Fake-Testimonials-compressor


Maria ist 25 Jahre alt und überzeugt von der Altersvorsorge des Startups Coverion. So überzeugt, dass sie auch auf der Webseite des frisch gegründeten Unternehmens mit ihrem Bild für die Produkte wirbt. Michaela, 28, vertraut auf die Versicherungspolicen des Startups Suprsafe. Künftig werde sie alle ihre Wertgegenstände bedenkenlos mit sich führen, schreibt sie, Suprsafe sei Dank. Das Problem? Maria und Michaela haben das gleiche Profil-Bild. Die Testimonials sind ein Fake.

Pikant ist, dass diese Insurtech-Startups, die ihren Kunden etwas vorflunkern, Töchter der Allianz X sind. Das ist der neu gestartete Company Builder des DAX-Konzerns Allianz. So wollen beide Startups künftig Finanzprodukte anbieten und versprechen Sicherheit und Vertrauen. Und doch fälschen beide Kundenbewertungen.

Maria heißt im echten Leben Louise

Coverion und Suprsafe gehen dabei durchaus geschickt vor. Auf beiden Webseiten finden sich diverse Testimonials zufriedener Kunden – mit Bild, Name und Alter. Die scheinbar detaillierten Angaben sollen Echtheit und Seriosität suggerieren. Der Betrachter soll glauben, die zufriedenen Kunden gäbe es wirklich. Wäre da nicht das Missgeschick mit dem doppelten Profilbild.

Tatsächlich heißt die vermeintlich zufriedene Kundin weder Maria noch Michaela – sondern Louise Adriaensen. Sie lebt in Antwerpen, arbeitet im Sales- und Marketing-Bereich von Eventigrate und das Bild von ihr ist ein Stockfoto. Unternehmen können es kaufen, um es als Symbolbild auf ihren Webseiten zu nutzen. So wirbt beispielsweise Nivea mit ihrem freundlich lächelnden Porträt.

Gefälschte Kundenbewertungen

Auf den Webseiten der Allianz-Startups finden sich noch einige andere anrüchige Lobesworte. So ist auch Peter, 42, von Suprsafe überzeugt. Doch er stammt wie schon Maria und Michaela aus einer Bilderdatenbank. Sein Profil-Bild findet sich folglich Dutzende Mal im Netz. Dank blendend weißer Zahnpasta-Zähne wirbt Peter gerne als zufriedener Kunde für Hygiene-Produkte und Anwaltskanzleien (beispielsweise hier, hier, hier und hier) oder sogar als offizielles Teammitglied Dutzender Firmen (hier und hier).

Auf Anfrage von Gründerszene teilt die Allianz X mit, dass man an der entsprechenden Stelle den Hinweis vergessen habe, dass aus „datenschutztechnischen Gründen“ Fotos und Namen verändert worden seien. Die verwendeten Zitate seien jedoch echt. Beide Webseiten würden überarbeitet und den Usern „der Kontext erläutert“ werden.

Zwei von drei Kunden lesen vor dem Kauf Bewertungen

Solch nicht immer vertrauenswürdigen Bewertungen von Kunden spielen bei der Kaufentscheidung erstaunlicherweise eine große Rolle. Laut einer aktuellen Umfrage des Digitalverbandes Bitkom sind sie die wichtigste Entscheidungshilfe. Zwei Drittel der User lesen vor dem Kauf die Meinung anderer Kunden. Ein gefälschtes Zeugnis kann kaufentscheidend sein.

Unter vielen jungen Startups gilt das Fälschen von Testimonials trotzdem als Kavaliersdelikt. Wer noch keine Kunden hat, will gerne mit Seriosität punkten. Die lässt sich gut durch das Urteil anderer Kunden vorgaukeln. Das Gesetz sieht das aber nicht so locker.

Fake-Testimonials sind unlauterer Wettbewerb

Fake-Testimonials sind eine Form verschleierter oder irreführender Werbung. „Wird werbliche Kommunikation von Unternehmen bewusst verschleiert“, schreibt Rechtsanwalt Carsten Ulbricht in einem Blogbeitrag über gekaufte Nutzermeinungen im Social Web, „ Dann wird gegen das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (§ 4 Nr. 3 UWG) verstoßen.“ Eine Irreführung liegt vor, wenn „unwahre Angaben über ein Produkt oder eine Dienstleistung gemacht werden“ (§ 5 UWG). Stockbilder, die echten Zitaten von Kunden zugeordnet werden, müssen gekennzeichnet werden. Wehren können sich gegen solche gefälschten Kunden-Angaben aber nur Wettbewerber der unehrlichen Startups. Sie können Ansprüche „auf Unterlassung, Auskunft und Schadenersatz“ geltend machen.

Mit der fantasievollen Erstellung der Kundenrezensionen sind die Allianz-Startups allerdings nicht alleine. Auch mindestens ein Rocket-Zögling übt sich im kreativen Umgang mit der Wahrheit.

Bild: Pexels / Montage: Gründerszene

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