Das Google-Team mit Eric Schmidt (l.), Larry Page und Sergey Brin (r.) in einem selbstfahrenden Auto

Die ARD zeigt: „Die geheime Macht von Google“

„Die geheime Macht von Google“ will die ARD in ihrer Reportagereihe „Die Story im Ersten“ beschreiben. Die Sendeanstalt widmet dem Internetriesen aus Kalifornien eine Dreiviertelstunde lang ein kritisches Porträt.

„Google besitzt eine Form von Macht, wie sie nicht einmal die extremsten Formen von Staatsmacht je hatten“, warnt der US-Wettbewerbsrechtler Gary Reback gleich zu Beginn. Danach versucht der WDR als produzierende Anstalt alle Aspekte dieser Macht innerhalb von 45 Minuten abzufeiern.

Dass dieser Versuch manches Mal zu kurz springt, liegt in der Natur von Google. Längst dominiert der Konzern so viele Aspekte der weltweiten Online-Wirtschaft, dass die WDR-Reporter kaum hinterherkommen und Google-Autos, Werbemacht, YouTube-Fans und die Wettbewerbsdebatte in der EU etwas sprunghaft zu einem Google-Potpourri verbinden.

Die Grundthese – Google dominiert unser Leben dank seiner Online-Dominanz viel weitgehender, als den Nutzern klar ist – wird eindrücklich verdeutlicht. Deutsche Jugendliche setzen mittlerweile Google und seine Dienste mit dem Netz gleich und erklären im Interview mit dem WDR, wie sehr sie Google vertrauen.

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Ihre Lehrerin zeigt sich gegenüber den Reportern erschreckt, wie viel Google bereits über jeden Nutzer weiß, und wie weitgehend der Konzern jede Aktivität im Netz protokolliert. Deutsche Netzunternehmer beklagen, wie Google dank seiner Dominanz in der Suche eigene Produkte in den Vordergrund stellen kann und wie undurchsichtig aus ihrer Perspektive die Kriterien sind, nach denen die Suchmaschine Seiten in ihren Ergebnissen gewichtet.

Deutsche Online-Firmen im Dilemma

Der deutsche Startup-Manager Robert Maier, dessen Unternehmen von der Axel Springer SE übernommen wurde, liefert den vielleicht eindrücklichsten Satz über das Dilemma der deutschen Online-Firmen: „Ich habe Angst vor Google, weil die Verbraucher naiv sind.“ Doch bis hierhin liefern die WDR-Reporter nur bekannte Fakten gemixt mit dem öffentlich-rechtlichen Betroffenheitsschema.

Entsetzte deutsche Bildungsbürger werden mit bunten Bilden aus Googles Hauptquartier in Kalifornien gegengeschnitten. Dazu äußern Kritiker Sätze wie: „Für viele ist das Internet Teil des Alltags geworden“ – das klingt allzu sehr nach „Neuland“-Rhetorik, die versprochene Aufklärung der „geheimen Macht Googles“ lässt auf sich warten.

Am Beispiel von Schuhe shoppenden Teenies versuchen die Reporter zu belegen, dass Google seine dominierende Position ausnützt, um unter dem Deckmantel der Neutralität Werbung zu verkaufen, und damit seine Neutralität aufgibt. Doch ausgerechnet an dieser Stelle ist Google nur schwer zu kritisieren.

Die Tatsache, dass Google vom Verkauf von Werbeanzeigen lebt und diese deswegen über und neben den Suchergebnissen positioniert, ist nicht geheim und muss nicht von Ben Edelman, Professor an der Harvard Business School, erklärt werden. Google kennzeichnet alle Werbeinhalte in der Suche deutlich mit dem Schild „Anzeige“.

Google manipuliert Suchergebnisse zu seinen Gunsten

Die Reporter äußern den Verdacht, dass Google „eigene Portale“ bevorzugt, verschwurbeln aber die Tatsache, dass Google eben nicht selbst als Schuhverkäufer auftritt und dass jeder Online-Schuh-Versender gleichberechtigt einen Platz in den begehrten Werbeanzeigen neben den Such-Ergebnissen einkaufen kann. Viel spannender ist die Frage, wo Google sein Handeln nicht kennzeichnet, wie der Konzern dem eigenen Motto „Don’t be evil“ entgegenhandelt und die Verbraucher manipuliert.

Internetunternehmer Maier darf zwar die These aufstellen, dass Google die eigenen Suchergebnisse zugunsten eigener Interessen manipuliert. Doch die WDR-Reporter machen sich diese These bewusst nicht zu eigen, denn sie können sie nicht belegen.

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Hier hätten die Dokumacher tiefer forschen und der Frage des Netzpolitik-Experten Markus Beckedahl nachgehen können: „Wie neutral ist Google wirklich?“ Auch bedarf es erst Beckedahl, um eine entscheidende Frage zu stellen: „Wie viele Daten speichert Google über jeden Nutzer ab, ohne darüber aufzuklären?“ Die Antwort bleiben die Reporter schuldig, stattdessen springt die Regie flugs zum Thema NSA-Affäre – schade!

Ebenso berechtigt ist die Frage der Reporter nach einer passenden Form der Google-Regulierung. Doch wie genau die ausgestaltet sein könnte, ohne die Rechte der Nutzer auf eine freie Wahl der Dienste im Netz zu beschneiden, können weder Reporter noch der bisherige EU-Wettbewerbskomissar Joaqin Almunia im Interview klären.

Das Grundproblem im Netz – Google nutzt die Dominanz in der Suche, um seine übrigen Angebote den Verbrauchern schmackhafter zu machen – ist nicht geheim und eben deswegen so schwierig auflösbar. Mit der mangelnden Differenzierung des Themas, mit unbelegten Thesen und Allgemeinplätzen machen die WDR-Reporter es Google-Sprecher Kay Oberbeck allzu leicht, die Kritik als grobschlächtig abzublocken.

Die Dokumentation ist in der ARD-Mediathek verfügbar. 

Dieser Artikel erschien zuerst in der Welt

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