Die Einhörner haben Post bekommen. Von der unangenehmen Sorte. Der Absender ist das Landgericht Köln, der Inhalt: eine einstweilige Verfügung. Warum?

Eigentlich schreibt sich das Social Startup Einhorn doch auf die Fahne, Gutes tun zu wollen. Das Berliner Unternehmen will faire und nachhaltige Kondome vertreiben, außerdem sollen diese noch schön verpackt sein. Die Gründer Waldemar Zeiler – auch Gründer des Online-Branchenbuchs Digitale Seiten – und Philip Siefer, Geschäftsführer des Berliner Startups Stickvogel, sammeln dafür gerade auf Startnext Geld von der Crowd ein. Die Funding-Schwelle von 50.000 Euro ist mit rund 92.000 Euro bereits deutlich überschritten.

Doch das Problem: Einhorn hatte damit geworben, „das weltweit erste und nachhaltige Kondom“ auf den Markt bringen zu wollen. Zeiler sagte zudem in dem Kampagnen-Video auf Startnext, bisher wisse kein einziger Kondomhersteller genau, von welcher Plantage sein Kautschuk eigentlich stamme. Der Kölner Wettbewerber Fair Squared, der nach eigenen Angaben bereits seit mehr als drei Jahren faire und nachhaltige Kondome vertreibt, fand das gar nicht lustig und wehrte sich.

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„Natürlich wissen wir, wo unser Latex herkommt“ – darauf besteht Oliver Gothe, Geschäftsführer von Fair Squared, gegenüber Gründerszene. Er findet: „Gerade wenn es darum geht, vielen Leuten – wie auf Startnext – etwas zu verkaufen, sollte man bei der Wahrheit bleiben. Den Umstand auszublenden, dass es noch andere Wettbewerber gibt, die längst das machen, wofür man Geld einwirbt, ist unfair: den Leuten gegenüber, denen man Versprechungen macht, aber auch gegenüber den Wettbewerbern. Es ist schlicht eine rotzfreche Kampagne.“

Gothe erzählt, er habe Einhorn-Mitgründer Zeiler mehrfach aufgefordert, diese Aussagen zu unterlassen und sich zu entschuldigen. Unter anderem schrieb Gothe auf der Startnext-Pinnwand von Einhorn: „[Ich bitte] Sie als Wettbewerber, bei der Wahrheit zu bleiben und die Öffentlichkeit richtig zu informieren.“

Einhorn-Mitgründer Zeiler rechtfertigte sich auf Startnext: „Natürlich wussten wir, dass wir mit der Aussage das ‚erste faire und nachhaltige‘ Kondom auch Kritik anziehen würden und das haben wir bewusst in Kauf genommen, um das Bewusstsein der Konsumenten beim Thema Kautschuk und Kondome zu schärfen. Und das gelingt uns natürlich nur in einer Diskussion, in der verschiedene Ansichten geteilt werden.“

Aber: Eine Richtigstellung und Entschuldigung seien letztlich nicht erfolgt, so der Fair-Squared-Geschäftsführer. Er hatte genug: „Ich habe daraufhin meinen Anwalt gefragt, ob ich mir das bieten lassen muss – er sagte nein. Und ich habe gehandelt.“

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Ende Februar erfolgte dann eine Abmahnung von Einhorn, auf die das Startup auch reagierte. Allerdings, so teilte Fair-Squared-Anwalt Kevin Kruse Gründerszene mit, habe die Gegenseite die geforderte Unterlassungserklärung nur für eine abgemahnte Behauptung abgegeben: dass kein Unternehmen wisse, woher es seinen Kautschuk beziehe. Und: Die Unterlassungserklärung sei nur für das Unternehmen, nicht aber für Einhorn-Geschäftsführer Waldemar Zeiler persönlich abgegeben worden. Das sei wichtig, denn der hafte ebenfalls für wettbewerbswidrige Aussagen seines Unternehmens.

Zudem seien die „beiden streitgegenständlichen Aussagen“ nachweislich nach der Abmahnung weiter verbreitet worden – schriftlich auf Startnext und im Crowdfunding-Video des Startups, so der Anwalt. Daraufhin hatte Fair Squared die einstweilige Verfügung beantragt.

Einhorn drohe bei Verstoß ein Ordnungsgeld von bis zu 250.000 Euro oder sechs Monate Ordnungshaft, schreibt das Startup auf seinem Blog. Die einstweilige Verfügung ist allerdings nur vorläufig, Einhorn könnte juristisch dagegen vorgehen.

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Riskieren wollte das Startup offenbar lieber nichts: Es reagierte auf die Verfügung, indem es die beiden Aussagen aus dem Video und von der Startnext-Seite entfernte. Darüber hinaus schrieben die Gründer nach eigenen Angaben rund 50 Websites an, die zu Einhorn und der Crowdfunding-Kampagne berichtet hatten, und baten die Verfasser, die Aussagen ebenfalls zu entfernen. Ein großer Teil habe bereits reagiert, sagte Einhorn-Gründer Philip Siefer gegenüber Gründerszene.

Trotz dieses Eingeständnisses betonen die Gründer ihr Unverständnis über das Vorgehen von Fair Squared: „Wir verstehen nicht, warum es nicht einfach einen offenen Dialog gab, statt direkt vor Gericht zu ziehen“, so Siefer. „Man kann doch darüber reden. Und das war ja unser Ziel – dass mehr über Nachhaltigkeit gesprochen wird. Unser Mitbewerber bekäme dann ja auch mehr Aufmerksamkeit.“ Er findet: „Der Markt ist groß genug für alle.“

Im Einhorn-Blog schieben die Gründer die Verantwortung von sich: „So kann man natürlich kein Business aufbauen, wenn man ständig von der Gunst eines Wettbewerbers und dem Zufall abhängig ist. […] Natürlich lassen wir uns davon nicht unterkriegen aber wir sind schon etwas geschockt von dem extrem aggressiven Vorgehen eines ‚fairen‘ Wettbewerbers der das Einhorn systematisch einschüchtern will und nicht bereit war die Diskussion öffentlich zu führen.“

Dass Fair Squared nach der Abmahnung weitere juristische Schritte unternehmen würde, damit hatten die Einhorn-Gründer jedoch offenbar bereits gerechnet: Laut Kruse lag dem Landgericht Köln schon zum Zeitpunkt des Antrags für die einstweilige Verfügung eine sogenannte Schutzschrift von Einhorn vor. Darin hat das Startup seine Argumente vorgebracht: Die Begriffe „fair“ und „nachhaltig“ seien nicht spezifizierbar, sondern Werturteile. Da die Argumentation der Gegenseite vorgelegen habe, sei keine mündliche Verhandlung erforderlich gewesen, so Kruse.

Gegenüber Gründerszene unterstreicht Einhorns Mitgründer Siefer, man wolle keinen Rechtsstreit. „Es war uns nicht klar das es so starke Ansprüche auf den Titel ‚erstes faires nachhaltiges Kondom‘ gibt.“ Natürlich hätten die Aussagen „catchy“ geklungen, seien aber längst nicht das einzige Verkaufsargument. „Ja, wir wollen faire und nachhaltige Kondome. Vielleicht sind wir nicht die ersten, aber wir machen das gut. Hätten wir klarer dargestellt, was unser Verständnis dieser Begriffe ist, dann hätte der Fall völlig anders gelegen und wir jetzt wohl keinen Ärger“, gesteht Siefer ein.

Zumindest sei Einhorn das erste Unternehmen, das Kondome in Chipstüten vertreibe, glaubt Siefer. „Und ich hoffe, dass wir bald auch das erste mit eigener Plantage und Schule sind.“

Auch wenn die Angelegenheit ein Fall für die Juristen sei und er sich darüber geärgert habe, so Fair-Squared-Gründer Oliver Gothe, „ist die Sache inzwischen aber für mich persönlich erledigt“.

Vielleicht treffen beide Seiten dennoch noch einmal aufeinander. Zeiler hatte Gothe nämlich im Rahmen der Diskussion auf dem Startnext-Blog zu einem Talk-Duell vor versammelter Presse in Berlin eingeladen – in Kostümen: „Danach können die Verbraucher selbst entscheiden, wer Recht hat“. Der Sieger werde in jedem Falle ein faires und nachhaltiges Kondom sein, so Zeiler.

Und Gothe? „Ich mache da sofort mit“, so der Fair-Squared-Gründer gegenüber Gründerszene. „Aber nur, wenn es sich um eine seriöse Diskussion handelt.“

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