Gigalocal, Meltdown

Dass die Gründungen des Hamburger Inkubators Hanse Ventures (www.hanse-ventures.de) bisher kein ideales Pflaster für Gründer darstellten, zeigte sich in der Vergangenheit ja bereits bei einigen Gelegenheiten, etwa dem Weggang des Gründerteams von Captain Travel, einem potenziell unmoralischen Wissenstransfer bei Pflege.de oder dem kolportierten Notverkauf von Carmio. Auch der jüngste Führungswechsel bei Gigalocal ruft nun Fragen zur Seriösität von Hanse Ventures und dessen Umgang mit Gründern auf.

Vergraulte Hanse Ventures ein weiteres Gründerteam?

Geht ein Gründer zu einem solch frühen Zeitpunkt gibt es in der Regel zwei denkbare Gründe: Unfähigkeit oder Unzufriedenheit. Im Falle von Gigalocal (www.gigalocal.de) mehren sich angesichts unterschiedlicher Hinweise von Beteiligten die Zeichen, dass in diesem Falle Zweiteres vorlag – kein Einzelfall im Hanse-Ventures-Umfeld. Auch Captain Travel und Carmio wiesen scheidende Gründerteams auf, wobei jedes Mal die Zusammenarbeit mit Hanse Ventures als Hauptgrund im Raum stand.

An Gründerszenes Einschätzung zu Hanse Ventures aus dem November 2010 hat sich anscheinend nichts geändert: „Jenseits dessen berichten einige der betroffenen Beteiligten von nicht eingehaltenen Zusagen, Hochmut und schlechter Execution beim Hamburger Inkubator.“ Auch bei Gigalocal wurde Gründerszene zugetragen, dass es vor allem Hanse Ventures gewesen sein soll, das zum Ausscheiden des Gründerteams beigetragen hat. Wieder ist von nicht eingehaltenen Versprechen, Intrigen und dem Festhalten an einem Modell, das so offensichtlich nicht funktioniert, die Rede.

„Es ist schlichtweg falsch, dass „Hanse Ventures bei Gigalocal stark intrigiert, Versprechen gebrochen und viele Beteiligte gegeneinander ausgespielt haben soll. Es liegt in der Natur eines Inkubators, dass Geschäftsmodelle immer wieder kritisch diskutiert werden“, heißt es auf Anfrage von Gründerszene aus der Pressestelle von Hanse Ventures.

Und dennoch: Um die Jahreswende soll sich ein kontinuierlicher Frust im Gigalocal-Team gebildet haben, der „bis auf Praktikanten-Level reichte“ und sich laut Informationen von Gründerszene vor allem um die Person Sarik Weber rankte. Insbesondere die zukünftige Ausrichtung von Gigalocal sowie die Investoren-Kommunikation soll Anlass für Streitigkeiten gegeben haben.

Gigalocal verliert sein gesamtes Management

Wie Gründerszene nun zugetragen wurde, ist es nicht nur Sebastian Diemer, der Gigalocal verlassen hat, auch Mitgründer und -Geschäftsführer Alexander Graubner-Müller soll inzwischen neuen Tätigkeiten nachgehen. Allein aus PR-technischen Gründen sei Graubner-Müller noch als Geschäftsführer gelistet, verriet ein Insider. Laut einem anonymen Kommentator sollen beide Gründer bereits an einem neuen Projekt im Finanzsektor arbeiten.

Doch mehr noch: Nach dem Weggang der beiden Gründer soll ein neues Management aus bereits involvierten Gigalocal-Akteuren vorgesehen gewesen sein. Unter der Prämisse, dass ein neues Projekt unter dem Dach der Fastforward RSA GmbH entstehen solle, wollte dieses Management-Team die Geschicke von Gigalocal übernehmen. Doch nach dem Widerwillen von Hanse Ventures und der beteiligten Gesellschafter blieb dies ebenso aus wie ein Umbau und Redesign von Gigalocal selbst.

Das neue Team habe ein Projekt mit Potenzial aufbauen und nicht weiter unverantwortlich Geld verbrennen wollen, heißt es aus mehreren Quellen. Mit Cécile Gaulke sei nun vielmehr eine Hanse-Ventures-Marionette eingesetzt worden, der wenig Erfolgschancen mit Gigalocal eingeräumt werden. Zu dünn sei das Wissen über die Firma bei der bisher im Business-Development tätigen Gaulke gesäht, die so machtlos bliebe, die Geschicke von Gigalocal noch einmal zu drehen.

Hanse Ventures begründet die neue Personalie hingegen wie folgt: „Hanse Ventures hat verschiedene Gespräche zur neuen Besetzung der Management-Position geführt. Mit Cécile Gaulke haben wir eine engagierte Geschäftsführerin gewonnen, die unter anderem wichtige Erfahrungen aus dem Bereich Business Development, Projektmanagement und Controlling mitbringt. Ihre Aufgabe ist es nun, das innovative Geschäftsmodell von Gigalocal weiter zu entwickeln.“

Bei Gigalocal brodelt es schon länger

Glaubt man Gründerszenes Informanten, ist schon ziemlich lange klar, dass sich Gigalocal in seiner derzeitigen Form nicht rechnet. Während ein schnellerer Reichweitenaufbau angenommen wurde, wenden die auf der Seite gelisteten Premiumpartner nicht genug Zeit auf, die auf Gigalocal gelisteten Anfragen abzuarbeiten. Währendessen werden viele Gigs außerhalb Hamburgs und Berlins zudem nicht zuverlässig erfüllt, da keine kritische Masse aufgebaut werden konnte. Den so genannten „Runnern“ – Einzelpersonen, welche die erfragten Dienste für Kunden umsetzen – wurde bisher nach Gründerszenes Informationen bisher keine Provision berechnet. Das Traurige: Gigalocal hätte mit einem anderen Monetarisierungspotenzial womöglich sogar noch eine Chance, so sieht es derzeit eher schlecht um den Mikrodienst-Vermittler aus.

Schon länger soll das Gigalocal-Team allerdings von Jochen Maaß und Sarik Weber unter Druck gesetzt worden sein, dieses Wissen nicht ehrlich mit den anderen Gesellschaftern zu teilen – aus Sorge um die Konsequenzen. Verschiedene Quellen gaben gegenüber Gründerszene zu Protokoll, dass Sarik Weber und Jochen Maaß bis zuletzt sehr intrigant agiert hätten. Es entsteht der Eindruck, dass zwischen den unterschiedlichen Gesellschaftern schlichtweg unterschiedliche Informationslagen bestanden.

Hanse Ventures bestreitet dies: „Gigalocal ist kein Copycat, Hanse Ventures hat sich bewusst an ein innovatives Geschäftsmodell ohne Proof-of-Concept gewagt. Allen Beteiligten war also von Anfang an klar, dass es bei Gigalocal keinen Proof-of-Concept hinsichtlich der Monetarisierung gibt. Dies haben die Geschäftsführung von Gigalocal und Hanse Ventures immer offen kommuniziert.“ In Form von Fiverr (www.fiverr.com) liegt allerdings zumindest ein entsprechender Proof-of-Concept zum Teil sehr wohl vor.

Einem Kommentar folgend, dass Hanse Ventures sogar Fake-Gigs habe erstellen lassen, konnte Gründerszene nicht bestätigen. Die Außendarstellung von Gigalocal soll deutlich positiver ausgefallen sein, als es der Realität entsprach, zu gefälschten Daten ist es demnach aber nie gekommen. Einzig zum Gigalocal-Start sollen Gigs künstlich erstellt worden sein, um die ersten Nutzer der Plattform zu testen.

Hanse Ventures‘ Praktiken wirken unseriös

Sarik Webers Durchhalteparolen unter dem zugehörigen Gigalocal-Artikel wirken im Angesicht dieser Vorwürfe nahezu grotesk: „Einige anonyme Kommentatoren, die gehofft haben, den Geschäftsführerwechsel für ihre einseitigen Darstellungen nutzen zu können, haben hier offenbar lernen müssen, dass Gigalo und Gigalocal weiterhin auf gutem Weg sind.“ Wenig scheint derzeit „gut“ bei Gigalocal zu sein. Das Gründerteam habe nach zahlreichen Shifts des Geschäftsmodells das Unternehmen verlassen – zu anstrengend sei der Austausch mit Hanse Ventures gewesen, während sich auch keine gemeinsame Vision finden ließ.

Die Probleme von Hanse Ventures scheinen also struktureller Art zu sein. Speziell dessen Entrepreneur-in-Residence-Programm soll lange eine „Zumutung für die Beteiligten“ gewesen sein, ließ ein Insider Gründerszene dieser Tage wissen. Die Teilnehmer seien lange eher zu Sekretärinnen von Jochen Maaß und Sarik Weber verkommen – ein Umstand der die angegliederten Startups auf Dauer von potenziellen Mitgründern zu entfernen drohte. Mit COO Tobias Seikel soll sich dieses Programm nun aber stetig verbessern.

Auch personell hat sich bei Hanse Ventures nun etwas verändert. Geschäftsführer Sarik Weber wechselt in den Beirat der Gesellschaft und wird sich daneben als Investor und Unternehmer eigenen Projekten in der Startup-Branche widmen. Anlass dieser Umstellung sind allerdings vor allem private familiäre Gründe.

Einiges scheint also im Umbruch bei Hanse Ventures, sodass sich der Hamburger Inkubator ohnehin neu positionieren muss. Zu hoffen ist auf jeden Fall, dass die als unseriös kolportierten Praktiken bei Hanse Ventures endlich ein Ende finden – der Internet-Standort Hamburg, den Hanse auf der anderen Seite ja auch befördert, hat einfach besseres verdient.

Update 02.03. 2012, 12.06 Uhr:

Via E-Mail ließ ein Nutzer Gründerszene zumindest einen Hinweis auf Fake-Deals zukommen.