freeletics gründer Andrej Matijczak Mehmet Yilmaz Joshua Cornelius

Die drei Gründer von Freeletics: Andrej Matijczak, Mehmet Yilmaz und Joshua Cornelius (von links)

Man sieht ihnen ihr Startup an. Andrej Matijczak, Mehmet Yilmaz und Joshua Cornelius sind die Erfinder der gehypten Sport-App Freeletics, die sich gerade weltweit verbreitet. Die drei sind fit, haben lange Leistungssport gemacht und teilen die eigenen Bestzeiten ihrer Workouts fleißig in der Freeletics-Community. Sie wollen andere mitreißen, Menschen „an ihr Potential heranführen“, das betonen die Gründer, die ihr Startup eigenfinanziert haben, immer wieder. Und es klappt, denn bis heute nutzen laut Freeletics vier Millionen registrierte Nutzer in 50 Ländern die Fitness-App, die Trainingseinheiten nur auf Basis des eigenen Körpergewichts konzipiert.

Bislang haben sich Matijczak, Yilmaz und Cornelius öffentlich sehr zurückgehalten. Umso überraschter waren wir, dass sie beim Startup-Camp Berlin gesprochen haben. Dort wurden sie umschwärmt: Einige Besucher machten sogar Fan-Fotos mit den Gründern, die sich alles freundlich gefallen ließen. Bereitwillig beantworteten sie jede Frage, boten Austausch und Unterstützung an. Ihre bisherige Zurückhaltung haben sie mir so erklärt: Die Aufmerksamkeit sollte sich auf ihr Produkt richten, nicht auf sie.

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Denn für ihr Produkt brennen Matijczak, Yilmaz und Cornelius. „Wert kreieren“ wollen sie, Probleme in der Gesellschaft angehen und für ihr Team ein gutes Arbeitsumfeld schaffen. „Ich will, dass die Leute sagen: Bei Freeletics hatte ich die geilste Zeit meines Lebens“, erzählt Mehmet Yilmaz im Gespräch. Die Gründer strahlen Optimismus aus und Selbstvertrauen. Und sie glauben an das, was sie tun.

Gegründet haben sie Freeletics im März 2013. Direkt nach ihrem Studienabschluss vor knapp über drei Jahren begannen Yilmaz, Cornelius und Matijczak ihr Unternehmen zu planen. Getroffen haben sich Cornelius und Yilmaz wohl nur, weil beide zu spät zur Immatrikulation an der Uni gekommen sind. Matijczak und Cornelius hingegen kennen sich bereits lange: Sie sind Tür an Tür aufgewachsen, Hand in Hand ging es über eine stark befahrene Straße zur Grundschule. Yilmaz und Matijczak wiederum studierten dann in New York im Auslandsstudium zusammen.

Nach außen hin stehen die drei Gründer zusammen – um ihr Startup groß zu machen, haben sie sich einander für zwei Jahre verpflichtet. Im Mai 2014 sind sie aus ihrem gebootstrappten Startup als Geschäftsführer ausgestiegen und haben Daniel Sobhani als ihren Nachfolger bestimmt, mit dem Gründerszene vor kurzem sprach. Wichtige Entscheidungen werden weiter zu viert getroffen, erzählen mir die Gründer. Freeletics sei ihr Baby. Gleichzeitig wollten sie Raum schaffen für Neues. Beim Startup-Camp gab es dazu sogar den Talk: „Post-Freeletics: What comes next?“ So inspirierend das war, verraten haben die drei eigentlich nichts.

Auch bei Zahlen geben sich die sonst sehr offenen Gründer geheimnisvoll. Nur so viel: Das Wachstum liege weiterhin deutlich im zweistelligen Bereich, nachdem es 2014 monatlich im Schnitt 30 Prozent gestiegen sei. Da die Firma jung ist, stehen noch keine Jahresabschlüsse im Bundesanzeiger. Dem Handelsregister ist zu entnehmen, dass die drei Gründer weiterhin 95 Prozent an Freeletics halten, die übrigen knapp fünf Prozent gehören CTO Thomas Obermüller.

Gründerszene führte nun eines der ersten Gespräche mit den dreien. Bei unserem Treffen in Berlin vereinbarten wir ein Skype-Telefonat. In dem Interview erzählten mir die Gründer von Gegenwind bei der Freeletics-Gründung, ihren Visionen und berichteten, warum sie mit ihrem ersten Produkt nicht so glücklich waren.

Mehmet, Joshua, Andrej – warum habt ihr Freeletics gegründet?

Mehmet: Das Team stand bei uns vor der Idee. Wir kommen alle von gründungsnahen Münchner Unis, aus denen regelmäßig erfolgreiche Startups hervorgehen. Früh haben wir uns dazu entschieden, dass Gründung auch der richtige Weg für uns ist, um Impact in der Welt zu haben und uns zu verwirklichen. Wir haben das nie als so risikoreich empfunden. Wir sind in Deutschland, was soll hier schon groß passieren? Viele vergessen, wie gut wir es hier haben. Zusätzlich waren wir alle wirklich gut in der Uni. Wir waren an Top-Unis im Ausland und hatten Stipendien. Wir waren es gewohnt, Herausforderungen zu bestehen und deshalb immer zuversichtlich, dass wir erfolgreich sein werden und uns gleichzeitig dem widmen können, was uns Spaß macht. Dabei teilen wir unsere Werte und Visionen.

Welche Visionen und Werte sind das?

Joshua: Unsere Leidenschaft sind Gesundheit und Sport. Wir haben früher auf hohem Niveau Sport getrieben und hatten das Gefühl, dass wir in dem Segment am meisten Wert kreieren können, da wir wissen, was Leuten da fehlt. Natürlich sind diese Leidenschaft und dieses Gefühl noch weit davon entfernt, ein Unternehmen zu sein. In den ersten Tagen saßen wir also vor einem leeren Whiteboard im SCE und haben angefangen, verschiedene Kriterien zu sammeln. Zum einen waren das wirtschaftliche wie Marktgröße, Wettbewerber und unsere Kernkompetenzen. Zum anderen persönliche: unser Herzblut und Vertrauen, dass wir in diesem Bereich erfolgreich sein können. So haben wir uns Schritt für Schritt durch den Sport- und Gesundheitsmarkt gearbeitet und sind zu den ersten konkreteren Anhaltspunkten gekommen.

Wie genau habt ihr dabei das Konzept für Freeletics entwickelt?

Andrej: Wir haben sehr kundennah gearbeitet. Die ersten Leute, mit denen wir trainiert haben, waren meine Schwester, Joshuas Freundin und Bruder und Mehmets Freundin. Die haben wir einfach dazu gezwungen, mit uns raus auf den Platz zu gehen. Sie konnten da ja nichts einwenden. (lacht) Daraus wurde dann eine Offline-Gruppe, mit der wir Workouts entwickelten und testeten. Die wurde mit der Zeit größer und größer, sodass wir Facebook-Gruppen aufgemacht haben, worin Interessierte sich organisieren konnten. Danach kam unser erster Newsletter, mit dem wir versucht haben, digital zu wachsen. Aus den Newslettern entwickelte sich unser erstes Produkt: ein E-Book.

Mehmet: Genau, danach kam unsere App, die umgesetzt hat, was wir vorher mit den Newslettern und dem E-Book getestet hatten. Schritt für Schritt verbesserten wir das Produkt bis zu dem, was wir heute haben: ein personalisierter Coach, der sich auf die Stärken und Schwächen der Kunden einlässt und ihnen so dabei hilft, ihr Potential zu entfalten – körperlich und mental.

Andrej: Wenn Unternehmen gegründet werden, ist es meist so, dass Märkte betrachtet werden, die gerade im Kommen sind und in die viele Investoren einsteigen. Wir aber haben uns gefragt: Wofür haben wir Herzblut, wofür haben wir eine Leidenschaft, eine Passion? Das war der Sportmarkt, aber der war noch relativ klein im Investorengeschäft und hat deswegen nicht viele interessiert. Nur sehr wenig Leute haben an uns geglaubt. Wir hatten jedoch immer dieses Luftschloss in unseren Köpfen und die Vision vor Augen, wie groß Freeletics werden kann. Jetzt können wir zu unseren Freuden sagen, dass sich alles auch so entwickelt hat.

Joshua: Vielleicht noch als Ergänzung: Wir sind nie mit der Idee gestartet, ein Offline-Produkt zu bauen. Uns war von Beginn an klar: Wir wollen ein starkes, digitales Produkt, das gut skalierbar ist. Wenn man am Anfang aber nichts hat, dann muss man eben mit dem arbeiten, was zur Verfügung steht. Daher kam dieser iterative Prozess.

Wie hat es sich gezeigt, dass am Anfang viele nicht an die Idee geglaubt haben? Und wie seid ihr damit umgegangen?

Andrej: Es gab auf jeden Fall mehr Frontal- als Rückenwind, zum Beispiel von Leuten, mit denen wir früher an der Universität waren. Die haben eine Menge erwartet und schon am Anfang gefragt: ‘Was ist denn das, Body Weight Exercises? Das ist doch nichts Gescheites!’ Als Team haben wir drei aber immer an unsere Fähigkeiten geglaubt. Wir waren uns sicher, dass unsere Vision Wirklichkeit werden kann, unabhängig davon ob nun Investoren oder Leute um uns herum an uns glauben oder nicht.

Was das nicht manchmal schwierig? Hattet ihr keine Selbstzweifel?

Andrej: Grundsätzlich ist jeder Schritt schwierig, wenn man ein Startup bootstrapped, gar kein Geld hat, Leute nicht an einen glauben und man sich in einem Markt bewegt, der noch nicht wirklich vorhanden ist.

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Joshua: Wirklich daran gezweifelt, ob Freeletics etwas werden kann – das haben wir aber nie. Wir waren davon überzeugt, dass wir etwas erreichen können, auch wenn Menschen um uns herum das vielleicht noch nicht nachvollziehen können. Ich meine, das, was das Umfeld als erstes sieht, sind drei Jungs, die behaupten man könne mit Liegestützen, Klimmzügen und Kniebeugen den Sportmarkt revolutionieren. Das kann erst einmal eher lächerlich wirken. Aber wir haben uns vertraut, deswegen war unser stärkstes Asset, dass wir uns gegenseitig hatten.

Mehmet: Die größte Herausforderung war mit nichts, ohne Kapital, ein Unternehmen zu bauen. Und wenn wir nichts sagen, dann meinen wir nichts. Unsere Meetings waren auf Tischtennisplatten und die größte Entscheidung war, ob wir für einen Euro Thunfisch oder Hüttenkäse fürs Mittagessen kaufen. Es war schon schmerzhaft, schon ein Struggle, aber trotzdem die beste Zeit unseres Lebens. Jeden Morgen haben wir uns gedacht: Heute wird ein geiler Tag. Wir haben die Zeit genossen. Es gab Zweifler, aber wir hatten gleichzeitig viele Kunden, die uns positives Feedback gegeben und uns bekräftigt haben.

Was waren neben Kundennähe und Eurem Zusammenhalt entscheidende Faktoren, um durchzuhalten?

Joshua: Eine Sache, die bei uns entscheidend war, ist, dass wir uns gegenseitig committed haben. Wir haben gesagt, dass wir den beiden anderen nun zwei Jahre unseres Lebens zusprechen. Unter keinen Umständen wird einer die anderen im Stich lassen. Das ist ein viel stärkeres Committment als einer Idee oder einem Unternehmen gegenüber. Wir waren unseren besten Freunden treu, keiner ließ die anderen hängen. Diese zwei Jahre waren geblockt. Und dann ging es nur noch darum, daraus auch das beste zu machen.

Mehmet: Die meisten Startups scheitern, weil sie aufgeben. Denn wann ist man wirklich gescheitert? Erst, wenn man aufgibt. Das war für uns keine Option. Es sind vier Faktoren, von denen wir glauben, dass sie wichtig sind: Erstens: Wir agieren sehr marktnah. Zweitens: Wir achten darauf, dass wir für jedes Investment einen entsprechenden Return kriegen. Drittens: Wir sind Cash-driven. Ein Unternehmen ist dazu da, um Wert zu kreieren. Dafür braucht man ein Produkt, dass Kunden schätzen – nicht nur in Form von gutem Feedback sondern auch dadurch, dass sie bereit sind, dafür zu zahlen. Zu guter Letzt sind wir Action-driven. Andrej sagt immer so schön: Done is better than perfect. Man bringt etwas auf den Markt und weiß, dass noch nicht alles perfekt ist. Aber Warten war nie die bessere Option, als direkt am Markt zu testen, Feedback einzuholen und darauf aufbauend Dinge besser zu machen.

Bitte wenden – Der zweite Teil des Interviews: Geldnot.

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