Pleite, offline, 2015

Okay, es ist bewusst kontrovers formuliert und einiges mag anders kommen als vermutet. Dennoch ist einem jedem Webgründer wohl klar, wie unstet die Internetbranche ist. Von platzenden Blasen und Boomthemen, die genauso schnell verschwinden, wie sie gekommen sind, hat wohl jeder in Bezug auf das Internet schon gehört. Und wenn man sich einmal vergegenwärtigt, wie jung Internet-Riesen wie Facebook, Google oder Twitter im Vergleich zu Offline-Größen wie Siemens, Mercedes Benz oder Heinz eigentlich sind, wird dies umso deutlicher.

Doch zurück in die heimischen Internetgefilde: Grund genug also, um einmal den etwas kritischeren Blick in die Kristallkugel zu wagen: Welche der größeren deutschen Internet-Unternehmen wird es in fünf Jahren vielleicht schon nicht mehr geben? Welche Web-StartUps werden bis 2015 aufgegeben, verkauft oder in ihren Inhalten nachhaltig verändert? Gemeint als Diskussionsanregung zur kritischen Betrachtung einiger potenter deutscher Geschäftsmodelle hat Gründerszene seine fünf Kandidaten für einen Offlinegang bis 2015 zusammengestellt und bewertet deren Erfolgsaussichten.

Ihr denkt, die Gründerszene-Redaktion irrt sich maßlos? Ihr seid im Gegenteil der gleichen Meinung? Oder ihr kennt noch weitere Internet-Unternehmen, die auch auf diese Liste passen? Lasst uns eure Eindrücke per Kommentar wissen!

Swoopo: Probleme mit dem Geschäftsmodell

Swoopo, Penny Auctions, Entertainment-Shopping, Live-Shopping

Die Penny-Auctions-Seite Swoopo (www.swoopo.de) hat gleich mit mehreren Stolpersteinen zu kämpfen, die größtenteils durch das Geschäftsmodell selbst hervorgehen. Schon seit Beginn seiner Tätigkeit hat Swoopo hart mit dem Vorwurf der Abzocke von Nutzern zu kämpfen. Eine Google-Suche zeigt schnell negative Usermeinungen und Begriffe wie “Abzocke”, “Betrug” oder “Glücksspiel” fallen häufig in Bezug auf Swoopo. Gründerszenes Artikel zum Geschäftsmodell von Swoopo brachte zwar nicht wie bei Coding Horror zirka 60 DIN A4-Seiten Kommentare, wurde jedoch ähnlich heiß diskutiert.

Obwohl das Swoopo-Management stets betont, dass es sich bei Swoopo ja nicht um ein Glücksspiel handele, weil kein Zufall im Spiel sei, sondern die User den Ausgang einer Auktion selbst in der Hand hätten, kommt diese Botschaft nicht so recht bei den Nutzern an. Auch die Einführung eines Sofortkaufs, bei der Nutzer ihre abgegebenen Gebote auf einen vordefinierten Preis anrechnen können, half bisher anscheinend nur bedingt.

Daneben hat Swoopo das Problem, dass Nutzer des Penny-Auctions-Modells nur selten zurückkehren. Die Kundenbindung gelingt häufig nur in überschaubarem Maße und wenn neben der geringen Rückkehrquote auch noch “schmutzige Konkurrenz” aus dem Ausland droht, die an andere Gesetzgebungen gebunden ist oder sich sogar der deutschen Rechtsprechung aktiv wiedersetzt, wird es sehr schwer, auf einem so begrenzten Markt dauerhaft Erfolg zu haben.

Zwar schätzen insbesondere Investoren Swoopo für sein zugegebenermaßen innovatives Geschäftsmodell, mit dem das Unternehmen aus München als Auslöser des weltweiten Penny-Auction-Booms gilt. Doch im Gegensatz zu den Investoren ist Swoopos Geschäftsmodell für die Nutzer teilweise abstoßend: Anstelle von Preisen, die ansteigen, reagieren viele Nutzer besser auf sinkende Preise, da diese die Illusion eines Schnäppchens eher kommunizieren. Gründerszenes Prognose lautet daher, dass es Swoopo in dieser Form 2015 nicht mehr geben wird, wenn nicht ein Imagewandel sowie ein nachhaltiger Dreh des Geschäftsmodells gelingen.

StudiVZ: Mangelnder Innovationsgrad

StudiVZ, VZ-Gruppe, Holtzbrinck, Sozialnetzwerk, Social-Network, Soziales Netzwerk

StudiVZ (www.studivz.net) und die dazugehörigen MeinVZ (www.meinvz.net) und SchülerVZ (www.schuelervz.net) zählen wohl zu den am kontroversesten diskutierten deutschen Plattformen. Von Imagen-Skandalen rund um Toilettenvideos und nationalsozialistischen Einladungen auf der Plattform über Datenschutz-Gaus und eine Management-Abteilung, die häufiger ausgewechselt wird, als die Trainer abstiegsbedrohter Bundesligaclubs – StudiVZ erhitzt die Gemüter. Und auch wenn Bad-Publicity ebenfalls Publicity ist, hat StudiVZ quasi seit seiner Entstehung ein Krawall-Image, das die Plattform nicht recht los werden will.

Doch es ist weniger das kritische Image des deutschen Vorzeige-Netzwerks, dass die Zukunft von StudiVZ grau erscheinen lässt, als vielmehr dessen Innovationsscheue. Zuviel Schelte hat Holtzbrinck bereits erhalten für seinen 80-Millionen-Kauf des VZ-Trios, als dass man weitere Kritik wagen würde. Viel Geld ist in das Unternehmen aus Berlin geflossen und der Verschleiß an Führungskräften lässt erahnen, dass einerseits einiger operativer Reparaturaufwand betrieben werden musste, andererseits aber auch ein sehr statisches Herangehen von Holtzbrinck herweht.

Zyniker werfen StudiVZ vor, ein Facebook von vor drei Jahren zu sein und selbst als Fan der Plattform, die gegenüber seinem US-Konkurrenten lange durch seine Einfachheit bestechen konnte, muss man erkennen, dass StudiVZ stehen geblieben ist. Auch wenn das deutsche Social-Network von allen Vorwürfen frei gesprochen wurde, ist offensichtlich, dass Facebook das Vorbild praktisch aller Inhalte war und seit seiner Entstehung hat sich auch nicht viel getan bei StudiVZ & Co. Ein Chat, Apps und der Buschfunk wurden eingeführt, nachdem US-Konkurrent Facebook diese Neuerungen erfolgreich vormachte, eigene Ideen blieben aber größtenteils aus.

Immer mehr Nutzer wandern nun von StudiVZ zu Hauptkonkurrent Facebook ab – ein Umstand, der auch andere Soziale Netzwerke wie Lokalisten oder Wer-kennt-Wen erfasst haben dürfte. Hinzu kommt, dass es StudiVZ bisher nicht wirklich versteht, seine Reichweite nachhaltig zu monetarisieren. Außer Werbeanzeigen wurde kein richtiger Einnahmekanal gefunden. Auch bedingt durch die Sprachbarriere – StudiVZs Versuche, ins europäische Ausland zu expandieren, sind bisher deutlich gescheitert – befindet sich StudiVZ in einer Enklave, und verliert nach zahlreichen Krisen zunehmend Nutzer. Gründerszenes These: Wenn StudiVZ sich in den nächsten Jahren nicht wandelt und mehr Innovationswillen zeigt, wird es die Plattform 2015 so nicht mehr geben. Entweder wird StudiVZ blau angestrichen oder wird vom Netz genommen.

Xing: Überlegene internationale Konkurrenz

Xing, OpenBC, Business-Netzwerk

Xing (www.xing.com) gilt ja an und für sich als deutsches Erfolgsbeispiel in Sachen Internet-Geschäftsmodell. Als einer der wenigen deutschen Klone ist es Xing gelungen, seine Nutzer zum Zahlen zu bringen und konnte eine kritische Masse an Benutzern aufbauen. Und dennoch meint Gründerszene wird es Xing in dieser Form 2015 nicht mehr geben. Warum? Weil es sein Wachstum durch seinen zu frühen Börsengang selbst gehemmt hat und gegen US-Konkurrenten LinkedIn auf internationalem Level dauerhaft nicht ankommen wird, sollten keine großen Veränderungen ins Haus stehen.

LinkedIn, das nach Angaben von Mit-Gründer Konstantin Guericke “alle drei Monate um ein Xing wächst”, war Vorbild für Xing, das aber dennoch einige wesentliche Dinge anders gemacht hat. Im Gegensatz zu LinkedIn, das sich stark auf Headhunter fokussiert und diesen hohe Premiumgebühren abverlangt, konzentriert sich Xing auf die breite Masse und ist in Sachen Networking wesentlich weniger regide. Während LinkedIn Beweise für eine Bekanntschaft fordert, können sich Mitglieder bei Xing einfach per Mausklick verbinden.

Gleichzeitig konnte Xing aufgrund seines unterschiedlichen Fokusses bisher aber die Riege ausländischer Headhunter und Management-Vertreter kaum von sich überzeugen. So wie StudiVZ ein Social-Network für Deutsche ist, verweilt auch Xing als Business-Netzwerk für Bundesrepublikaner. Expansionen nach Asien und Europa tragen bisher nur überschaubar Früchte und obwohl sich Xing mit auf der Plattform integrierten Applikationen und einer eigenen Mobile-App innovativ gibt, hat man es gegen die Konkurrenz aus den USA schwer. Auch wenn LinkedIn an das Thema Businessnetworking sehr konservativ herangeht und einige Hürden beim Kontakteknüpfen in den Weg legt, gelingt die Internationalisierung von LinkedIn – vor allem auch aufgrund des Sprachvorteils – wesentlich besser.

Nicht nur dass Xing es durch seine deutsche Herkunft in Europa schwer hat, anderssprachige Märkte zu erschließen, hat sich das Unternehmen auch durch einen verhältnismäßig frühen Börsengang selbst in seinem Wachstum gebremst. Die Rechenschaftspflichten einer AG sind wesentlich strenger und auch die anfallende Bürokratie stellt seinen eigenen Zeitfresser dar. Gründerszenes Fazit: Auch Xing wird es zumindest in der derzeitigen Form 2015 nicht mehr geben. Trotz innovativen Denkens und für deutsche Interessen besserer Usability wird Xing wohl von LinkedIn übernommen werden oder aber intensiv Marktanteile an den US-Konkurrenten abtreten müssen.

Brands4Friends: Begrenzter Markt und schlechte Exekution

Brands4Friends, Shoppingclub

Brands4Friends (www.brands4friends.de) kann mit über 200 Mitarbeitern wohl nicht mehr StartUp genannt werden und wie kaum eine zweite Seite versteht es Brands4Friends, die Emotionen der Nutzer anzusprechen. Doch auch der stylische Shoppingclub aus Berlin hat so seine Tücken, betrachtet man den deutschen Markt einmal genauer.

Groß geworden ist Brands4Friends vor allem durch eine prominente Kooperation mit StudiVZ, die dem Shoppingclub einen rasanten Mitgliederzuwachs sicherte. Mittlerweile hat man den deutschen Markt zu großen Teilen abgegrast und trifft auf erste Limitierungen: Bei einer begrenzten Anzahl an Edelmarken wird es irgendwann schwierig, weiterhin neue Aktionen zu fahren. Vor allem ist für einen Shoppingclub die Anzahl der Newsletter, die den eigenen Nutzern zugekommen lassen wird, limitiert, da sonst die Austragungsraten steigen und die Conversion-Rates sinken – ein Trend, dem bei Brands4Friends mit dem Kauf vom Voyage-Privé-Klon Triphunter zum Teil entgegen gewirkt wurde, weil dies eine Ausweitung des Angebots ermöglichte. Vor allem hat nun auch die Konkurrenz aus dem Hause Zalando den StudiVZ-Kniff erkannt und wirbt dort massiv für seine Zalando Lounge.

Brands4Friends dürfte für Deutschland nun also seine Nutzergrenzen praktisch erreicht haben und eine Internationalisierung erfolgreicher deutscher Unternehmen ist ja bekanntermaßen schwierig. Der Start von Brands4Friends in Japan erscheint mit externem Blick willkürlich und außer in Großbritannien wurde bisher kein europäischer Markt angegangen. In der Zwischenzeit nimmt Vente-Privée Brands4Friends erstmals Marktanteile ab und Oliver Jung und Klaus Hommels klonen das Modell mit Brands Alliance (das etwa KupiVIP in Russland und BrandsClub in Brasilien an den Start gebracht hat) weltweit. Auf internationalem Level verliert Brands4Friends also sichtlich Boden und auch national hält man sich bedeckt: Über Umsatzzahlen wird bei Brands4Friends nie gesprochen, lediglich über die Anzahl der versendeten Pakete. Eine Kennzahl, die sich relativiert, wenn man hört, dass Branchenexperten von Rücksendequoten um 40 Prozent ausgehen.

Insgesamt hat Brands4Friends also einen großen Kostenapparat angehäuft und ist dabei so rasant gewachsen, dass man davon ausgehen kann, dass viele Stellen mittlerweile ineffizient sind. Dass mit Christian Heitmeyer eine zentrale Management-Figur des Unternehmens schon verhältnismäßig früh in den Beirat gewechselt ist,spricht wohl für sich. Gelingt es Brands4Friends nicht, das eigene Modell zu exportieren und dabei effektiv Kosten zu reduzieren, wäre eine Übernahme durch Vente-Privée denkbar (und was nach der Übernahme durch einen großen ausländischen Konkurrenten geschieht, lässt sich wohl leicht ausrechnen) oder aber dem Berliner Shoppingclub droht das StudiVZ-Phänomen: ein im deutschen Markt isoliertes Copycat mit teurer Unternehmensführung.

Jamba a.k.a. Fox Mobile: Mangelhaftes Geschäftsmodell

Das mittlerweile unter dem Firmenlabel Fox Mobile (www.jamba.de) geführte, aber als Marke erhaltene, Jamba steht bei vielen Nutzern bis heute für seine “Jamba-Sparabos” in der Kritik: Eine Google-Suche fördert schnell negative Nutzerbeiträge zu Tage, die sich über das in der Vergangenheit praktizierte Abo-Modell echauffieren, bei dem es vor allem Jugendliche waren, die nach Werbespots auf MTV & Co. Klingeltöne bestellten und ganze Monatsabos erhielten. Ein Ruf, den Jamba bei seinen Kunden bis heute nicht richtig abzulegen vermochte und der sich mittlerweile auch in breiteren Bevölkerungsschichten verfestigt hat.

Neben diesem kritischen Image war es vor allem die Etablierung verschiedener App-Stores – allen voran Apple iTunes und Android – die dem Unternehmen Einbußen beschert haben dürfte. Die Entlassungswelle im April bei Jamba deutet an, dass das Geschäft mit Klingeltönen, Minispielen und Applikationen für das Handy schwieriger geworden ist und laut Onlinekosten.de sei schon 2006 ein deutlicher Umsatzrückgang zu erwarten gewesen. Die Anzahl an Konkurrenten hat sich erhöht, die Kundschaft ist informierter und die Inhalte anspruchsvoller geworden – da überrascht es nicht wirklich, dass die Financial Times berichtet, dass Besitzer News Corporation über einen Verkauf von Fox Mobile nachdenkt. Golem zitiert im März diesen Jahres, dazu die entsprechenden Verluste: Fox Mobile hat “in dem Finanzjahr, das am 30. Juni 2009 endete, 20 Prozent seines Umsatzes [verloren] und sackte auf 2,4 Milliarden US-Dollar ab”.

Gleichzeitig hat es Jamba bisher nicht wirklich vermocht, sein Geschäftsmodell weiter zu entwickeln und auf die veränderten Anforderungen des Marktes zu reagieren. Dies dürfte der Hauptgrund dafür sein, dass es Jamba in dieser Form 2015 nicht mehr geben könnte. Vermag Jamba es nicht, neue Vertriebswege zu finden, die ein verändertes Produkt vertreiben, dürfte es für den Klingeltonanbieter schwer werden, bei seinem bestehenden Kostenapparat auch weiterhin erfolgreich zu wirtschaften.

Bildmaterial: Luisrock62
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