Seit dem Beginn der Finanzkrise im Jahr 2008 ist die große Frage die sich angehende Gründer stellen: Was bringt 2009 für Internetgründer? Um die aktuelle Stimmung in der Branche zu vermitteln, haben wir einerseits Investoren und andererseits Gründer selbst genau diese Frage gestellt. In Teil 1 nun zuerst die Investorenstimmen, Teil 2 mit den Gründerstimmen folgt in Kürze.

Was bringt 2009 für Internetgründer?

Jochen Klüppel, Grazia Equity

“Das Jahr 2009 beginnt als ein Jahr voller Fragezeichen – momentan herrscht noch vollständige Ratlosigkeit vor, in welche Richtung sich die Wirtschaftsdynamik in den nächsten Monaten hin entwickeln wird. In Zeiten der Unsicherheit verhalten sich die meisten Investoren extrem zurückhaltend und kümmern sich in erster Linie um Ihr eigenes Portfolio”. Demzufolge sollten bereits finanzierte Internet-Unternehmer die Reichweite Ihrer Mittel strecken und mehr denn je eine Kommerzialisierung Ihrer Dienste vorantreiben. Nach Geldern suchende Unternehmer sollten Ihren Finanzbedarf aufs Nötigste reduzieren, um die notwendige Kapitalaufnahme zu reduzieren.

Hierdurch kann die schmerzhafte Verwässerung möglicherweise minimiert werden, denn das allgemeine Bewertungsniveau für Jungunternehmen ist heute bis zu 50% niedriger als vor 12 Monaten. Positiv ist natürlich, dass in diesem schwierigen Finanzierungsumfeld, auch die Wettbewerbssituation bei der Verwirklichung neuer Ideen deutlich entschärft ist. Historisch betrachtet, entstehen wahre “Perlen” oft in den größten Krisenzeiten. Wir freuen uns daher bei Grazia auf die Diskussion mit Unternehmerteams, die sich nicht entmutigen lassen, und jetzt erst recht ihren Traum verwirklichen wollen.”

Martin Weber, Holtzbrinck Ventures

„Gründer werden in 2009 eine ähnlich schwere Zeit haben wie nach dem platzen der web 1.0 Blase.
Zumindest wenn sie auf der Suche nach Eigenkapital von Finanzinvestoren sind.

Viele Investoren bekommen in schweren Zeiten kalte Füße und surfen generell nur bei schönem Wetter mit, andere haben mit ihrem Portfolio mehr als viel zu tun und manchem geht das Geld aus. Allerdings sind viele und nach meiner Meinung entscheidendere Ausgangsvoraussetzungen für eine erfolgreiche Gründung besser als damals: Technologie ist billiger, performance basiertes Marketing erlaubt einen gezielteren Markenaufbau und last but not least es gibt viel erfolgreiche und noch agile Internetunternehmer die heute als Angels den jungen Gründern beiseite stehen und diese beraten, finanzieren und antreiben.“

Andreas Thümmler, Corporate Finance Partners

“Nichts Gutes ehrlich gesagt …

Diejenigen, die Start-up funding suchen, werden weniger Auswahl haben als in den letzten beiden Jahren. Denn viele der typischen start-up Finanzierer oder Funds haben volle Portfolios, den Grossteil ihrer Liquidität investiert und bestimmt alle Hände voll zu tun. D.h. statt sich neue Deals anzuschauen, geht es eher um knallharte und anstrengende “Portfolio Work”.

Diejenigen, die schon gestartet sind und ein profitables Geschäftsmodell haben und damit wachsen können, haben eine gute Chance, über kurz oder lang als Gewinner aus der Marktbereinigung hervorzugehen. Ohne Profitabilität und nachhaltiges Wachstum wird das aber schwierig. Ohne das richtige Business Modell und ohne ausreichend “Cash in the Bank” (oder einer zu hohen Burn-rate) wird es tödlich.

Was wirklich wichtig ist: Size matters.

Was jetzt wirklich ganz wichtig ist, ist folgende Formel:

CFIMITYM (das ist von Ken Morse, Professor an der MIT und heisst übersetzt:
“Cash flow is more important than your mother”

Ich denke, dass Funds wie der HTGF weiterhin Vollgas geben werden, die haben ja auch einen öffentlichen Auftrag. Viele Business Angels lecken sich noch die Wunden von dem Aktienmarktabsturz (jetzt mal ehrlich, wer außer mir hat auch mal ein paar Aktien geshortet?!).

So Leute, mein Vorschlag ist, viel Party machen die nächsten 1-2 Jahre, oder Urlaub am Beach und dann geht’s wieder weiter mit denen die überlebt haben.

Ich erinnere als Lukasz’ berühmtes “Bust and Boom” Zitat. Die Welt ist leider extrem pro-zyklisch.”

Maximilian Niederhofer, Atlas Venture

“2009 bringt vor allem Klarheit. Weniger Hype, weniger werbefinanzierte Modelle, weniger kurzfristiges Kapital. Mehr Finanzierung durch Umsatz, mehr Talent am Markt, mehr echte Geschäfte. 2009 schlägt die Stunde der wahren Unternehmer.”

Fabian Hansmann, Founders Link

„Viele Unternehmer sehen sich – genau wie beim Platzen der letzten Bubble – als von der Krise nicht betroffen an (”unser Produkt hat immer Konjunktur”).

Für die allermeisten Unternehmen gilt dies natürlich nicht. Wir nehmen die aktuelle Finanzkrise ernst und empfehlen unseren Beteiligungen, konsequent und schnell (jetzt!) zu handeln: das heißt insbesondere, Kosten zu senken und die Profitmechanik des eigenen Unternehmens zu optimieren.

Das Potenzial zur Absenkungen von Bewertungen wurde durch Investoren binnen Wochen realisiert. Da Trade Sales auf absehbare Zeit tatsächlich schwierig werden, ist dies auch rational und fair.
Aber auch für 2009 und 2010 gilt: zu schlechteren Konditionen wird ein gesundes Unternehmen weiter Kapital aufnehmen können und unbeschadet durch die Krise kommen.

Der Markt wird sich in wenigen Jahren wieder drehen. Große Unternehmen werden wieder Akquisitionen durchführen, um an innovative Produkte zu kommen und Venture Capital Investoren werden wieder zu besseren Konditionen investieren. Dann ist die Stunde gekommen, um von einer soliden Basis aus wieder aggressiver zu wachsen und Exits zu realisieren.

2009 wird insbesondere für Neugründungen ein gutes Jahr sein! Genau wie bei der letzten Bubble verschwinden opportunistische Gründer vom Markt und überlassen das Feld dem harten Kern. Und dieser wird – genau wie nach der letzten Bubble – den größten Teil der Gewinne realisieren.

Unternehmertum hat tatsächlich immer Konjunktur :)“

Stefan Glänzer, Fidelity Ventures

„Was soll ich sagen: 2009 wird ein hartes, unschönes Jahr. Aber – die wahren Champions werden in Jahren gegründet, in denen sich kaum jemand traut ein neues Unternehmen zu starten. Whatever you do, do it with passion.“

Jörg Binnenbrücker, Dumont Venture

„Starke Teams mit herausragenden Geschäftsideen werden auch in 2009 erfolgreich Finanzierungsrunden abschließen. Dabei spielen folgende Themen eine wichtige Rolle:

Umsatznahe Geschäftsmodelle – neu gegründete Firmen werden sich von Anfang an auf Umsatz konzentrieren müssen. Bestehende Firmen werden ihr werbebasiertes Modell aus- bzw. umbauen müssen. Businesspläne müssen in vielen Fällen umgeschrieben werden.

Besseres Staffing bei geringeren Kosten – Personalkosten werden sinken. Es werden höher qualifizierte Mitarbeiter zu haben sein, die weniger kosten und einfacher zu binden sind als zuvor.

Bootstrapping ist wieder “in” – mehr Kostenbewusstsein, früher Markteintritt, “back to basics”. Nicht alle Geschäftsideen führen zu einer Gründung. Der Markt wird sich beruhigen.

Flexible Startups, die auf konjunkturunabhängige Geschäftsmodelle und innovative Technologien setzen, können aus eigener Kraft interessante Nischen besetzen.

Daher rede ich nicht von Krise, sondern freue mich auf die großen Chancen in 2009!“

Stefan Tirtey, Doughty Hanson

„Die Temperatur im Kessel wird weiter steigen; unter den Blinden ist der Einäugige Koenig

Im ersten Halbjahr 2009 werden Unternehmensbewertungen drastisch fallen. Dieser Trend hat sich in Q4/2008 bereits deutlich angekündigt und wird sich in Q1 und Q2 2009 noch weiter beschleunigen. Umsätze kommen später und fallen geringer aus als im Business Plan erwartet. Externe Finanzierungsrunden lassen sich häufig nicht oder nur zu sehr unattraktiven Bewertungen darstellen. Damit steigt der Druck auf die existierenden Investoren, Portfoliounternehmen „intern“ weiter zu finanzieren. Das wird die finanziellen Mittel einiger Investoren überfordern; die „Dogs“ eines Portfolios werden da auch schon mal sich selbst überlassen. Den Stars wird umso mehr Aufmerksamkeit geschenkt auf Kosten von neuen Investments.

Ausgenommen von diesem Trend sind nur Unternehmen mit Umsatzwachstum und mit einem nachvollziehbaren Pfad zur Profitabilität. Internet Unternehmer dürfen sich häufig aufgrund des vergleichbar geringen Kapitalbedarfs dabei noch glücklich schätzen. Unternehmer in anderen Sektoren werden es noch schwieriger haben: Zum Beispiel Unternehmen im (Fabless-) Halbleiterumfeld, bei denen bereits am Start klar ist, dass zwischen €30 und €60 Millionen Kapitalbedarf besteht, werden es noch wesentlich schwieriger haben.

Top Deals bleiben teuer
Investoren flüchten in Qualität: bewährte Management Teams stehen hoch im Kurs. Unternehmen mit Umsätzen und Wachstum werden weiterhin hohe Bewertungen einfahren können.

Exits am unteren Ende bleiben möglich
Strategische Käufer laufen sich warm und werden versuchen „billig“ einzukaufen. Motivation wird dabei häufig der Zugang zu Technologie und Talent sein. Das deckelt die Bewertungen nach oben, die sich häufig deutlich „südlich“ der €10m Marke abspielen werden.

Mobile Internet und vor allem Mobile Advertising wird verschoben auf 2010.
Advertiser fliehen in etablierte Kanäle. Mobile Advertising gilt weiterhin als spekulativ und wird damit von Budgetkürzungen besonders stark betroffen sein. „Mobile local ads“ bleiben allerdings der heilige Gral des Mobile Business. Wer knackt den Code?

Was nun, Apple?
Apple hat in 2008 demonstriert, wie Mobile Application Distribution und Discovery funktionieren können. Leider stellt sich dabei heraus, dass selbst die erfolgreichsten iphone apps nur für Angle-style Investments in Frage kommen. Mobile Applications bleiben also weiter ein Bereich auf der Suche nach VC-finanzierbaren Geschäftsmodellen. Das Thema Device Fragmentation begleitet uns weiterhin. Palm, Google und Nokia laufen sich gerade erst warm.

Deutsche Gründer bleiben dran
Viele der erfolgreichsten Unternehmen werden erfahrungsgemäß genau in Krisen gegründet. Ich erwarte fest, dass die deutschsprachigen Gründer die Not zur Tugend machen werden und in 2009 und 2010 einige enorm erfolgreiche Unternehmungen gestartet werden. Für viele von uns ist dies bereits die mindestens die zweite Rezession und die Erfahrungen aus den Jahren 2001 bis 2004 sollten uns Mut machen.“

Paul Jozefak, Neuhaus Partners

“2009 will be a difficult year for Internet founders. VC’s will be reluctant to back early-stage business models without proven success. Valuations will go down and competition for available Euro’s will increase. There will be less business angels willing to take bets as they are focused on saving their current portfolio. At the same time, good employees will become available for less money, hardware will be cheaper, competition will decrease to some extent short-term and truly differentiated companies will be better able to position themselves. Those companies providing innovative solutions which allow their customers to save money will be best positioned as will those which allow their users to get a significant technology advantage. The mobile space will continue to evolve and we will see ever more innovation around location based services. Social networks will consolidate or completely disappear and cloud computing will continue to be hyped but is still a couple years away at enterprise level.”

Peter Niederhauser, red alpine

„Was bringt 2009?

Mit Sicherheit wird die Innovations- und Technologieszene auch beeinflusst werden von der Wirtschaftskrise. Geschäftsmodelle werden noch wichtiger und der Zeitpunkt bis zum break even und „proof of concept“ sollte mit vernünftigem Kapitaleinsatz möglich sein.

Schwerpunktmässig glaube ich sind die folgenden Themen 2009 interessant:

-es werden viele m-commerce Anwendungen auf den Markt kommen und ich rechne für 2009/10 in diesem Bereich mit wirklich viel „traction“
-generell wird Internet „mobile“, dem Iphone sei dank wird für jede Applikation der Einsatz auf mobilen Geräten zum „must“
-social commerce wird in vielen Bereichen stark weiterwachsen
-video search, video distribution, IP-TV werden im 2009 zulegen
-Integrations-Dienste Mobile/Chat//Voice/Social Networks à la Nimbuzz werden an Bedeutung gewinnen

Also trotz Krise – das internet wird auch 2009 für viel positive Bewegung sorgen!“

Oliver Lung, Adinvest AG

„Ich möchte gerne meine Antwort in drei Bereiche unterteilen:

1.) Internet Gründer, die gerade neu gründen:
Die haben es schwer. Es gibt derzeit viel mehr Gründer, die etwas Neues machen wollen als neue Ideen oder Geld. Das war 2008 noch anders.

2.) Internet Gründer, die Ihre Series A suchen:
Auch hier ist es etwas mühsam. Es gibt mehr Firmen, die Ihre VC Runde Series A machen wollen bzw. machen müssen, als VCs, die investieren wollen. Das Geld ist bei den VCs nach wie vor da, nur es lässt sich jeder mehr Zeit und sucht nach einem besseren Deal.

3.) Gründer, die in 2008 Ihre wichtige Finanzierungsrunde abgeschlossen haben und durchfinanziert sind:
This is the best position to be. Das Geld ist in 2009 mehr wert als noch in 2008. Wer hier sein Geld sorgsam ausgibt, wird als Gewinner aus der Rezession hervorgehen.“