Food Startups - EXIST

Mit ihrer Super-Alge auf dem Vormarsch: Evergreen-Food-Gründerinnen Jutta Reinke und Cathleen Cordes wollen die Chlorella in deutsche Küchen bringen.

 

Investments in kulinarische Innovationen – Trend oder Notwendigkeit?

Ob Metro, Mondelēz International oder Coca-Cola: In letzter Zeit investierten immer mehr Konzerne in Food Startups. Vor Kurzem war es der US-amerikanische Frühstückscerealien-Gigant Kellogg, der mit einem 100 Mio. US-Dollar VC-Fonds für Gründungen aus dem Lebensmittelbereich von sich reden machte. Ein gutes Zeichen für die vielen neuen Bio-Kochboxen, Superfoods und digitalen Shopping-Innovationen. Der Umsatz des Online-Marktes, der zentral für viele Food Startups ist, soll außerdem von 1,1 Milliarden Euro in 2014 auf 7 Milliarden Euro in 2024 steigen. Wie lassen sich diese Entwicklungen erklären?

Food Startups zielen auf das sich ändernde Konsumverhalten unserer Gesellschaft ab. Verbraucher wollen sich bewusster und flexibler ernähren. Viele wünschen sich Transparenz, nachhaltige Herstellungsweisen, Fair Trade – oder einfach Neues, wenn es um ihr täglich Brot geht. Doch die Waren und die Informationen dazu lassen sich in den großen Supermärkten nicht immer aufspüren – und so landen dann doch oft schnell die üblichen Produkte im Einkaufskorb.

Mit gesunden, ausgefallenen Lebensmitteln füllen die Startups genau diese Lücke zwischen Nachfrage und Angebot. Oftmals bilden sich richtige Communities um die kulinarischen Innovationen. Das Bedürfnis nach neuartigen Nahrungsmitteln ist also da – nicht zuletzt auch durch die Probierfreudigkeit der Konsumenten, einem authentischen Marketing auf Augenhöhe und die Option auf Online-Bestellung.

Dennoch: Die Lebensmittelbranche gilt als einer der Märkte mit den höchsten Eintrittshürden für junge Unternehmen. Die Kapitalbeschaffung ist mühsam, die Marktsättigung hoch. Die Listungsgebühren im Handel sind teuer und erste Verträge mit Gastronomen schwierig. Und: Viel zu wenig traditionelle Händler arbeiten derzeit mit Startups zusammen.

Support für Innovationen

Um Gründern eine Chance für ihre Innovationen zu geben, greifen staatliche Förderprogramme. Ein hoher Innovationsgrad wird seit neun Jahren vom Bund unterstützt: Mit EXIST fördert das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) wissenschaftlich fundierte Unternehmensgründungen mit Kapital und fachlichem Support.

Die Gründer der EXIST geförderten Food Startups Evergreen-Food und Liwo zeigen, wo sie stehen und was sie noch vorhaben.

Will deutsche Küchen erobern – die Lüttge Alge aus Vechta

Bei Algen denkt man nicht gerade an kulinarische Highlights. In Form von Nahrungsergänzungsmitteln haben sie oft einen gewöhnungsbedürftigen fischigen Beigeschmack und auch die Konsistenz ist für den einen oder anderen schwierig. Doch: Die grüne Alge ist eine echte Nährstoffbombe – und damit in die Familie der Superfoods eingezogen. „Superfoods ist für uns trotzdem nur eine Bezeichnung für besonders gesunde Pflanzen“, sagt Cathleen Cordes, Mitgründerin von Evergreen-Food. „Früher hießen sie Naturheilpflanzen, heute eben Superfoods. Die Bezeichnungen kommen und gehen – die Pflanzen und ihre wertvollen bioaktiven Inhaltsstoffe aber bleiben.“

Gemeinsam mit ihrer Mitgründerin Jutta Reinke entwickelt sie seit 2014 Produkte rund um die Mikroalge Chlorella vulgaris. Gestartet ist das Gründerinnen-Team aus Niedersachen mit Algen-Pulver, Algen-Kapseln und Algen-Öl. Jetzt soll die kaviarähnliche Algenperle den Markt erobern, die zwar nur zwei Millimeter groß ist, aber knapp 16.000 Algen beherbergt. Sie haben Großes vor mit der Super-Alge.

Das Algen-Öl

Ihre Mission: Weg vom Image der Alge als Nahrungsergänzungsmittel, hin zum Leckerbissen, und damit rein in heimische Küchen. „Wir entwickeln Produkte, die in jede Küche passen. Wir finden einfach, dass jeder ein gutes Öl zuhause stehen haben sollte – unser Algen-Öl besitzt wertvolle Omega-3-Fettsäuren und schmeckt leicht nussig“, so Cordes.

Ihre Marke Lüttge Alge richtet sich primär an Veganer und Gourmets, aber auch an Sportler und Entschlackungsfreudige. Die „kleine Grüne“ zählt zu den Top 5 der Superfoods, sie ist die chlorophyllreichste Pflanze, enthält jede Menge Vitamin B12, über 50 Prozent Proteine, viele mehrfach ungesättigte Fettsäuren und dient der Entgiftung.

Doch: Wie kommt man auf die Idee, ein Algen-Startup zu gründen? „In meinem Biotechnologie-Studium habe ich den den Schwerpunkt auf sekundäre Pflanzenstoffe und deren gesundheitsfördernde Wirkung gelegt. Parallel dazu entwickelte mein Vater auf unserem familiengeführten Gartenbaubetrieb eine Algenfarm“, erzählt Cordes. Die Lüttge Alge wächst in Süßwasser unter geschützten Bedingungen und ist biozertifiziert.

Die Algenfarm

Die Algenfarm

Dennoch: Für die meisten Verbraucher ist die Alge als Lebensmittel Neuland. „Die Konsumenten von der Power dieses Lebensmittels zu überzeugen stellt eine der größten Herausforderungen für uns dar. Es gibt zudem so viele andere Algen, daher liegt es uns besonders am Herzen, immer wieder zu betonen, was unsere Chlorella-Alge alles in sich hat. Sie ist nicht im Geringsten mit der Sushi-Alge oder Algensalat zu vergleichen“, erklärt Cordes.

Auch der Lebensmittelmarkt an sich ist nicht einfach zu erobern. „Die Branche ist natürlich hauptsächlich von großen Firmen besetzt. Kleine Food Startups benötigen Starthilfe, um erst einmal Publicity zu erhalten, damit sie ihre Produkte etablieren können. Weitere Förderprogramme wären hier extrem hilfreich.“

Mit EXIST konnte das Team um Cordes die ersten Hürden meistern. „Wir mussten zu Beginn sehr viel entwickeln und testen – der wissenschaftliche Aspekt spielt in unserem Startup doch eine große Rolle. Das hätten wir ohne die finanzielle Unterstützung nicht geschafft. Zudem prüft EXIST vor der Bewilligung die Geschäftsidee und das Konzept. So konnten wir davon ausgehen, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Ohne diesen Support wären wir heute längst nicht so weit.“

Limo war gestern – Wie Liwo Büros erobern will

Im Büroalltag hat jeder mal Lust auf etwas Süßes. Doch schnell verdaulicher Zucker und künstliche Süßstoffe bringen den Blutzucker- und Insulinspiegel durcheinander. Auf ein schnelles Hoch folgen Konzentrationstiefs, Müdigkeit und Heißhungerattacken. Und schon ist es vorbei mit der Produktivität.

Liwo-Gründer Michael Taheri und Dr. Patrick Krell

Liwo-Gründer Michael Taheri und Dr. Patrick Krell

„Wir verbringen den Großteil unserer Zeit im Büro. Jeder Arbeitgeber sollte deshalb etwas für die Gesundheit und Zufriedenheit seiner Mitarbeiter zu tun“, sagt Michael Taheri, Mitbegründer von Liwo. Viele Unternehmen denken, sie täten ihrer Belegschaft einen Gefallen, wenn sie ihnen Softdrinks zur Verfügung stellen. „Doch herkömmliche Limonaden sind ungesund – und einfach nicht mehr zeitgemäß. Ihr Konsum begünstigt Diabetes oder Fettleibigkeit. Und trotzdem: Keiner will auf eine süße Abwechslung im Büro verzichten“, so Taheri.

Mit Liwo hat das Startup ein Getränk entwickelt, das eine gesunde Alternative zu klassischen Zucker- und Süßstoffbomben liefert. Drei Jahre lang wurde die Liwo zusammen mit der Bergischen Universität Wuppertal und dem evalomed Institut für Gesundheitsforschung aus Düsseldorf entwickelt. Die ernährungswissenschaftlich fundierte Rezeptur besteht aus langsam verdaulichen Kohlenhydraten, Ballaststoffen, Vitaminen und Grüntee-Extrakt. Durch diese Zusammensetzung wird der Energiehaushalt langfristig im Gleichgewicht gehalten. „Wir folgen damit keinen Trends, sondern liefern eine gesunde, neue Kategorie für Erfrischungsgetränke“.

Liwo Flasche

Eine Flasche Liwo

Eine große Herausforderung war es, einen guten Geschmack zu finden. „Bei der Rezepturentwicklung waren uns ja einige Grenzen gesetzt – kein Haushaltszucker und keine künstlichen Farb-, Aroma-, Konservierungs- oder Süßstoffe, die normalerweise als Geschmacksgeber dienen“, erzählt der zweite Gründer Dr. Patrick Krell. Da Liwo zudem kalorienarm sein sollte, war auch die Menge des Fruchtgehalts begrenzt. „Die Kombination aus Zitrusfrüchten und Kaktusfeige stelle sich letztendlich als sehr lecker heraus.“

Damit Unternehmen auf den Geschmack kommen, verschickt das Startup gerne Testpakete. Schmeckt das Getränk, kann ein Betrieb „mit geringem Aufwand viel Gutes für die Belegschaft tun“, wie Krell sagt. Die gelben Flaschen stehen bereits auf Konferenztischen von Unternehmen wie der BAYER AG oder der Barmenia Versicherung.

Das wissenschaftliche Konzept und der hohe Innovationsgrad überzeugte vor zwei Jahren auch das BMWi. Mit dem EXIST-Gründerstipendium konnte Liwo die intensiven Forschungsarbeiten vorantreiben und den Markteintritt vorbereiten. „Neben finanzieller Unterstützung haben wir stark von den Beratungsleistungen profitiert, sodass wir unseren Businessplan und das Geschäftskonzept weiterentwickeln konnten.“ Einen Support dieser Art wünscht sich das Team auch von Unternehmen aus der Lebensmittelindustrie. Denn durch diese Zusammenarbeit können innovative Ideen und Synergieeffekte entstehen.

Gaumenrevolution in den Küchen mit EXIST

Mit dem Programm EXIST fördert das BMWi Startup-Ausgründungen aus der Wissenschaft, die einen technologieorientierten Schwerpunkt haben. Mit insgesamt drei Ausrichtungen zielt das Programm darauf ab, den Gründergeist an öffentlichen und privaten Hochschulen und an außeruniversitären wissenschaftlichen Einrichtungen zu stärken.

Mehr Infos zu den Fördermitteln von EXIST gibt es hier!

 

Bilder Evergreen-Food GmbH
Bilder Liwo: Liwo