Photo: Kersten A. Riechers

„Zuletzt aktiv am 28. Juli 2008“ – das Profil eines alten Bekannten aus der Schulzeit. Er hat es schon seit über einem Jahr nicht mehr aktualisiert. Das kommt vor. Bei der Fülle an Sozialnetzwerken denkt nicht jeder daran, sämtliche Online-Identitäten auf dem neusten Stand zu halten. Manche Profile geraten gänzlich in Vergessenheit, andere werden nur sporadisch erneuert. Ebbt der Dialog mit der sozialen Entourage auf einer Plattform ab, wird auch das Profil nicht mehr gepflegt. Doch hier ist das anders. Der letzte Eintrag auf der Pinnwand dieses Bekannten – nennen wir ihn Dirk – ist keine Woche alt. „War schön heute bei Dir“, schreibt jemand, oder ein anderer: „Ich komme dich gleich besuchen.“  Doch Dirk antwortet nie. Dirk ist tot.

Was die Freunde mit ihren Kommentaren meinen, wird bei näherem Hinsehen klar: Sie sprechen von seinem Grab, das sie besucht haben. Am häufigsten schreibt Anna ihrem toten Freund: „Komm zurück. Ich brauche Dich hier. Du fehlst mir.“ Es ist, als würde man direkt neben den Angehörigen stehen, während sie am Grabe des Verstorbenen weinen.

Zugegeben, in Zeiten der Digital Natives scheint es nicht mehr ungewöhnlich, online-öffentlich zu trauern. Die Vertrauten wahren Dirk ein Andenken. Und wenn diese Vertrauten auch vorher mit ihm über ein Sozialnetzwerk kommuniziert haben, dann spricht nichts dagegen, sich auch weiterhin dort mitzuteilen. Doch was, wenn in der Bildergalerie gleich neben dem Kondolenzbuch immer wieder Bilder erscheinen, auf denen der Tote in nunmehr unpassender Weise sein Bier in die Kamera hält? Wer kümmert sich dann darum, dass dieses  nicht mehr erscheint?

Kaum einer legt seinem Testament eine Liste seiner Passwörter bei; viele haben nicht einmal ein Testament. So nehmen die Menschen ihre Logindaten mit ins Grab und die Angehörigen haben keinerlei Handhabe, um einen Zugang zu bekommen. „Im Moment ist das ein riesen Aufwand. Die Familie muss sich verifizieren. Oft wissen die Dienste aber nicht, welche reale Person hinter einer E-Mail-Adresse steht. Das ist rechtlich sehr schwierig“, sagt Marco Hamburger, CEO und Mitgründer von idivus.com.  Das Berliner StartUp hat sich zur Aufgabe gemacht, den Online-Nachlass der Menschen zu verwalten. Ein Thema, das zwar schon bei den großen Sozialnetzwerken angekommen ist – aber nicht in der breiten Öffentlichkeit.

Gedenkseiten nach Amoklauf

Zumindest Facebook hat – angesichts der mittlerweile über 300 Millionen Nutzer – eigens ein Formular eingerichtet, mit  dem Angehörige eine „Gedenkseite“ beantragen können. „Wir überprüfen diese Anfrage dann, indem wir nach einer Todesanzeige oder einem anderen Nachweis fragen“, erklärt eine Facebook-Sprecherin. Wandelt sich das Profil dann zu einem „Memorial Profile“, werden bestimmte private Daten gelöscht und die Privatsphäre so geändert, dass nur noch bestätigte Freunde das Profil einsehen können. Zunächst hatte Facebook jedes Profil eines gestorbenen Nutzers einfach gelöscht. Nach dem Amoklauf an der Virginia Tech in den USA im März 2007 protestierten die Angehörigen der Opfer und bewegten Facebook dazu, die Profile zu erhalten.

Mit der gerade zu nüchternen Routine eines Todes-Formulars ist Facebook bisher die Ausnahme. Noch reagieren die meisten Dienste individuell: „Wir richten uns da ganz nach den Wünschen der Angehörigen“, erklärt StudiVZ-Pressesprecher Dirk Hensen, „manche möchten, dass das Profil gelöscht wird und andere möchten, dass es als Erinnerung bestehen bleibt. Üblicherweise sperren wir das Profil solange, bis die Angehörigen entschieden haben, was Sie damit machen möchten.“

Doch was ist wirklich im Sinne des Toten? Und gibt es noch andere Profile, von denen die Angehörigen nichts wissen? Mit idivus entscheidet jeder Nutzer selbst, was mit seinen Daten geschehen soll. Er hält fest, wo er Profile hat, wie die Zugangsdaten lauten und kann definieren, welche Person im Falle seines Ablebens den Zugriff erhält. Um die Sicherheit der gespeicherten Daten zu gewährleisten, setzt idivus-CTO Peter Morcinek auf vollständige Verschlüsselung: „Der Nutzer liest von unserem Server nur verschlüsselte Daten, entschlüsselt diese selbst in seinem Browser und wenn er sie wieder zurückschreibt, werden sie wiederum in seinem Browser verschlüsselt. Bei uns landen nur die kodierten Daten.“

Eine größere Hürde sieht das idivus-Team in der Ansprache der Zielgruppe. Grundsätzlich ist jeder Internetnutzer auch Teil der Zielgruppe, doch die Menschen beschäftigen sich nur ungerne mit dem eigenen Tod. Kooperationen sind daher ein großes Thema für das StartUp. Mittelfristig will idivus ein Widget anbieten, mit dessen Hilfe die Nutzer bereits bei der Anmeldung entscheiden können, was mit ihren Daten nach dem Tod geschieht.

Millionenpotential durch Widgets

Dazu müsste der Kooperationspartner umgekehrt die Verifizierung durch idivus akzeptieren, um etwa Löschanträge direkt durchzuwinken. „Dann hätten wir ein Millionenpotential“, sagt Hamburger. In den ersten zwei Jahren rechnet er mit 25.000 zahlenden Kunden. Bei monatlichen 1,50 Euro Mitgliedschaftsbeitrag kämen so runde 450.000 Euro zusammen. Das StartUp habe Potential, in den nächsten sechs bis zwölf Monaten bis zu vier Mitarbeiter in Vollzeit zu beschäftigen, ist sich das Team sicher.

Zur Zeit ist idivus in einer sehr rudimentären Version online. Die Unternehmer wollten zunächst möglichst schnell mit einem Produkt online gehen. Das Geschäft mit dem Tod ist kein neues und die Konkurrenz bahnt sich bereits ihre Wege. In  den USA sind mit Legacy Locker, Deathswitch und SlightlyMorbid sehr ähnliche Dienstleister auf dem Markt.

Vermutlich braucht die Geschäftsidee noch etwas Zeit und einen Generationswechsel. Sich mit dem Thema zu beschäftigen, wird vielen sinnvoll erscheinen. Angesichts eines kostenpflichtigen Abonnements bleibt jedoch die Frage: Warum nicht einfach alles auf Papier bannen und in einem versiegelten Brief in die Schublade legen?  „Uns ist es doch wichtig, das Bewusstsein für die Thematik zu schaffen und in die Köpfe der Leute zu tragen“. Damit aber verdient man kein Geld, wirft der Kritiker ein. Und erhält zur Antwort: „Das ist dann wohl das Los der Pioniere!“