Dunkle Wolken über Gründer-Deutschland?

Es klingt dramatisch: Die Zahl der Existenzgründungen nehme massiv ab. Innerhalb von vier Jahren soll sie um fast 100.000 Gründungen gesunken sein – auf nur noch 310.000 insgesamt im Jahr 2014. So ist es heute auf vielen Nachrichtenportalen zu lesen. Gleichzeitig ist aber ständig vom Gründerboom und dem Aufschwung der Startupszene die Rede. Gibt’s den also gar nicht?

Den Eindruck könnte man bekommen – so hatte auch die arbeitgebernahe Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) kürzlich festgestellt, dass die Zahl der Gründungen „regelrecht eingebrochen“ sei. Eine Niederlage für die Bundesregierung, die sich eine neue Gründerzeit zum Ziel gesetzt hat, stellt Spiegel Online fest. „Deutschland ist Gründungsentwicklungsland“, ätzt die Grünen-Abgeordnete Kerstin Andreae in der Rheinischen Post.

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Ist es wirklich so schlimm? Um das zu beantworten, lohnt es sich, auf die Genese der heutigen Meldung zu schauen. Hintergrund der Nachricht ist ein Zeitungsbericht der Rheinischen Post. Die hatte „exklusiv“ Zugriff auf die Antwort auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion. Solche kleinen Anfragen sind ein populäres Mittel für Abgeordnete, an bislang nicht öffentliche Zahlen und Statistiken zu kommen – oder die Bundesregierung auf eine Position festzunageln. Anschließend wird versucht, die Ergebnisse aus dem Antwort-Papier, das zuerst dem fragenden Abgeordneten zugeht, bei Journalisten unterzubringen. Die werden mit der potenziellen Exklusivität des Materials geködert. „Entlohnt“ wird der Abgeordnete üblicherweise mit einem Zitat in der entsprechenden Meldung.

Bei der kleinen Anfrage zum Thema Gründungszahlen dürfte das genau so gelaufen sein. Antragstellerin war die Grünen-Wirtschaftsexpertin Kerstin Andreae, sie darf sich in der Rheinischen Post daraufhin beklagen: „Die Bundesregierung redet viel über Innovation und Gründungskultur. Konkret tut sie allerdings kaum etwas, um die rückläufigen Gründungen in Deutschland abzuwenden.“

Nur: Weder sind die genannten Zahlen neu noch belegen sie einen Trend, wonach der Startup-Boom zum Erliegen gekommen wäre oder gar eine Gründungskrise herrsche.

Eigene Zahlen zum Gründungsverhalten hat die Bundesregierung nämlich gar nicht, wie das Bundeswirtschaftsministerium in dem Antwortschreiben zugibt. Dafür zitiert sie Statistiken des KfW-Gründungsmonitors und aus Erhebungen des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM). Die Zahl der abnehmenden Gründungen – eben nur 310.000 im Jahr 2014, gegenüber 417.000 im Jahr 2010 und ganzen 572.000 im Jahr 2004 – entstammt der IfM-Statistik und wurde bereits in der INSM-Publikation vor wenigen Wochen erwähnt.

Die Zahl 310.000 ist also alles andere als neu – wie das IfM gegenüber Gründerszene bestätigt, wurde sie sogar schon im März veröffentlicht. Dies als „exklusiv“ zu verkaufen, wie es die Rheinische Post tut, ist also mutig – und verleitet andere Medien leider auch dazu, eher darüber zu schreiben.

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Noch schlimmer ist aber das Versäumnis, sich die Zahlen nicht genauer angesehen zu haben. Wie Gründerszene schon im Falle der INSM-Studie analysierte, gibt es andere und teilweise aussagekräftigere Indikatoren: So steigt seit 2012 der Anteil der Gründer an der erwerbsfähigen Bevölkerung, vor allem dank einer größeren Zahl an Vollerwerbsgründern. Und: Seit 2011 ist der Anteil der sogenannten Chancengründer deutlich höher als früher. Chancengründer sind anders als die sogenannten Notgründer nicht durch drohende Arbeitslosigkeit motiviert, sondern haben eine explizite Geschäftsidee, sind laut Statistik erfolgreicher, beständiger und schaffen mehr Arbeitsplätze.

Bild: Haiko Hertes  / pixelio.de