Es war ein Studenten-Projekt, das Jutta Frieden anfixte. Damals arbeitete sie mit ihren Kommilitonen an einer App, mit der man sich in Gebäuden zurecht findet. „Mir waren die Hände gebunden, weil ich nicht Coden konnte“, erzählt Frieden. Ihr blieb daher nur die Business-Seite des Projekts. „Das fand ich sehr langweilig.“

Anzeige
Als sie nach ihrem Mathe-Studium in München für den Master nach London ging, kam die Initiative „Code: First Girls“ gerade recht. Neun Wochen lang traf sie sich jeden Abend mit einer Gruppe von Studentinnen und lernte gemeinsam mit einem Lehrer zu programmieren. Als sie später anfing, bei einem Startup in London zu arbeiten, stellte sie sich abends selbst vor Lernwillige – und gab ihr Wissen weiter.

Mittlerweile streckt Frieden die Fühler wieder nach Deutschland aus. Seit ein paar Monaten arbeitet sie für das britische Fintech-Startup GoCardless, das Lastschriften automatisiert abwickelt. Sie soll dessen Service in ihre Heimat bringen – und will in Zukunft die Coding-Initiative gleich mit nach Deutschland bringen. Es gibt bereits ähnliche Projekte wie die Geekettes, doch der Bedarf für Intensiv-Kurse ist vorhanden.

Im Interview mit Gründerszene erklärt Jutta Frieden, was hinter Coding-Projekt für Frauen steckt – und warum man weiter über „Frauen in Tech“ sprechen muss.

Jutta, wie kommt es, dass so wenig Frauen in Fintechs arbeiten?

Fintechs zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass ihr Kernprodukt auf innovativer Technologie beruht. Es ist im Allgemeinen schon schwierig, gute Entwickler zu finden – dann unter diesen eine der wenigen Entwicklerinnen für das Team zu gewinnen, ist noch komplizierter. Der CTO des Londoner Fintechs Mondo hat extra einen Webcrawler geschrieben, um auf GitHub qualifizierte Entwicklerinnen ausfindig machen zu können. Hinzu kommt, dass die Finanzwelt sicherlich auch noch stärker männerdominiert ist.

Welche konkreten Probleme ergeben sich dadurch?

Die Produkte, an denen die Entwickler arbeiten, sind am Ende oft für eine breite Masse gedacht. Und es hat einen klaren Einfluss auf die Website oder App, wenn das Produkt nur von Männern entwickelt wurde. Es geht auch anders, wie etwa bei dem Online-Marktplatz Etsy, an dem verhältnismäßig viele weibliche Entwicklerinnen mitgearbeitet haben. Das Ergebnis spricht mich als Frau einfach sehr viel mehr an.

Ein grundlegender Fehler liegt sicherlich im Bildungssystem, in dem kaum Programmieren gelehrt wird. Viele der heutigen Entwickler haben sich einen Großteil zu Hause selbst beigebracht. Doch diese Defizit lässt sich nur langfristig ändern.

Genau aus diesem Grund ist die britische Initiative „Code First: Girls“ so wichtig. Das Intensiv-Programm richtet sich an technikinteressierte Frauen wie mich. Neun Wochen lang treffen sich die Studentinnen und Berufseinsteigerinnen, um coden zu lernen.

Wie lief das bei Dir ab?

Ich habe damals in London beim Bildungs-Startup Maths Doctor in der Produktentwicklung gearbeitet. Durch mein Mathe-Studium hatte ich bereits ein bisschen C++ gelernt, aber ansonsten konnte ich nicht coden. Wenn ich mit den Programmierern zu tun hatte, habe ich mich immer etwas unwohl gefühlt. Ich hatte ein bisschen das Gefühl, dass wir eine andere Sprache sprechen. Wenn es zum Beispiel um APIs ging, wusste ich nicht genau, wovon wir eigentlich reden.

Im Kurs hat uns dann ein Lehrer von der Oxford-Universität die Basics in HTML, CSS, Ruby on Rails und Datenbanken beigebracht. Und nach dieser Zeit wusste ich plötzlich sehr genau, was eine API ist. Das habe ich bei meiner Arbeit direkt gemerkt.

Was für Frauen waren in Deinem Kurs?

Viele hatten einen „Arts“-Hintergrund, sie haben also eher sozialwissenschaftliche Fächer studiert. Eine meiner Freundinnen im Kurs studierte Kunstgeschichte – und sagte, sie wollte immer als erste Frau die National Gallery leiten. Nun hat es sie als Entwicklerin zu einem Startup verschlagen. Ich denke, nach diesem Abstecher in die Tech-Branche kann sie es immer noch erreichen, Museumsdirektorin zu werden (lacht). Aber sie kennt nun eine ganz andere Welt.

Anzeige
Warum ist es wichtig, dass sich der Kurs speziell an Frauen richtet?

Er reißt Barrieren ein und zeigt, dass Tech nicht nur für Jungs ist. Er spricht Frauen an, die vielleicht schon mal etwas von CSS gehört haben, aber nicht genau wissen, was das ist. Und niemals zu einem Hackathon gehen würden.

Wer steht dahinter?

Die Organisation „Entrepreneur First“. Ein Accelerator, der als der europäische YCombinator gehandelt wird. Die beiden Gründer, zwei ehemalige McKinsey-Berater, haben gemerkt, dass es fast keine Bewerbungen von Frauen für ihr Accelerator-Programm gab und haben sich gesagt: Das wollen wir ändern. Im Sommer 2013 haben sie den ersten Kurs gestartet, in dem ich war. Der Fintech-Inkubator Level 39 hat die Räume gestellt und Lehrkräfte renommierter Unis haben die Kurse umsonst gegeben. 1.500 Frauen haben die Kurse mittlerweile absolviert – und die Angebote gibt es an vielen britischen Universitäten.

Du arbeitest jetzt bei GoCardless, allerdings nicht als Entwicklerin. Was hat Dir der Kurs gebracht?

Erst einmal hat es dazu geführt, dass ich mich intensiv mit Tech beschäftigt habe. In dieser Umgebung haben wir uns Teilnehmerinnen wohlgefühlt und angefangen, zu netzwerken. Über die Kurse habe ich so Jenna Brown kennengelernt, die damals bei GoCardless eingestiegen war. Sie hat mich zu dem wöchentlichen Programmierkurs eingeladen, den das Team von GoCardless intern veranstaltet hat. So habe ich das Unternehmen kennengelernt und mich entschlossen, zu GoCardless zu wechseln.

Und welche Vorteile hat es bei Deiner täglichen Arbeit?

Unsere Entwickler bei GoCardless haben uns so trainiert, dass wir beispielsweise alle GitHub benutzen können. Eine Kollegin hat angefangen, Datenbankanfragen selber zu schreiben. Der entscheidende Punkt bei diesen Kursen ist ja: Es muss nicht jeder ein Fullstack-Entwickler werden. Man kann das ganz gut mit Sprachen vergleichen: Viele sprechen kein perfektes Englisch, sie können sich damit trotzdem gut verständigen.

Du engagierst Dich selber auch in der Initiative.

Ich habe in der Londoner O2-Arena beispielsweise das Projekt vorgestellt oder vor Managern der Bank of America. Außerdem gebe ich als Lehrerin selbst einen Kurs für die Basics im Webdesign. Ich sitze auch öfter auf Panels zu dem Thema. Manchmal wird in Frage gestellt, wie viel man aktiv über das Thema „Women in Tech“ sprechen soll. Ich sehe das wie folgt: Wir müssen so lange offen über Frauen in Tech sprechen, bis es Normalität ist, dass Frauen über Tech sprechen.

Bild: Gocardless