„Der Frauen-Boom in der Startup-Szene kommt noch“

13 Prozent der Startups in Deutschland wurden von Frauen gegründet. Kein gute Quote. Auch in den Führungspositionen sind Frauen in der Startup-Szene deutlich in der Minderheit – beim Berliner Inkubator Rocket Internet beispielsweise sind gerade einmal 15 Prozent der Führungskräfte weiblich. Woran kann das liegen? Schließlich gilt die Startup-Szene als progressiv, jung und dynamisch. Müssten nicht gerade hier die Frauen eigenständig vorpreschen, während die Regierung sich dazu gezwungen sieht, eine gesetzliche Frauenquote einzuführen?

Selten waren die beruflichen Chancen für Frauen so gut wie heute – nicht nur die Dax-Konzerne, auch Zalando oder Rocket Internet suchen gezielt nach weiblichen Führungskräften. „Wir wollen definitiv mehr Frauen einstellen“, sagt Vera Termühlen, Personalchefin bei Rocket Internet. Alle Kandidatinnen würde sie sich immer ganz genau ansehen. „Es bewerben sich immer mehr starke und selbstbewusste Frauen.“ Insgesamt sei es jedoch schwierig, geeignete Frauen zu finden – gerade für die Führungsebene. „Nur mit Weiblichkeit kann man bei uns nicht punkten – man muss schon auch Kompetenz und Potential mitbringen.“

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Begehrt seien die Absolventinnen von renommierten Business Schools wie der WHU. Die Frauenquote dort liege aber gerade einmal bei rund 20 Prozent, erklärt Termühlen. Viele von ihnen möchten zudem gar nicht in der Startup-Branche arbeiten. „Frauen zieht es im Vergleich zu Männern eher in stabilere Strukturen.“

Eine, die sich bewusst auf das Abenteuer bei Rocket Internet eingelassen hat, ist  Lea-Sophie Cramer, heute Gründerin von Amorelie. 2010 verließ sie die Unternehmensberatung BCG, um Co-Chefin des Rabattgutschein-Portals Groupon in Japan zu werden. Rückblickend kann sie gut nachvollziehen, warum andere Frauen Respekt vor einer solchen Position haben: „Als ich angefangen habe, wusste ich wirklich gar nichts. Mir wurde nicht gesagt, wo ich wie lange hin muss – und ob das alles gut geht“, erzählt sie. Schon bei ihrem Start herrschte Chaos: „Am ersten Tag wurde mir gesagt, dass ich nach Brasilien soll. Am zweiten Tag war von Australien die Rede. Am dritten Tag bin ich nach Japan geflogen.“ Für so einen Job würde vielen Frauen die Risikobereitschaft und Flexibilität fehlen, vermutet sie.

Ähnlich sieht es Verena Delius, die sich schon früh einen Namen in der Startup-Branche machte und aktuell Mitgründerin des Startups Fox & Sheep für Kinder-Apps ist: „Frauen sind risikoaverser und trauen sich Gründungen und Führungspositionen weniger zu als Männer“, bestätigt sie. Völlig ohne Grund, wie sie ergänzt: „Wenn sie einmal gesprungen sind, dann sind sie großartig.“ Sie hofft, dass alle Gründerinnen „wieder Vorbilder für weitere Gründerinnen sein werden, die sich dann viel leichter damit tun, selbst zu gründen und in die Selbständigkeit zu gehen.“

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Noch ist der Kreis an Gründerinnen aber sehr klein – immer wieder fallen beim Thema Frauen in Startups die selben Unternehmensnamen: DaWanda, Outfittery, Westwing,  Modomoto, Amorelie – oder auch Wummelkiste. Das Berliner Startup wurde 2011 von Philippa Pauen gegründet: „Es gibt nicht unbedingt mehr Frauen, die ihr eigenes Unternehmen gründen“, resümiert Pauen. „Aber die Frauen, die jetzt dabei sind, haben sich etabliert und sind zu einem festen Bestandteil der Startup-Szene geworden.“ Für sie persönlich habe es allerdings nie einen Unterschied gemacht, eine Frau zu sein – auch die gängigen Klischees kann sie nicht bestätigen: „Ich glaube nicht, dass die Frau immer die Emotionale sein muss, die alle im Team zusammenhält.“

Ob emotional oder knallhart – kaum ein CEO oder Personaler zweifelt mittlerweile noch daran, dass gemischte Teams besser funktionieren. Auch beim Computerspiele-Hersteller Wooga hat man längst erkannt, dass Frauen wichtig für das Unternehmen sind: „Wir haben das Gefühl, dass wir erfolgreicher sind, wenn Frauen im Team sind“, erklärt Woogas Personalchefin Gitta Blatt. „Unsere Spiele haben sehr viel mit Emotionen zu tun – deswegen macht es Sinn, das Produkt aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten.“ Mittlerweile sei es auch einfacher geworden, Frauen zu finden, weil die Quote in den Tech-Studiengängen steigt.

Es hat etwas gedauert, aber die Startup-Szene scheint langsam weiblicher zu werden. Auch Lea-Sophie Cramer prognostiziert, dass in den kommenden Jahren noch viele Frauen in die Branche drängen werden: „2007 sind durch Oli Samwer viele Männer in der Szene gestartet – auch weil sie risikobereiter waren und dafür ihren sicheren Job in der Beratung aufgegeben haben,“ erklärt sie. „Ich glaube, dass der Frauen-Boom in der Startup-Szene etwas verspätet kommt und dass es in zwei bis drei Jahren deutlich mehr Gründerinnen geben wird.“

Bild: Dawanda, Outfittery, Amorelie, Wummelkiste, Westwing, Verena Delius