fred destin accel pioneers festival

Accel-Investor Fred Destin, hier beim Pioneers Festival

Fred, Du beobachtest die Tech-Szene in den USA und in Europa schon lange, seit einer Weile für den bekannten VC Accel Partners. Nun gab es einige deutliche Bewertungskorrekturen bei Tech-Unternehmen. Woran lag es – waren die Unternehmen und die Investoren zu euphorisch oder gar zu gierig?

Im vergangenen Jahr floss eine Menge Geld in die hiesigen Märkte, insbesondere aus den USA und Asien. Für Unternehmen wie Deliveroo oder BlaBlaCar schien der Zugang zu Kapital tatsächlich fast uneingeschränkt. Dabei gab es eine gewisse Preis-Inflation durch den Wettbewerb zwischen den Investoren. Ich glaube, die meisten Unternehmen werden in ihre Bewertung hinein wachsen, aber es wird in Europa noch weitere ,Down-rounds‘ geben.

Sind die zuletzt in die Höhe geschossenen Bewertungen von Delivery Hero, das nun auf über drei Milliarden Dollar gehandelt wird, und einigen anderen eigentlich gerechtfertigt?

Ich denke, gerade bei Essenslieferdiensten im Fall von Delivery Hero besteht großes Potenzial: Nicht nur ist der weltweite Markt gigantisch. Auch die Wiederkehrrate ist hoch – wer sich einmal für eine Plattform entschieden hat, bleibt ihr meistens treu.

Von einer Überbewertung würde ich da jedenfalls nicht reden. Für das Ökosystem in Deutschland sind solche Leuchtturmunternehmen besonders wichtig, weil sie internationale Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Und anders herum: Werden Unternehmen in Deutschland zu früh verkauft, wie es manchmal gesagt wird? Die 6Wunderkinder zum Beispiel…

Die deutsche Szene ist noch sehr jung, da ist es für Gründer und Investoren wichtig, nicht all zu lange auf die Exit-Erträge zu warten – damit sie bald etwas Neues, noch größeres aufbauen können. Der Verkauf der 6Wunderkinder an Microsoft war ein guter Exit, und auch die Summe hat gepasst.

Was fällt Dir generell auf, wenn Du als Investor „von außen“ auf die deutsche Startup-Szene schaust?

Zuallererst, dass Deutschland bislang unter seiner Gewichtsklasse geboxt hat. Es gibt eine Menge Innovation, vielleicht nicht immer in den richtigen Segmenten, aber die deutsche Szene gedeiht prächtig. Hinzu kommt das enorme Potenzial.

Es wird immer wieder unterschätzt, wie lange ein Ökosystem braucht, um zu gedeihen: Nach drei „Generationen“ von Business Angels ist meist erst genug Wissen vorhanden, um erfolgreich zu werden. Mit Lesara-Gründer Roman Kirsch, Alex Ljung und Eric Wahlforss von Soundcloud, oder den Gründern und Investoren von Zalando, Delivery Hero sowie den 6Wunderkindern kommt nun Geld und Wissen ins System. Außerdem kommen namhafte Investoren aus dem Ausland und es tun sich neue Exit-Kanäle auf, wie die 6Wunderkinder-Übernahme durch Microsoft gezeigt hat.

Aber es ist ja längst noch nicht alles perfekt. Woran hapert es derzeit noch?

Vor allem daran, dass es noch keine organische VC-Szene gibt. Geld kommt neben dem Engagement von Business Angels vor allem von Family Offices, Verlagen und kleineren Firmen ins System. Klar gibt es in Berlin oder München auch interessante VCs. Im Verhältnis sind es aber deutlich weniger als zum Beispiel in London.

Wieso macht Accel dann kein eigenes Büro in Berlin auf?

VCs müssen reisen. Das gehört zum Geschäft – sonst fokussiert man sich zu sehr auf den eigenen Markt und schaut nicht über den Tellerrand.

Liegt der VC-Mangel in Deutschland daran, dass die hiesigen Konzerne ihr Geld zu sehr in Unternehmensnähe halten wollen und deshalb lieber eigene Inkubatoren, Labs, Acceleratoren oder ähnliches starten?

Die Hoffnung ist sicherlich, dass die Konzerne mehr „mitnehmen“, wenn sie es auf diese Weise probieren. Aber ein Inkubator kann immer nur so gut sein, wie die Mentoren. Und da haben die Konzerne einfach nicht genug Know-how zur ihrer Verfügung.

Aber wäre es nicht toll, wenn sagen wir alle Verlage sich zusammenschließen und ihr Wissen zusammenbringen würden? Und dann mit der vereinten Marktmacht und etwas Startup-Hilfe einen Weltklasse-Wissenspool aufbauen?

Zuletzt wurde immer wieder Rocket Internet als „börsennotierter VC“ bezeichnet. Siehst Du das auch so?

Rocket würde ich bei der VC-Betrachtung ehrlich gesagt außen vor lassen. Aber man kann nicht genug betonen, welch wichtige Rolle sie in der Szene spielen: Sie bringen viel Geld hinein und bilden Leute aus.

Aber auch in den richtigen Disziplinen? Von Gründerromantik kann man bei Rocket ja nicht gerade sprechen.

Das ist schon richtig. Aber es braucht ja nicht nur Gründer. Fähige Leute in vielen Bereichen tragen so ein Ökosystem. Und Rocket ist für viele Programmierer, BWler oder HRler durchaus auch ein Grund, nach Berlin zu kommen. Berlin mag mehr methodisch sein als kreativ. Aber das ist dann eben die ganz eigene Stärke.

Du sagtest eingangs, die Segmente, mit denen sich deutsche Startups beschäftigen, seien noch nicht immer die richtigen. Wo hapert es denn?

Es wird ja immer nach einem „neuen SAP“ gesucht. Und das nicht ohne Grund: Im Software-as-a-Service-Bereich ist Deutschland noch nicht so gut vertreten. In diesem Segment hat London die Nase deutlich vorn – dabei finden sich aber gerade im B2B-Segment oft die lukrativen Geschäftsmodelle mit entsprechend hohen Bewertungen. Das soll nicht heißen, dass es keine nationalen Champions gebe. Aber die internationalen Ambitionen sind nicht genug da.

Wie sieht es mit Bereichen wie FinTech/InsureTech, Health-Tech oder Mobility aus? Hat Deutschland hier eine Chance, sich international zu etablieren?

Die interessantesten Unternehmen entstehen meist an den Schnittstellen zwischen unterschiedlichen Bereichen. Zum Beispiel von gutem Design und neu definierten Finanzdienstleistungen. Mit Blick auf die Talent-Tiefe sehe ich keinen Grund, warum sich Deutschland in diesen Bereichen nicht positionieren können sollte. Allenfalls an der Internationalisierung hapert es mitunter, trotz solchen Erfolgsgeschichten wie Zalando oder Check24. Hoffentlich bringen Unternehmen wie Soundcloud deutsche Gründer dazu, von Beginn an international zu denken.

Was würdest Du jungen Gründern raten, die ein Unternehmen in Deutschland aufbauen wollen? Oder ist schon die Frage falsch, und sie sollten Deiner Meinung nach besser nach London oder in die USA gehen, wie es oft heißt?

Ich denke, es gibt keine grundsätzlichen Regeln, wo man ein Unternehmen gründen sollte. Oder dass der Start in Deutschland eine schlechte Idee ist. Venture Capital ist mobil, es kommt also eher darauf an, dass die Gründer die richtigen Leute für ihr Unternehmen bekommen. Allerdings führt für B2B- oder Software-Startups kein Weg daran vorbei, eine starke Präsenz in den USA zu haben. Das bringt aber auch eine ganz eigene Reihe an Herausforderungen mit sich. Zum Beispiel die hohen Löhne und der starke Wettbewerb um die besten Leute.

Und was empfiehlst Du Gründern, die nach Kapital suchen?

Das sollte generell kein Problem sein. Gründer die Willens sind, ,groß‘ zu denken, finden ihren Weg zu Investoren und umgekehrt. Es gibt zwar noch viel zu tun für ein pan-europäisches Angel-Netzwerk, aber Plattformen wie AngelList treiben das ja bereits voran.

Gründern, die eine Folgeinvestition suchen, sei dennoch geraten, sorgsam mit dem bislang eingesammelten Geld umzugehen, solange nicht klar ist, ob ein Abschwung bevorsteht. Ansonsten könnte die kommende Finanzierungsrunde dem Unternehmen weh tun, wenn die Bewertung ambitioniert war.

Zurück nach Deutschland: Haftet der hiesigen Szene eigentlich immer noch ein Copycat-Image an? Man findet bei der Recherche schon noch des Öfteren mal heraus, dass es bei neuen hiesigen Startups durchaus ein US-Vorbild gab…

Das sind Leute, die trainieren. Und dann kommen sie irgendwann wieder, mit mehr Erfahrung und größeren Ambitionen. Und es gibt mit Ideen wie Dubsmash ja auch eigene, frische Ansätze.

Aber es ist nicht mehr die alte Strategie, das eigene Startup an das US-Vorbild verkaufen zu wollen…

Richtig. Die würde auch heute nicht mehr funktionieren. Mittlerweile weiß man in den USA ziemlich genau, wie man ohne teure Zukäufe international skaliert.

Fred, vielen Dank für das Gespräch!

Bild: Gründerszene