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Gastrofix-Doppelgründer Dirk Owerfeldt

Eine Präsentationsmappe aus einer anderen Zeit

Dirk Owerfeldt ist sichtlich stolz, als er die alte Präsentationsmappe seines Startups hervorholt. Sie enthält angestaubte Bilder und Namen längst vergangener Firmen – die Mappe ist bald 20 Jahre alt. Owerfeldts Kassensystem-Startup Gastrofix ist kein verspäteter Hipster-Aufsprung auf einen Markt, in dem heute vor allem Firmen wie Orderbird oder Pepperbill präsent sind.

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Gastrofix war schon einmal ein gestandenes Unternehmen, vor der Dotcom-Blase. Zu der Zeit hat Owerfeldt 130 Mitarbeiter, 12.000 Kunden, darunter McDonald’s, Lufthansa oder Pizza Hut. Mit Sharp gibt es einen exklusiven Whitelabel-Deal, der Börsengang wird gerade vorbereitet – dann platzt die Blase, alles geht zurück auf Null. Das Unternehmen wird nach Italien an das börsennotierte TC Systems verkauft.

Trotz ordentlichem Exit-Erlös steht Owerfeldt vor einem emotionalen Scherbenhaufen. Gerade leitete er noch ein florierendes Mittelstandsunternehmen, nun muss er sich plötzlich mit einer neuen Realität anfreunden und dem angekratzten Ego stellen.

Doch heute, etwa 15 Jahre nach dem Crash, ist Dirk Owerfeldt mit Gastrofix erneut im Kassengeschäft tätig – und will es sowohl den Jungen als auch Großen zeigen.

Gastrofix: von null auf hundert auf null

Angefangen hat alles ganz klein. Mit 18 Jahren hat Dirk Owerfeldt gerade den Zivildienst hinter sich, nun will er Informatik studieren. „Ich hatte schon eine Menge mit Computern gemacht, Software entwickelt, Bücher über Programmiersprachen geschrieben“, sagt er. Er ist so etwas wie ein Computer-Wunderkind. Und bekommt den Auftrag, ein neuartiges Kassensystem zu entwickeln. Das Resultat: Gastrofix. „Dieses Produkt ist in Deutschland innerhalb von zehn Jahren zum Marktführer für PC-basierte Kassen geworden“, erzählt Owerfeldt.

„10 Jahre Gastrofix“ auf der CeBit 2001, im Bild Dirk Owerfeldt und der damalige zweite Geschäftsführer Frank Trenz

Im Markt dominieren damals proprietäre Kassensysteme. Gastrofix ist als PC-basiertes System der Konkurrenz einen Schritt voraus. Schnell interessieren sich große Konzerne, man geht hochrangige Partnerschaften ein. „Den Herstellern fehlte damals trotz neuer Hardware das Kassensystem. Wir wurden unter anderem Partner von Sharp. Sie hatten uns auf den Broschüren – wie ein ‚Intel inside‘.“ Sein Unternehmen sei ein echter Innovationstreiber gewesen, erinnert sich Owerfeldt.

Einer der Höhepunkte vor dem großen Knall: die Expo 2000 in Hannover. „500 Kassenarbeitsplätze in einem Netzwerk – damals wahrscheinlich das größte Kassennetz, das in einem geschlossenen Netzwerk lief“. Das ist nur wenige Monate, bevor die Blase Owerfeldts Träume platzen lässt.

Owerfeldt gründet Gastrofix erneut

Vor vier Jahren entscheidet sich Dirk Owerfeldt schließlich, den Unternehmensnamen zurückzukaufen. Warum? Weil der Name im Markt noch bekannt gewesen sei. Und es ihm gelingt, das alte Kernteam zurückzuholen. „Ich habe Gastrofix noch einmal gegründet.“

Dabei wollte Owerfeldt eigentlich nie wieder zurück in die Branche. „Dann habe ich aber mein erstes iPhone bekommen, das iPad wurde angekündigt und die Bon-Drucker für Kassen waren mit Wifi verfügbar – und da war klar, dass das eine einmalige Chance ist, mit Erfahrung und disruptiver Technologie nochmal komplett neu in den Markt einzugehen.“

Was Gastrofix besonders mache? Die Erfahrung mit Kassensystemen, sagt Owerfeldt. „Leute, die sich mit der Kassentechnik nicht auskennen, sagen oft: ‚Das haben wir auch in drei Monaten mit vier Leuten nachgebaut.‘ Aber auch die kriegen schnell mit, wie komplex das ganze ist. Wir reden bei einer ernstzunehmenden Kasse nicht von einer App, die auch mal abstürzen kann. Wir reden von einem SAP- oder ERP-System für die Gastronomie.“

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2010 startet Owerfeldt mit einem Team von vier Leuten, sein Bruder Carsten wird CTO, auch Stefan Brehm ist dabei, der sein Startup Bookatable an Livebookings verkaufte. Heute beschäftigt Gastrofix 25 Leute in Berlin und Hamburg. Gerade hat Gastrofix eine Länderpartnerschaft in den Niederlanden abgeschlossen, auch in den USA gibt es ein kleines Team und mit „Pepperkorn“ eine eigene Marke. „Technologisch gesehen könnten wir jeden Monat ein neues Land ausrollen“, sagt Owerfeldt.

Zu den aktuell über 700 Kunden im deutschsprachigen Raum zählen etwa Schumann’s Bar in München oder Tim Mälzers neues Restaurant in Hamburg. „Wir haben Kunden, die bis zu 20 Terminals und neun Bon-Drucker haben – da ist unserer Wettbewerb gar nicht die App-Welt, sondern PC-Kassensysteme, die länger als zehn Jahre am Markt sind.“

Neben den Eigeninstallationen will Gastrofix aber unbedingt wieder zurück in den OEM-Markt, also Systeme für andere Anbieter bereitstellen. Da spiele „die richtige Musik“, glaubt Owerfeldt. 2013 habe man deshalb drei strategische Partnerschaften abgeschlossen: mit SumUp, 9Cookies und dem US-Anbieter Paynata.

Die Vergangenheit klopft an

Manchmal aber gibt es Berührungspunkte mit der Vergangenheit. Hin und wieder melden sich Kunden des „alten“ Gastrofix mit Supportanfragen – „die haben teilweise nicht mitbekommen, dass wir zehn Jahre vom Markt weg waren.“

Und natürlich stecken die Erfahrungen von Aufstieg und Scheitern mit Gastrofix 1.0 noch in den Köpfen. Hat Owerfeldt eigentlich Angst, dass sich die Geschichte wiederholen könnte? „Auf jeden Fall“, sagt er, „so richtig mit Anlauf einen angekündigten Börsengang zu versemmeln, das war nicht lustig.“

Bilder: Gastrofix