Er ist ein groß gewachsener Mann, mit einem Auftreten, das bis ins Detail durchdacht erscheint und den Hauch eins Dandys versprüht.  Wenn er mit süddeutschem Akzent über die Qualitätsfrage des deutschen Journalismus philosophiert, wirkt er so oft ein wenig burgeois.  Wer näher hinschaut, bemerkt bei Marcus Johst die Vereinigung eines ausgeglichenen Selbstbilds mit dem Pragmatismus eines Veterans im Journalisten-Metier. Ein Veteran, an dem sich mitunter die Geister scheiden, ist der Journalist, Autor und Medienberater doch vor allem ein Spezialist für Nachrichtenmanagement in Krisenfällen. Im Rahmen des Rechtsstreits zwischen Uschi Glas und der Stiftung Warentest war er es, der eine Medien-Strategie zur Aufdeckung fragwürdiger Testmethoden der Stiftung für die deutsche Schauspielerin betreute, mittlerweile setzt er vor allem auf verdeckte PR.

Mit Kritik kann Marcus Johst gut umgehen, er selbst ist Freund offener Worte. Trotz gepflegten Auftretens nimmt er kein Blatt vor den Mund. Er vertritt seine Meinung und wenn er etwas zum Kotzen findet, sagt er dies auch. Und zum Kotzen findet er so einiges, dass sich Bereich des Online-Journalismus abspielt: „Ich halte die ganze Diskussion um Qualitätsjournalismus im Netz für absurd und tue sie als einen vorübergehenden Angstreflex aus der Journalistenszene ab“, meint der geborene Österreicher. „Es ist im übrigen bemerkenswert, wie angstvoll und geradezu peinlich verbohrt gerade jene, die sonst großspurig ihre Urteile über Unternehmen und Unternehmer in der Öffentlichkeit platzieren, bei der Betrachtung ihrer eigenen Branche sind.“

Dem Angstreflex entgegen wirken – CaptainCork

Diesem Angstreflex wirkt er selbst entgegen, indem er gewagte Konzepte wie das seines Weinblogs CaptainCork in die virtuelle Welt bringt. „Schluss mit dem Weingeschwätz. Dieses Weinblog spricht Klartext und hat die besten Tipps für alle, die sich nicht willenlos abfüllen lassen“ – spuckt  einem der Snippet-Text des Magazins bei Google trotzig entgegen. Im rasant wachsenden Markt des Onlinehandels mit Weinen plant Johst mit CaptainCork durch kompromisslosen Journalismus ein wichtiger Wegweiser durch die oft verwirrenden Angebote mit ihrem blumigen Kauderwelsch zu werden. „Es ist eine Tatsache, dass bereits jetzt – in der kurzen Zeit, in der Weinblogs existieren und informieren – der gekaufte Journalismus grassiert. Umso mehr halte ich das gute alte Geschäftsmodell vom wirklich unabhängigen Journalismus für zukunftsfähig“, erläutert der Medienkenner aus dem Alpenland.

Mit Manfred Klimek hat Marcus Johst für CaptainCork einen Mitstreiter und Sparringspartner gefunden, dem die aufgekochten Inhalte anderer Magazine der Branche ebenfalls zu weichgekocht erscheinen: „Guter Journalismus ist immer gefragt, große Medienhäuser sind jedoch nicht länger der ausschließliche Spediteur. Ich habe für einen Anteil an CaptainCork eine stark gekürzte monatliche Honorarzahlung akzeptiert, weil ich glaube, dass viele Journalisten begreifen müssen, dass die Zeit großer Verlage vorbei ist“, meint der aus Österreich stammende Klimek.

Beispiele für Sponsoring-Angebote bei CaptainCork

Und so soll es auch weitergehen. Die Marktstrategie von Marcus Johst sieht vor, nach CaptainCork weitere vergleichbare Projekte an den Start zu bringen – Projekte mit „korrekt-respektlosem und kompromisslos unterhaltendem Qualitätsjournalismus zu Nischenthemen“, wie er es nennt.  Als seine Mission versteht er es, den Konsumenten in einem permanenten Qualitätslehrgang bei der Hand zu nehmen und ihm zu helfen, sich „zwischen Mist und Qualität zurechtzufinden“. Diese Strategie lässt sich auch an CaptainCork ablesen, das frech und dreist in chaotischer Optik daherkommt und den Leser mit aufwühlenden Inhalten zum Nachdenken anregt. An manchen Stellen schießt dieser Wunsch über das Ziel hinaus und wirk gewollt komisch oder polemisch, in Summe ist das Magazin jedoch erfrischend lebendig und so ganz und gar nicht typisch.

„Es bedarf für guten Online-Journalismus starker Persönlichkeiten und keiner ängstlichen Lohnschreiber, die gerne hinter der etablierten Marke eines großen Medienhauses aufleben und bei Bedarf verstecken“, gibt Johst zu bedenken. Dies will er mit seinen Folgeprojekten weiter vorantreiben, wobei kein Fließbandjournalismus entstehen soll, sondern der jeweilige Markt als die ganze Welt im Kleinen betrachtet werden.

Eine Strategie bei der ihm Klimek beipflichtet: „Die Medienindustrie geht den Weg der Musikindustrie. Die Journalisten werden zukünftig mehr Selbstverantwortung tragen. Wer das nicht versteht und weiterhin Schutz unter dem Dach großer Medienunternehmen sucht, der hat nicht kapiert, dass die digitale Revolution das Geschäftsmodell der Verlage verändert.“ Der sonst vor allem als Fotograf aktive Manfred Klimek stand Gründerszene für ein kurzes Textinterview parat, aus deren knackigen Antworten sich erahnen lässt, dass der revoltierende Pragmatiker Marcus Johst einen Genossen im Geiste gefunden hat:

Wie hat sich der Journalismus Deiner Meinung nach in den letzten zehn bis 15 Jahren verändert? Was für Anforderungen werden heute an einen Journalisten gestellt?

Journalismus braucht keine Verlage mehr, der Journalist kann sich als Marke zu Markte tragen und sein eigenes Medium (sich als Medium) aufbauen. Leider verliert der Journalismus in dieser Umbruchsphase den klaren Blick auf seine Kernaufgabe: die Kontrolle der Mächtigen. Die Anforderungen an Journalisten sind immer die gleichen: Unterhalte! Und erkläre!

Du machst teilweise Vergleiche zwischen der Musikindustrie und dem Journalismus auf: Wo ist der gemeinsame Nenner beider Branchen?

In beiden Branchen sind Provider nicht mehr notwendig. Es braucht keine Konzerne mehr, Inhalte zum Leser zu bringen.

Welchen Mehrwert vermag das Internet im Journalismus zu stiften? Wie hat es selbigen verändert?

Das Netz ist schneller. Der Journalismus im Netz bleibt aber größtenteils seichter, als der Printjournalismus. Das liegt an dem Irrglauben, im Netz könnten keine langen und substantiellen Texte erscheinen.

Hast Du Probleme mit den Gesetzen dieses neuen Mediums?

Nein.

Wie viel Prozent Deiner Tätigkeit sind heute den wirklich gänzlich anders als früher, wo noch der „klassische Journalismus“ herrschte und man kein Google zum Recherchieren, kein YouTube zum Videos verbreiten hatte?

80 Prozent.

Was bedeuten für Dich die Begriffe Blog und Magazin?

Blog, Blogger: Gemeinschaft von Meinungsmachern (oder jenen, die die Langeweile plagt). Mehr oder weniger wichtig. Magazin: Durchdachte Struktur mit journalistischem Kern. Heißt aber nicht, dass Blogger kein Magazin machen könnten (nur machen sie keines).

Siehst Du Captain Cork denn eher als Blog oder mehr als Magazin?

CaptainCork ist ein tägliches Magazin mit Raum für Frage, Antwort und Kommunikation.

Welche Standards haben sich zu eurer Thematik bisher im Netz etabliert? Was findest Du gut und was schlecht?

Dies Frage kann ich nicht beantworten, ich habe mich nie um Standards gekümmert. Schlecht finde ich die Geheimnistuerei um Wein.

Was macht ihr anders als vergleichbare Seiten? Was macht ihr überhaupt anders als Journalisten „alter Schule“?

Wir sind Journalisten alter Schule und bleiben es auch. Deswegen machen wir auch nichts anders. Cork unterscheidet sich von anderen Weinseiten durch den direkten Zugang zum Weinkonsumenten und durch seine weit offenes Fenster. Wein ist für uns nicht nur das Verkosten von Weinen, sondern auch Sex, Spaß, Ausschweifung und totale Lebensfreude. Zudem ist CaptainCork optisch opulent gestaltet und hat die besten kulinarischen Fotos aller Weinseiten.

Habt ihr wiederkehrende Formate bei euch?

Ja. jede Menge. In Schrift und Film

Wie kommt ihr zu eurem USP? Was ist euer Marktziel?

Den USP brachte uns unsere Weltanschauung. Marktziel ist es, die einflussreichste deutsche Weinplattform zu werden, jene Seite, die auch den Konsumenten einbezieht.

Welche drei Eigenschaften muss man mitbringen, wenn man einen Job wie Deinen machen möchte?

Entscheidungen schnell und anständig treffen. Geduldig und gelassen bleiben. Immer die wichtigen Fragen stellen, also: Wer? Was? Wann? Wo? Warum?

Manfred, vielen Dank für das Gespräch.