Willkommen im Land des Vergnügens

„Hi Frank, laut einer Abfrage bist Du FB-Freund der AfD. Ist das wirklich wahr?“ Das fragt mich ein alter Freund und Kollege per Facebook-Messenger. In meiner Timeline tobt derweil eine Diskussion um Hassbeiträge und üble Kommentare im beliebtesten sozialen Netzwerk der Welt. In der Zeitung (ja, gibt es noch) lese ich einen Artikel, in dem sich der Autor darüber Sorgen macht, dass Facebook durch seinen Algorithmus eine sogenannte Filterblase für jeden Nutzer erstellt, die auf seine eigenen Vorlieben und Meinungen zugeschnitten ist. Wir seien gefangen in der Meinungsblase und könnten nicht mehr über den Tellerrand hinausschauen, heißt es. Ja, was denn nun? Zu viele Hasskommentare, extreme Meinungen oder kuschelige Filterblase? Löschen oder Argumentieren? Die Meinungen gehen weit auseinander.

Nein, ich bin kein „Freund“ der AfD. Ich habe die Mitteilungen dieser Partei auf Facebook abonniert. Wer sich nicht erklären oder vorstellen kann, warum ich das als Journalist oder neugieriger Mensch tue, glaubt wahrscheinlich auch, dass Redakteurinnen beim Playboy nackt in zur Arbeit kommen und dass alle Leser der Bild-Zeitung nicht bis drei zählen können. Muss man nach mehr als 10 Jahren Facebook wirklich immer noch darauf hinweisen, dass der Begriff „Freund“ hier etwas anderes bedeutet als im wirklichen Leben? Ich war jedenfalls noch nie gut darin, unliebsame Meinungen und Dinge in meiner Umgebung einfach auszublenden. Im Gegenteil. Sie spornen mich geradezu an, meine eigene Meinung immer wieder zu hinterfragen und an einer Verbesserung der Lage zu arbeiten.

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Ja, es ist schon atembraubend, welchem Hass und Wahnsinn man in den Netzwerken begegnet. Die Befürchtungen derjenigen, die nach einer besseren Kontrolle rufen, sind verständlich. Vielleicht ist es wahr, dass hier Radikale eine perfekte Bühne für ihren Bullshit bekommen, die sie sonst nicht hätten. Aber dieser Bullshit ist immer nur dann gefährlich, wenn er ein Publikum findet, das ihn glaubt. Ich glaube, dass die meisten Menschen durchaus in der Lage sind, Quatsch als Quatsch zu identifizieren. Der Rest findet immer irgendwo Quellen, um den eigenen Wahnsinn zu nähren. Dafür braucht es kein Facebook.

Wer meint, er müsse den Rest der Nutzer vor der Kontaminierung mit bedenklichen Ansichten beschützen, betreibt im Grunde nichts anderes als Publikumsbeschimpfung und Selbstüberhöhung. Recht gilt übrigens auf Facebook und es wird immer häufiger durchgesetzt, wie in diesem Fall. Und warum will man ausgerechnet den Betreibern des Netzwerkes die Verantwortung übertragen, zwischen bedenklich und unbedenklich zu entscheiden? Ich möchte auf keinen Fall, dass Facebook für mich entscheidet, was ich lesen darf. Wenn das passiert, bin ich raus. Es reicht mir, dass ich vor nackten Brüsten beschützt werden soll. Danke.

Ach, wie war das schön in der 80er-Jahren. Da haben wir noch alle in der engsten Filterblase aller Zeiten gelebt. Es gab in unserer Kleinstadt vor den Toren Hamburgs ein Gymnasium. Mit einigen Lehrern, die seit Kriegsende dort unterrichteten. Eine Bücherei, einen Buchladen, ein bescheidenes Kaufhaus. Eine Kneipe, in die man auch als junger Mensch gehen konnte. Einen Sportverein, ein Jugendzentrum, eine Kirche. Man traf in 13 langen Schuljahren immer wieder die gleichen Lehrer, Trainer, Freunde und Bekannten mit den gleichen Ansichten. Kein Entkommen. Es wirkt dagegen geradezu lächerlich, wenn ich heute lese, dass Facebook eine Filterblase konstruiert, die mich in meiner Meinungs-Ursuppe gefangen hält.

Jungen Leuten, die mit Facebook und dem Internet aufwachsen, steht heute mit ein paar Klicks ein Meinungs- und Informationsuniversum offen. Das macht mich neidisch, wenn ich an meine eigene Jugend denke. Wir sind als Gesellschaft dafür verantwortlich, dass mit dieser Freiheit verantwortlich und klug umgegangen wird. Leider gibt es wenig Bewegung in Lehrplänen der Schulen, wenn es um digitale Möglichkeiten und Verhaltensweisen geht. Das wird und muss sich ändern.

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Ich habe es gebetsmühlenartig in vielen Artikel geschrieben und auf vielen Panels und in Diskussionsforen gesagt: Alles, was wir in der realen Welt erleben und erfahren, wird über kurz oder lang digitalisiert. Auch die Wirtschaft und der Diskurs, den wir führen. Jetzt, wo es so weit ist, starren wir per Facebook in einen Spiegel – und uns gefällt nicht immer, was wir dort sehen. Es tut mir weh, wenn ich sehe, dass Freunde auf hanebüchenen Quatsch hereinfallen und ihn ungeprüft weiterverbreiten. Jeder Einzelne trägt Verantwortung für die neue digitale Freiheit des Diskurses. Diese Lektion ist noch lange nicht gelernt. Das Netz dezentralisiert alles. Auch verantwortliches Handeln. Das Letzte, was wir brauchen, ist ein Facebook-Schiedsrichter, der uns die Verantwortung und die gerade erst gewonnene Freiheit wieder abnimmt.

Bis dahin trinken wir eine Tasse Tee mit exotischen Kräutern und schauen uns dieses wunderbare Video an:

Foto: Screenshot / Tindersticks / Youtube