Frauen in Führungspositionen: Ein Gründerinnen-Bericht | EXIST BMWi

Frauen in Führungspositionen: Wieso so zögerlich?

Trotz exzellenter Ausbildung und einschlägiger Berufserfahrung sind es nicht viele Frauen, die eine Führungsposition anstreben oder ihr eigenes Unternehmen gründen. Gründe dafür muss es allem Anschein nach so manche geben. Liegt die Zurückhaltung am Mangel an Risikobereitschaft oder der nicht immer einfachen Vereinbarkeit von Kind und Beruf? Oder daran, dass die Startup-Branche noch immer eine Männerdomäne ist? Um Karrierehindernisse aus den Köpfen der weiblichen Bevölkerung schwinden zu lassen, müssen Wirtschaft und Politik reagieren. Aber auch frau selbst muss umdenken. „Die Vorteile des Gründens müssen einfach noch stärker kommuniziert werden. Es geht nicht um Selbstausbeutung, es geht um Selbstverwirklichung. Ich habe es in der Hand, meine Arbeitswelt so zu gestalten, dass sie zu meiner Lebenswirklichkeit passt“, so Diana Schlehahn von videostream360, über die Vorteile einer Unternehmensgründung.

Gründerinnen gesucht: Mehr Frauen in die Startup-Welt

Zwar gibt es in der Startup-Branche (noch) nicht viele Gründerinnen. Diejenigen, die gegründet haben, sind jedoch umso bekannter. Frauen müssen sich in der dynamischen, aber dennoch männlich dominierten Startup-Welt mehr zutrauen. Sie sollten sich trauen, aus stabilen Strukturen auszubrechen, etwas Neues zu wagen und in einer leitenden Funktion vielleicht auch mal unliebsame Entscheidungen zu treffen – auch wenn das „Oben-alleine-sein“ eine neue Erfahrung ist, und zu gründen, selbstständig zu sein und ein eigenes Team zu leiten für viele Frauen zunächst einmal ‚unheimlich‘ erscheint.

Etwa ein Fünftel aller Unternehmensgründer sind weiblich. Diana Schlehahn beobachtet dennoch, dass sich weiblich geführte Startups oftmals in stereotypischen Kreisen bewegen: „Männliche Platzhirsche prägen die Startup-Szene unheimlich stark. Wenn Frauen gründen, dann oftmals in Bereichen, in denen sie sich sicher fühlen, wo ihnen kein Platzhirsch so leicht dazwischen funken kann – in Shops für Kindermoden oder Makeup. Das ärgert mich bis zu einem gewissen Grad. Ich denke, Frauen sollten sich nicht hinter diesen Klischees verstecken.“ Denn stehen Idee und Geschäftskonzept, können Gründungswillige eine Reihe an Fördermittel beantragen, die sie in allen Bereichen unterstützen.

Startup-Programm EXIST: Förderung für Gründerinnen und Gründer

Frauen in Führungspositionen sowie Unternehmensgründerinnen sind eine wichtige Zutat und ein wesentliches Regulativ für die Wirtschaft im Allgemeinen und in Gründerteams im Konkreten. Drei Startups, deren Gründerinnen erfolgreich eigene Unternehmen führen, sind videostream360, Tandemploy und Performanat. Sie wurden vom EXIST-Programm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) gefördert. Die Gründerinnen und Managerinnen der Unternehmen geben einen Einblick.

EXIST-Startup videostream360: Technische Videoexpertise

videostream360 bietet einen 360°-Livestream für Veranstaltungen wie Konzerte, Sportevents oder Konferenzen. Durch ausgeklügelte Software und eine spezielle Kameratechnologie können die 360°-Videostreams einfach und kostengünstig produziert und sowohl auf Webbrowsern als auch auf mobilen Endgeräten abgespielt werden. Das Know-How, das sich das dreiköpfige Team angeeignet hat, wird in regelmäßigen Workshops weitergegeben.

Managerin Diana Schlehahn glaubt, dass viele Frauen sich nicht trauen, zu gründen, da Selbstständigkeit für Einzelne hochgradig riskant, zeitaufwändig und unvorhersehbar sein kann – ganz anders als die vermeintlich sichere Festanstellung. „Man benötigt ein kleines finanzielles Polster, um Durststrecken zu bewältigen, die es anfangs natürlich gibt und die einem hin und wieder schaflose Nächte bereiten. Frauen reagieren da wahrscheinlich oftmals sensibler als Männer und wagen den Schritt in die Selbständigkeit seltener“, so Schlehahn. Sie hofft, dass es bald viele toughe Frauen gibt, die selbstbewusst ihr eigenes Startup nach vorne bringen. „Was es dazu auch braucht, ist meiner Meinung nach eine sinnvolle finanzielle Förderung. Eine Art erweiterter Gründungszuschuss, so lange, bis man von alleine fliegen kann ohne sich heillos zu überschulden. Der Mensch braucht Sicherheit, um sich entfalten zu können – und da spielt das Geschlecht auch überhaupt keine Rolle.“ Von EXIST profitierte die junge Managerin vor allem von diversen Coachings sowie vom Workshop ‚Gründerpersönlichkeit‘.

EXIST-Startup Tandemploy: Mit Jobsharing den Nerv der Zeit getroffen

Flexible Arbeitszeiten, flexiblerer Lebensstil und bessere Ergebnisse auf der Arbeit: Jana Tepe und Anna Kaiser haben sich in Deutschland als Expertinnen in Sachen Jobsharing positioniert. Mit ihrem Startup Tandemploy ermöglichen sie es Jobsuchenden, ihre Arbeitsstelle mit einem Job-Partner zu teilen. Die beiden Gründerinnen haben mit dieser Idee eine Plattform für zwei Gruppen geschaffen, die gleichermaßen durch dieses Job-Tandem-Modell profitieren. Auf der einen Seite sind das die Arbeitnehmer, die Karriere in Teilzeit machen wollen, damit ihnen genügend Freiraum und Zeit für eigene Projekte bleibt. Auf der anderen Seite sind es Unternehmen, die durch das doppelte Potenzial von sich ergänzenden Arbeitnehmern und die damit einhergehende Kompetenz-, Leistungs- und Qualitätssteigerung profitieren. Eine echte Win-Win-Situation.

Die zwei Frauen in Führungspositionen wollen mit dem Konzept insbesondere hochqualifizierte Mitarbeiter ansprechen, die zwar keine 40 Stunden pro Woche arbeiten möchten oder können, aber dennoch nicht auf anspruchsvolle Tätigkeiten verzichten wollen: „Mit unserem Unternehmen setzen wir Impulse für neue Arbeitsmodelle und nehmen damit auch gesellschaftlich Einfluss“, so Tepe über die Bedeutung ihres Startups. Die zwei Frauen bieten mit diesem Beschäftigungsmodell ein familienfreundliches Konzept: Es bietet Müttern sowie Vätern gute berufliche Möglichkeiten und ausreichend Zeit für Privat- und Familienleben. Auch kommen sie damit den Vorstellungen von Arbeitsbedingungen und der Work-Life-Balance der Generation Y entgegen.

EXIST-Startup Performanat: Innovation in Bereich Veterinär-Physiologie

Ein weiteres EXIST-Startup, bei dem sich Frauen in Führungspositionen befinden, ist Performanat. Das Team um Dr. Julia Rosendahl entwickelt Futterzusatzstoffe für Kühe, damit diese gesünder leben. Performanat profitierte vom Forschungstransfer-Programm des BMWi und kam auf zufälligem Wege – über Forschungsergebnisse und Patentanmeldung sowie der Uni-Gründungsförderungsstelle – zum EXIST-Forschungstransfer. Nach etwas Bedenkzeit stand für die drei Veterinärmedizinerinnen fest, dass sie ihr eigenes Unternehmen gründen wollen. „Bestimmte Chancen muss man einfach nutzen“, so Rosendahl.

In dem ebenfalls recht männerdominierten Bereich kommen die drei Frauen in Führungspositionen mit ihrem Startup momentan bestens voran – auch weil sie die vielen Gründerseminare von EXIST in Anspruch nehmen können und dadurch wichtige Learnings für eine erfolgreiche Unternehmensführung erhalten. „Wir haben großes Glück, dass wir einen breit aufgestellten Beirat auf die Beine stellen konnten, dessen Mitglieder uns vor allem bei betriebswirtschaftlichen Fragestellungen sehr unterstützen. Dazu gehören unsere Coaches, die zum Teil auch als Geschäftsführer tätig sind. Einer von ihnen wurde sogar selbst vor einigen Jahren mit EXIST gefördert.“

EXIST: Informationen zu Bewerbung und Fördermitteln

Mit EXIST unterstützt das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) junge Unternehmensgründungen aus wissenschaftlich basierten Technologiebereichen. Neben dem Gründerstipendium, welches Studierende, Absolventen und Wissenschaftler anhand von finanziellen und anderweitigen Fördermitteln bei den Vorbereitungen ihrer Unternehmensgründungen unterstützt, bietet das Programm mit der Gründungskultur und dem Forschungstransfer zwei weitere Fördersäulen. Interessierte können sich hier informieren.

Diana Schlehahn ermutigt und motiviert gründungsinteressierte Frauen: „Wenn du von einer Idee überzeugt bist, kannst du in der Umsetzung nur wenig falsch machen.“