Ein US-Utopist auf dem harten Boden der Realität des deutschen Wirtschaftsministeriums. Sigmar Gabriel und Elon Musk sprachen über Energie und den Klimawandel.

Die Schlange der Interessenten war fast 200 Meter lang. Vor dem Bundesministerium für Wirtschaft hatte sich ein buntes Völkchen versammelt, das den Ausführungen des schon zu Lebzeiten legendären Tesla-Chefs lauschen wollte. Erleuchte uns, Elon! Das ist der große Wunsch des Publikums. Doch Musk machte es seinen Fans nicht leicht. Zu sprunghaft, seltsam unsortiert und zu improvisiert wirkten seine Ausführungen im Gespräch mit Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel und einer indisponierten Moderatorin. Elektroautos, Raketen, Besiedelung des Mars, Sonnenenergie, Klimawandel und Batterien für den Privathaushalt. Ok, da kann man schon mal den Faden verlieren. Vielleicht braucht es so ein sprunghaftes Gehirn, um richtig groß, vollkommen anders und digital zu denken.

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In seiner Eingangsrede merkte man Minister Gabriel an, dass er seinen Gast vielleicht doch nicht ganz so ernst nimmt. Kann es sein, dass er ihn ganz heimlich für einen durchgeknallten Utopisten hält? Gabriel sagte, er hätte sich vor dem Besuch eingelesen und zwei Dinge seien ihm besonders aufgefallen: Musks Idee, den Mars mit Atombomben zu bewerfen, um ihn schnell zu heizen und damit bewohnbar zu machen, und dass man Musk inzwischen schon mit Leonardo da Vinci vergleiche. Da hätte man dem deutschen Wirtschaftsminister doch etwas mehr zugetraut. Vielleicht irgendwas mit digitaler Wirtschaft?

Dann sprach Elon Musk. Ohne Manuskript. Er präsentierte sich als praktischer Visionär, der an der Lösung der richtig großen Menschheitsprobleme arbeitet. Zum Beispiel am Thema Klimawandel. Er wolle sich in 30 Jahren nicht von seinen Kindern fragen lassen, warum er nichts gegen die Erderwärmung unternommen habe, so Musk. „Wenn ich zurückschaue, will ich sagen können, ja, ich habe das Richtige getan.“ Seine Elektroautofirma Tesla erwähnte er dabei gar nicht, obwohl ihm der VW-Skandal eigentlich die perfekte Vorlage geliefert hatte. Dann sprach er schon lieber über Sonnenenergie. „Deutschland ist ein großes Vorbild im Bereich Sonnenenergie und kann stolz darauf sein.“

Aus Musks Perspektive sieht die Lösung der globalen Energiefrage ganz einfach aus. Der Ausstoß von CO2 muss besteuert und damit deutlich teurer gemacht werden. Die Sonne liefert mehr Energie, als wir verbrauchen können. Wir brauchen jetzt nur noch die richtige Technik, um sie zu erzeugen und anschließend zu speichern. Eingeweihte wissen, dass er gerade ein riesiges Werk in der Wüste von Nevada baut, in dem die Batterien für eine schadstoffärmere Zukunft gebaut werden sollen. Es ist – natürlich – das größte Gebäude der Welt und ist – natürlich – schon jetzt ein paar Nummern zu klein.

Aber dann ging es schnell um etwas völlig anderes: „Soll ich noch etwas über Raketen erzählen?“, fragte Musk. Freundlicher Applaus im Saal. Ja, alle wollten noch eine Prise Science Fiction. „In sechs Wochen stellen wir eine Rakete vor, die wieder auf der Erde landen kann. Wir wollen andere Planeten besiedeln, eine tolle Zukunft im Weltall haben.“ Andächtiges Schweigen im proppevollen Saal. In diesem Moment wirkt Musk tatsächlich wie der der „Iron Man“ Tony Stark aus dem Marvel Comic. Und dazu dieses rätselhafte Lächeln. Ist es ironisch? Oder etwas abfällig? Oder nur Ausdruck einer tiefen inneren Unsicherheit und Unruhe, die diesen Mann jeden Tag antreibt?

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Musk spricht gerne über seine Projekte, aber nicht über sich und seine Gefühle. Aber an einer Stelle platzt es doch aus ihm heraus: „Wissen Sie, es müssen aufregende Dinge passieren in einem Leben. Man kann nicht jeden Tag immer nur Probleme lösen. Dann macht das Leben keinen Spaß. Es muss Dinge geben, die dich glücklich machen und dich das Leben spüren lassen.“ Das war vielleicht seine wichtigste Botschaft an diesem Vormittag. Weit weg von Autos, Raketen und Batterien. Elon Musk spielt, er träumt. Er hat den Mut zu improvisieren und lässt sich auch nicht von einem biederen, deutschen Minister und einer völlig missglückten Moderation dabei stören, sein Leben zu spüren.

Eine junge Frau aus dem Publikum fragt gegen Ende der Veranstaltung, was Elon Musk sich wünschen würde, wenn er drei Wünsche frei hätte. Ihm fällt auch nach längerem Nachdenken und Schweigen keine Antwort ein.

Bild: Gründerszene