Rocket-Mitarbeiterinnen

Gruppenfoto mit Berliner Rocket-Mitarbeiterinnen

„Frauen kämpfen selten für sich selbst“

Eigentlich ist die Frauenquote bei Rocket Internet gar nicht so schlecht – immerhin 40 Prozent aller Mitarbeiter sind weiblich. In den Führungspositionen sind Frauen jedoch deutlich in der Minderheit: Hier liegt die Quote bei 15 Prozent, unter den Gründern sind sogar nur zehn Prozent weiblich. Warum? Vera Termühlen dürfte die Antwort kennen: Sie ist seit zwei Jahren HR-Chefin bei dem großen Inkubator. Im Interview erklärt sie, warum Rocket mehr Frauen einstellen will und weshalb es so schwierig ist, geeignete Bewerberinnen zu finden.

Warum ist die Frauenquote in den Führungspositionen bei Rocket Internet so niedrig?

Ich habe aus Interesse bei den Business Schools nachgefragt, mit denen wir kooperieren. Die Frauenquote an diesen Schulen liegt nur bei etwa 20 Prozent. Woher sollen wir also die Frauen nehmen? Hinzu kommt, dass bei Rocket über 50 Prozent der Mitarbeiter im IT-Bereich arbeiten. Und das ist ja bekanntermaßen nicht der Bereich mit dem höchsten Frauenanteil.

Und einige Absolventinnen wollen sicher auch gar nicht bei einem Inkubator arbeiten…

Frauen zieht es im Vergleich zu Männern eher in stabilere Strukturen. Die Frauen, die wir für Interviews einladen, sehen die gesamtwirtschaftliche Entwicklung und das Wachstumspotenzial des Marktes. Es geht ihnen weniger um das große Abenteuer.

Was ist den Männern wichtig?

Macht und Geld ist Männern in der Regel wichtiger als Frauen. Deshalb fragen Männer eher: Was kann ich hier erreichen? Kann ich direkt eine Führungsposition übernehmen? Oder: Wie hoch ist eigentlich mein Gehalt? Frauen haben andere Interessen und Fragen. Der Wunsch, sich mit dem Produkt zu identifizieren, ist bei ihnen viel größer. Und auch die gute Zusammenarbeit mit Kollegen ist für sie entscheidend.

Vera Termühlen

Vera Termühlen

Sucht ihr derzeit gezielt nach Frauen, um die Quote zu heben?

Wir wollen definitiv mehr Frauen einstellen. Wenn die Bewerbung einer Frau dabei ist, dann schauen wir uns die ganz genau an. Wir möchten den Frauenanteil gerne anheben, weil wir davon überzeugt sind, dass gemischte Teams ein besseres Ergebnis hervorbringen. Deswegen nehmen wir auch in diesem Jahr wieder am Girls Day teil, weil wir schon 14-jährige Mädchen an die Themen Gründung, E-Commerce und IT heranführen wollen.

Wenn ihr gezielt nach Frauen sucht, geht das dann zum Nachteil der Männer?

Das glaube ich nicht. Es geht uns nicht darum, einfach irgendwie mehr Frauen einzustellen. Wir wollen die besten Leute finden und unter den besten sind eben auch Frauen.

Bekommt ihr mehr Bewerbungen von Frauen als früher?

Ja, es bewerben sich immer mehr selbstbewusste Frauen, die ihre Karriere in der Zukunftsbranche Internet starten möchten. Uni-Absolventen starten bei uns in der Regel als Global Venture Developer (GVD). Das GVD-Programm ist auf ein Jahr ausgelegt. In diesem Jahr wird das Potenzial entwickelt, im Anschluss eine Co-Founder-Position zu übernehmen oder in einem größeren Venture aus unserem Portfolio eine Position auf der mittleren bis höheren Managementebene.

Welche Eigenschaften müssen die Bewerberinnen mitbringen?

Für Frauen gilt bei uns das Gleiche wie für Männer: Jemand, der bei uns arbeitet, muss zum einen sehr smart sein und zum anderen muss es jemand sein, der keine Angst davor hat, Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Außerdem sollten sie lösungsorientiert denken und handeln. Nur mit Weiblichkeit kann man bei uns nicht punkten – man muss auch Kompetenz und Potenzial mitbringen.

Welche Charakterzüge fallen dir bei Frauen im Unterschied zu Männern auf?

Frauen treten nicht so selbstbewusst auf und fragen auch nicht so oft nach. Die gehen nicht mal eben zu ihrem Chef und bitten um eine Gehaltserhöhung, weil sie denken, dass sie diese verdient hätten – das machen Männer ganz selbstverständlich. Frauen denken dann eher, dass sie schon eine Gehaltserhöhung bekommen, wenn sie gut arbeiten. Aber die wenigsten Unternehmen geben eine Gehaltserhöhung von sich aus – da muss man auch ab und an mal nachfragen. Frauen kämpfen also selten für sich selbst und haben eine gewisse Hemmung, Dinge einzufordern.

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Funktionieren Teams mit Männern und Frauen deiner Meinung nach besser?

Ich halte viel von gut gemischten Teams. Natürlich bekommt ein Team eine ganz andere Dynamik, wenn beide Geschlechter vertreten sind, weil das ja auch erwiesenermaßen unterschiedliche Perspektiven einbringt.

Ihr seid mit euren Firmen weltweit vertreten. Hat sich schon einmal eine Frau beschwert, dass sie in einer Führungsposition nicht ernst genommen wird?

Nein, bisher noch nicht.

Vielen Frauen ist es wichtig, dass ein Unternehmen sie auch in der Babypause und nach dem Mutterschutz unterstützt. Was bietet Rocket Internet, um Frauen in dieser Phase unter die Arme zu greifen?

Fünf unserer Mitarbeiterinnen haben in den letzten drei Monaten Babys bekommen – da reagieren wir natürlich drauf. Deswegen kooperieren wir beispielsweise mit einem Kindergarten. Uns liegt daran, den Weg zurück in den Job so einfach wie möglich zu gestalten – auch und gerade, wenn es nicht immer gleich in Vollzeit geplant ist.


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Anna Alex und Julia Bösch gründeten gemeinsam Outfittery. Das Berliner Startup verschickt individuelle Outfits an Männer. Im Februar 2014 sammelte Outfittery stolze 13 Millionen von mehreren Investoren ein, im Februar 2015 legten verschiedene Investoren noch mal 20 Millionen US-Dollar drauf.

Bild: Rocket Internet