San Francisco, California, USA

In San Francisco sitzt ein Großteil des europäischen Corporate-Innovation-Personals.

Irgendwie wollen sie alle ins Valley. An diesen Ort, an dem Internetunternehmen zuhause sind, die seit ihrer Gründung vor wenigen Jahren mit viel Glück ein paar Dollar Gewinn gemacht haben – und trotzdem höher bewertet sind als manch börsennotierter Konzern. Um von den Tech-Emporkömmlingen nicht abgehängt zu werden, schicken etliche Unternehmen deshalb Personal ins Silicon Valley. Einige dieser Mitarbeiter sollen die Szene beobachten, andere mit neuen Ideen experimentieren oder Startups auf ihre Relevanz für das eigene Geschäft abklopfen. Von ihren Dependancen erhoffen sie sich die Firmen Lektionen darüber, was ein Unternehmen mitbringen muss, um in der heutigen Zeit erfolgreich zu sein. Mitunter erhoffen sie sich wohl auch eine Beteiligung am nächsten Goldesel-Startup.

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Dem Zauber in der radikalen Welt der Innovation mit den eigenen Leuten vor Ort ein bisschen näher kommen – das wollen laut einem heute veröffentlichten Bericht der transatlantischen Startup-Initiative Mind the Bridge offenbar auch immer mehr Unternehmen aus Europa. Demnach unterhalten 44 europäische Konzerne Außenposten, sogenannte „Corporate Innovation Outposts“, im Silicon Valley und der umliegenden San Francisco Bay Area mit mindestens einem Vollzeit-Angestellten. Berücksichtigt wurde nur Personal, das für den Bereich Innovation zuständig ist. In die Auswertung kamen außerdem nur Unternehmen mit mindestens 1.000 Mitarbeitern und Hauptsitz in Europa.

Deutsche und französische Konzerne betreiben 28 der insgesamt 44 Außenposten, wobei Deutschland mit 15 Präsenzen vor Frankreich (13 Außenposten) liegt und damit die Liste anführt. Auf Platz drei folgt mit lediglich fünf Außenposten Großbritannien. Auf der deutschen Liste finden sich vor allem DAX-Konzerne, darunter BASF, Deutsche Bank, Telekom und BMW. Besonders häufig beschäftigen Unternehmen aus der Automobilbranche, Banken und Versicherungen sowie solche aus den Bereichen Telekommunikation und Energie eigene Leute in der Bay Area.

80 Prozent aller Außenstellen sind dem Bericht zufolge nach 2010 entstanden, etwa die Hälfte nach 2013. So gehen die Forschungs- und Entwicklungszentren („Corporate R&D Centers“) von Bosch in Palo Alto oder Volkswagen in Belmont bis in die Neunzigerjahre zurück. SAP dagegen ist neben seinen „regulären“ Büros im Valley erst seit 2015 in Palo Alto mit einem Innovation Center vertreten. Einer von drei europäischen Außenposten sitzt direkt in San Francisco, dazu gehören Audi und die RWE-Tochter Innogy.

Schritthalten als Erfolgskriterium

Die betrachteten Unternehmensvertretungen unterscheiden sich in ihrer Größe, ihren Zielen und der Intensität ihrer Tätigkeit. Teilweise sitzen die Mitarbeiter zu zweit oder dritt in einem Coworking Space, teilweise gibt es eigene Büros. Andere hängen wiederum an „externen“ Einrichtungen wie dem RocketSpace oder dem Plug-and-Play-Accelerator. Wie aus dem Bericht hervorgeht, ist fast jeder zweite Außenposten entweder in Form eines Beobachterpostens oder eines Venture-Capital-Büros aufgestellt. Bei den übrigen Niederlassungen handelt es sich etwa um Innovation Labs oder Forschungs- und Entwicklungszentren.

Als Aufgaben der Außenposten identifiziert der Bericht das Reporten von Trends, das Auskundschaften von relevanten, investitionswürdigen Technologien, das Einfädeln von Übernahmen oder Kooperationen sowie den Bau von Prototypen.

Bitkom-Chef Dirks: „Wir müssen das Silicon Valley nicht kopieren – aber kapieren“

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Thorsten Dirks, Telefónica-CEO und Bitkom-Präsident, will Startups und die deutsche Industrie zusammenbringen. Gelingen soll das in regionalen Hubs.

Die meisten Unternehmen kommen mit dem Ziel nach Kalifornien, sich gegenüber dem Wettbewerb technologische Vorteile zu verschaffen. Wenn schon nicht komplett dabei, so wollen sie offenbar zumindest einen Fuß in der Tür haben. Die Schweizerin Stephanie Naegeli arbeitet als Digital Innovation Manager für Nestlé in San Francisco. Im Bericht gibt sie zu Protokoll, dass Konzerne gar keine andere Wahl hätten, als mit der Technologie Schritt zu halten, und sich dafür mit anderen Playern zusammenzuschließen. Wer das nicht tue, der werde, so prophezeit sie, irgendwann „einfach nicht mehr relevant“ sein.

Im vollständigen Bericht, der unter dem Dach der Event-Reihe Startup Europe Comes to Silicon Valley (SEC2SV) erschienen ist und den ihr hier findet, sind alle Unternehmen mit Adressen, leitendem Personal und Geschäftszielen aufgeführt.

Bild: Getty Images/Gu; Update: 11.3.2017, 17.30 Uhr