Es ist nur ein Patent – aber es könnte jeden neu über seine Facebook-Freunde nachdenken lassen. Denn Facebook wurde jetzt ein Patent bewilligt, das es unter anderem Kreditgebern ermöglichen soll, das soziale Umfeld in dem Netzwerk als Entscheidungsgrundlage für die Bewilligung eines Kredits zu nutzen. Wörtlich heißt es in dem Patent: „Wenn ein Individuum einen Kredit beantragt, prüft der Kreditgeber die Kreditwürdigkeit der Mitglieder des sozialen Netzwerks, die mit dem Individuum [...] verbunden sind.“

Nur wenn diese mit dem Kreditantragssteller verbundenen Facebook-Mitglieder eine gewisse Mindestkreditwürdigkeit aufweisen, würde die Bank mit der Prüfung des Kreditantrags fortfahren. Wer also Freunde hat, die selbst im Zahlungsverzug sind, würde so in eine Art soziale Sippenhaft genommen.

Unfair? Möglicherweise. Allerdings kann dies bei herkömmlichen Kreditwürdigkeitsanalysen auch schon passieren. Wer beispielsweise in einer Gegend wohnt, in der viele Kredite ausfallen, wird je nach Auskunftei genauso für das Verhalten seiner Nachbarn mit einer schlechteren Bonitätsnote bestraft.

Initiativen wie jene von Facebook machen deutlich, wie die Prüfung eines Kreditantrages bald überall aussehen könnte. Nicht mehr der Sachbearbeiter einer Bank entscheidet, ob das Geld fließt, sondern der Computer. Dieser fällt mit Hilfe von vielen Einzelinformationen aus dem Internet und aus Datenbanken sein Urteil. Befürworter halten den Ansatz für genauer und schneller.

Schufa war schon einmal gescheitert

Daten- und Verbraucherschützer sind dagegen in Aufregung. „Es kann doch nicht sein, dass ich Nachteile erleide, nur weil ich auf Facebook mit den falschen Menschen befreundet bin“, empörte sich bereits Frank-Christian Pauli vom Bundesverband der Verbraucherzentralen.

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Wie sensibel das Thema ist, bekam auch die Schufa schon zu spüren. Ein Vorstoß der Wiesbadener vor drei Jahren, den Nutzen von Daten aus sozialen Medien für das Scoring erforschen zu lassen, wurde nach einem öffentlichen Aufschrei abgebrochen. „Schufa will Facebook-Nutzer durchleuchten“, lautete damals eine Schlagzeile. Der Marktführer unter Deutschlands Auskunfteien leitet die Kreditwürdigkeit deshalb unverändert vor allem aus der Anzahl bestehender Konten, laufender Handyverträge und unbezahlter Rechnungen ab.

Noch ist allerdings völlig unklar, ob Facebook das Patent nutzen wird. Unternehmen melden immer deutlich mehr Technologien durch Patente an, als sie später tatsächlich nutzen werden. Patentanträge können also höchstens ein Hinweis auf mögliche Zukunftspläne von Unternehmen sein.

Finanzaufsicht stellt sich quer

Das Patent wurde bereits Ende 2012 beim US-Patentamt eingereicht und nun bewilligt. Es stammt aus dem Portfolio des ehemaligen konkurrierenden sozialen Netzwerks Friendster, das Facebook 2010 übernommen hatte. Als Erfinder des Patents ist der damalige Friendster-Technikchef Christopher Lunt genannt. Facebook hat sich bislang nicht zu den Berichten geäußert.

Das in Hamburg ansässige Unternehmen Kreditech bewertet nach eigenen Angaben bereits seit längerem die Kreditwürdigkeit unter anderem aufgrund der Freunde auf Facebook und anderer Daten im Netz. „Social-Media-Daten spielen beim Scoring allerdings nur eine sehr untergeordnete Rolle unter den insgesamt 20.000 Datenpunkten, die der Algorithmus mit einbezieht“, heißt es bei Kreditech. Pikant: Im Frühling wurde bekannt, das Kreditech Opfer eines Datendiebstahls wurde, bei welchem tausende Nutzerdaten gestohlen wurden.

In Deutschland hat das Unternehmen nach Informationen der „Welt“ die Geschäfte nach einer Prüfung der Finanzaufsicht BaFin eingestellt. Ein neuer Anlauf ist offenbar nicht geplant. „Deutschland war und ist derzeit für uns kein interessanter Markt“, so Kreditech. Das Unternehmen sei nur kurz mit einem Testangebot in Deutschland aktiv gewesen. Man konzentriere sich auf Märkte, „in denen die Kreditbüro-Abdeckung geringer oder nicht vorhanden ist.“

Dieser Artikel erschien zuerst bei Die Welt.

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