ElektroCouture-Gründerin Lisa Lang

An einem sonnigen Samstagnachmittag flitzt Lisa Lang durch die High-Tech-Werkstatt Fab Lab im Prenzlauer Berg. Zwischen Lötkolben, Figürchen aus dem 3D-Drucker und einem Lasercutter (ihrem Liebling, wie sie erzählt), bereitet sie ihren monatlichen Wearable-Technology-Workshop vor. Lang ist Mentorin beim Hardware.co-Accelerator, Unterstützerin der Geekettes und dazu (noch) Vollzeit-Angestellte bei einem Cloud-Kommunikationsdienst. Und: Sie ist Gründerin von ElektroCouture, „Mode, die leuchtet“ – ein Wearable-Technology-Startup.

Seit fast zehn Jahren arbeitet Lang leidenschaftlich im IT-Bereich, Mode und Design begeistern sie auch. So kam sie auf die Idee, das alles zu verbinden: ElektroCouture, im Oktober gegründet, entwickelt Mode, in die unterschiedlichste Leuchtmittel wie etwa LEDs eingearbeitet sind. Mit Schals, in die Leuchtschläuche und Batterien oder USB-Kabel zum Aufladen integriert sind, fing alles an.

Die Gründerin wusste schon lange, dass sie sich selbstständig machen würde. Von ihrer Familie in Deutschland, einer „kleinbürgerlichen, fränkischen Handwerksfamilie“, wie sie sagt, hat sie diese Einstellung nach eigener Aussage nicht. Denn dort sei „diese bodenständige Angst, der man sich aussetzt, wenn man sich selbstständig macht“ weit verbreitet. Dann ist da aber noch der andere Teil ihrer Familie: Die australischen Auswanderer. Von ihren Verwandten, die seit mehr als 30 Jahren in Australien wohnen, ist fast jeder selbstständig, erzählt sie. Fünf Jahre hat Lang selbst dort verbracht.

2011 kam sie zurück nach Deutschland. Ohne auf die „deutsche Angst“ Rücksicht zu nehmen, ging Lang als Freiberuflerin im Bereich IT und neue Medien ins Risiko. Das habe sie auf die Unternehmensgründung vorbereitet, sagt sie – „aus teilweise ganz pragmatischen Gründen“. Beim Thema Steuern zum Beispiel: „Bist du Freiberufler, musst du herausfinden, wie du deine Steuern erledigen kannst. Mal ganz ehrlich: Wer investiert denn in deine Firma, wenn deine Bücher nicht in Ordnung sind?“

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Die Erfahrung half auch, psychologische Barrieren zu überwinden. „Die Angst, von der Klippe zu springen und auf sich allein gestellt zu sein. Nicht mehr angestellt zu sein. Dieses Gefühl ist einem nach der Zeit als Freiberufler schon bekannt. Der Sprung zum eigenen Unternehmen ist dann nicht mehr ganz so weit.“

Ende Mai will sie ElektroCouture endlich Vollzeit in Angriff nehmen, bisher leitet sie noch das Berliner Büro des Cloud-Kommunikationsdienstes Twilio. Schon jetzt aber beschäftigt Lang sechs Mitarbeiter und Freelancer bei ihrem Startup. Das wird auch Zeit, denn eine Design-Kollektion wird gerade fertiggestellt, in den nächsten zwei Wochen eine Halsketten-Reihe mit circa 100 Exemplaren gelauncht, die mit Mini-LEDs bestückt sind.

Wenn von Wearable Technology die Rede ist, denkt man oft an High-Tech-Uhren, die gleichzeitig als Smartphones dienen, oder an atmungsaktive Sportkleidung, die automatisch den Puls und die gelaufene Strecke misst. „Wenn wir an Wearable Technology denken, glauben wir, dass ein Produkt tausende Funktionen haben muss“, stellt Lang fest. „Wir haben den Spieß umgedreht und sind zu minimalistischem Design zurückgekehrt.“

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Während des Gesprächs kommen immer wieder Mitarbeiter oder Bekannte auf sie zu, Lang nimmt sich für alle Zeit und erteilt Ratschläge. Dabei redet sie ohne Punkt und Komma. Dass man diese Hands-on-Mentalität 24 Stunden, sieben Tage die Woche, nicht immer durchhalten kann, hat sie bereits am eigenen Leib erfahren müssen. Kurz vor der Rückkehr nach Deutschland hatte sie einen Burnout. „Zu der Zeit war ich 26 Jahre alt und hielt gerade meine erste Executive-Position“, erzählt Lang. „So schlimm es klingt, diese Erfahrung war sehr wichtig und gut für mich. Ich war in meinen Zwanzigern; da denkst du, du bist unverwundbar. Ich musste einmal richtig gegen die Wand fahren.“

Noch steht ElektroCouture am Anfang, die Produktauswahl ist übersichtlich. Die paar vorhandenen Produkte haben dafür stolze Preise: Ein Schal kostet auf Etsy 299 Euro. Finanziert wird Startup bislang nur mit eigenem Kapital, sagt Lang, eine staatliche Förderung werde aber bald beantragt. „Wären wir von einem VC finanziert, müsste auch dessen Einstellung zu uns passen. Denn es würde nicht nur um das Geld gehen, das wir bekämen, sondern zum Beispiel auch um Ratschläge und andere Möglichkeiten, wie wir von der Zusammenarbeit profitieren könnten,“ so Lang. „Auch haben wir hier in Berlin das Problem, dass sich viele Risikokapitalgeber auf Digital fokussieren. Und das machen wir nun einmal nicht.“

Lang führt Gespräche, gibt Tipps, hört zu, raucht, redet, lacht und gibt Ansagen. Man merkt: Sie ist immer voll dabei, schöpft alle Möglichkeiten aus. Das ist auch ihr Motto: „Man kreiert sich seine eigenen Möglichkeiten, Glück gibt es nicht“, sagt sie. „Pippi Langstrumpf war in dieser Hinsicht ein tolles Vorbild: ,Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt‘ hat sie gesungen.“ Sie lacht. „Wenn es etwas nicht gibt, das ich will, dann mache ich es mir halt selber.“ Und so wie sie das sagt, bleibt kein Zweifel.

Es gibt kein Glück. Und keine Perfektion, wenn man Lang glaubt. „Viele Leute versuchen perfekt zu sein. Aber das funktioniert nicht, damit stoppst du das Ausprobieren und die Innovation. Das habe ich auch von nicht-deutschen Firmen gelernt. Dort war ich immer The German, die Deutsche, die alles perfekt machen wollte. Aber: Nothing’s perfect. Diese Einsichten haben mir bei ElektroCouture sehr geholfen.“

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Auch wenn ihr Startup gerade erst schlüpft, Lang hat viel vor: „Die Fashion-Industrie ist reif für eine Marktrevolution“, sagt sie. „Wie einst andere Industrien, zum Beispiel die Musikindustrie, die von Firmen wie Spotify revolutioniert wurde.“ Wie macht sich das bemerkbar? „Die Industrie dümpelt nur noch vor sich hin, jahrzehntelang hat sich nichts Innovatives getan. Es gibt nur alte sogenannte ,Experten‘, denen alle nach der Nase laufen.“ Statt neuer Innovation würden alte Trends – Retro – wieder aufgerollt. Bis jetzt. Denn Lang ist sich sicher: „Wir sind bereit, die Modeindustrie aufzumischen“.

Galerie: 18 Gründerinnen in Deutschland

Bilder: Cristopher Santos