Erivan Haub ist ein sehr sympathischer, jovialer Mann der alten Schule. Er denkt wie ein Handelsmann, versteht sich aber gleichzeitig als Innovator und vollzieht die Internet-Anliegen seines Unternehmens mit starker Hand. Er ist dennoch ein absoluter Internet-Newbie und wennglich es sehr respektabel ist, dass er sich dem Internet so öffnet, ist sein Ansatz, alle Onlineanliegen inhouse zu lösen und sich mit viel Geld groß in der Szene einzukaufen, mutig.

In Acht nehmen müssen wird Tengelmann sich vor zu hohen Burnrates, was schon andere Großunternehmen wie Bertelsmann einiges Lehrgeld gekostet hat (zuletzt bei Scoyo), und davor, Strategien aus dem bisherigen Segment unangepasst zu übertragen. Ein Problem dessen man sich in Mülheim aber wohl bewusst ist: „Wir werden nicht den Versuch machen, ein neues Medium mit alten Strategien und Konzepten anzugehen“, verrät Karl-Erivan Haub selbstsicher. „Klar werden wir auch Fehler machen, aber den ein oder anderen haben wir bereits im Kleinen gemacht und werden ihn für unser zukünftiges Onlineszenario nicht noch einmal wiederholen. Wir werden uns darauf fokussieren, kostenoptimierte Internet-Unternehmen zu entwickeln, die mit einer dezidierten Strategie – besonders im Marketingbereich – ihren Markt angehen werden.“

Gerade das eigene Portfolio hält für Tengelmann dabei spannende Märkte bereit. So könnte Deutschlands Baumarkt-Marktführer Obi (über sechs Milliarden Euro Umsatz europaweit) mit einem umfangreichen Ecommerce-Auftritt zu einem veritablen Player im Versandhandel der DIY-Branche avancieren. Bisher sind die Wermelskirchner nur stationär unterwegs. Oder auch Supermarkt-Lieferservices wie von Kaisers in Berlin und München schon im Feldversuch gestartet, könnten Potential bieten. Tengelmanns Chancen, im Ecommerce erfolgreich Fuß zu fassen, sind also vom eigenen Knowhow, dem Portfolio-Fokus und der Geschäftseinstellung her durchaus positiv. Die Erfahrungen mit Plus.de sind zwar noch überschaubar, das Herangehen an den deutschen Markt wirkt aber dennoch strategisch und fundiert. Für den Ecommerce-Markt insgesamt wäre es auf jeden Fall wünschenswert, wenn die Strategie der Offline-Experten aus Mülheim aufgeht und den großzügigen Investments nun auch ein nachhaltiger Ausbau folgt.