Ausgerechnet ein Journalist des Spiegel erklärt uns in seinem neuen Buch, was Google wirklich will und wie der Internet-Gigant unsere Zukunft verändern wird. Bis jetzt ist das Hamburger Nachrichtenmagazin eher dadurch aufgefallen, dass es die rasante digitale Entwicklung, die aus dem Silicon Valley auf uns zurollt, pauschal dämonisiert. Jedenfalls wurde uns auf etlichen Titelseiten erklärt, dass Google, Facebook, Apple und Co. eine perfide Strategie der Unterdrückung mit Hilfe von ungebremster Datensammelwut, einen eiskalten Kurs des Neoliberalismus und Kapitalismus ohne Rücksicht auf Verluste verfolgen. In diversen Geschichten weidete man sich geradezu an Dystopien, die wahlweise das Ende der Privatheit, unserer sozialen Errungenschaften, der freiheitlichen Gesellschaft oder alles zusammen darstellten.


Wenn man das Buch des Silicon-Valley-Korrespondenten Thomas Schulz liest, ist man zunächst überrascht über die Ausgewogenheit der Darstellung. In weiten Teilen liest sich das Buch sogar fast wie eine Verteidigungsschrift für Google. Schulz war jedenfalls ganz dicht dran an den Machern, Wissenschaftlern, Managern und wichtigsten Köpfen des weltumspannenden Konzerns. Dabei verlässt sich der Autor nicht nur auf die Quellen, die Google ihm vermittelt hat, sondern nutzt sein „umfangreiches Netzwerk eigener Quellen“. Darunter sind auch viele deutsche Mitarbeiter. Es ist schon erstaunlich, dass viele Deutsche bei Google Führungspositionen einnehmen. Sie bringen die europäische Perspektive ein, sagt Schulz. Und sie verstehen im Gegensatz zu vielen Amerikanern die deutschen Ängste und die Debatte um Datensicherheit und werden daher gerne eingestellt.

Uns sind bei der Lektüre doch einige Dinge ausgefallen, die wir noch nicht über Google wussten – oder verdrängt hatten. Hättet ihr’s gewusst?

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Larry Page hat durchaus Respekt für den großen Konkurrenten Apple. Doch er verfolgt eine andere Strategie. Page: „Apple macht eine sehr, sehr kleine Anzahl von Sachen. Das funktioniert ziemlich gut für sie. Ich finde das unbefriedigend.“ Page möchte lieber so viele Dinge wie möglich gleichzeitig machen. Some rights reserved by euthman

Bemerkenswert ist auch, konstatiert der Spiegel-Mann weiter, dass der Erfolg und die Machtkonzentration Google aus europäischer Sicht oft überhöht werde. In den USA werde der Konzern viel kritischer gesehen. Gerade im Silicon Valley. Schulz schreibt: „In den USA wird Google immer wieder vorgehalten, das Unternehmen sei immer noch ein ,One-Trick-Pony’, ein Zirkuspferd, das nur ein einziges Kunststück beherrscht.“ Denn die Milliardengewinne in der Bilanz stammen immer noch zu über 80 Prozent aus dem Online-Anzeigengeschäft. Und bei diesem Businessmodell sei noch nicht ganz klar, ob es in der Zukunft in dieser Form noch Bestand haben kann.

Googles Kryptographie-Experte Niels Provos ist in Deutschland aufgewachsen. Er wundert sich, dass sich so viele Deutsche über Google beschweren, ohne jemals genauer zu reflektieren, was eigentlich behauptet wird. Und der Abteilungsleiter für Sicherheit und Datenschutz Gerhard Eschelbeck sagt: „Um Glaubwürdigkeit aufzubauen, muss die Öffentlichkeit verstehen, was hier passiert.“ Und genau an dieser Stelle kann das Buch von Thomas Schulz helfen. Vielleicht auch dem Blatt, für das er arbeitet. Auf spannenden 335 Seiten bekommt der Leser einen umfassenden Einblick in die verschiedenen Aktivitäten von Google. Auch in die Strategie und die Art und Weise, wie Larry Page und Sergej Brin ihren Konzern leiten, ihre Art zu denken und was sie jeden Tag antreibt. „Wer die Zukunft verstehen will, muss Google verstehen“, schreibt Schulz.

Thomas Schulz, Was Google wirklich will, DVA, 335 Seiten, 19,90 Euro.