Alexander Görlach, Björn Böhning, Interview, Freiheit oder Anarchie

Das Internet verändert unser Leben und Arbeiten radikal. Es gestaltet unsere sozialen Beziehungen neu, unsere Kommunikation und unseren gesamten Alltag. Die digitale Gesellschaft entsteht. SPD-Politiker Björn Böhning (www.bjoern-boehning.de) und der Herausgebers von The European (www.theeuropean.de) Alexander Görlach zeichnen in ihrem neuen Buch „Freiheit oder Anarchie? Wie das Internet unser Leben verändert“ den Wandel nach und beschreiben ihn aus ihren jeweiligen Lebens- und Arbeitszusammenhängen. Gründerszene sprach mit den Autoren darüber, wieso das Thema digitaler Wandel das xte Buch braucht, wie das Internet das Leben verändert und welche Debatte die beiden mit ihrer „Streitschrift“ entfachen wollen.

Ihr habt beide ganz unterschiedliche Positionen – nun ein gemeinsames Buch – was verbindet Euch?

Alexander Görlach: Freundschaft gründet ja nicht darauf, dass man immer derselben Meinung ist. Ich finde Thesen und Ansichten dann spannend, wenn sie gut begründet sind. Das ist die Grundlage meiner Freundschaft zu Björn.

Björn Böhning: Uns verbindet die gemeinsame Erfahrung zweier Digital Natives, die sich auf ganz unterschiedliche Weise einem Thema nähern. Dabei haben wir trotz vieler politischer Differenzen gelernt, dass sich im Internet manche Fragen neu stellen und wir auch überraschende Gemeinsamkeiten bei unseren Überzeugungen festgestellt haben. Zudem arbeiten wir auf zwei verschiedenen Feldern im und am Internet: Politisch wie wirtschaftlich. Das ist ja auch das Wesen des Internets als soziales Medium: Es vernetzt und verbindet.

Über den digitalen Wandel gibt es schon zahlreiche Bücher. Wieso schreibt ihr noch eins und ist ein Buch noch das richtige Format für ein Netzthema?

Alexander Görlach: Wir müssen, glaube ich, mit unserem Geist das verarbeiten, was die neuen Kommunikationstechnologien hervorgebracht haben. Diese Reflexion ist noch längst nicht abgeschlossen. Wir tragen mit unseren verschiedenen Hintergründen – ich als Theologe, Journalist und Internet-Unternehmer und Björn als Politiker und Online-Aktivist – zu dieser Reflexion bei. Mit Wurzeln in der Gutenberg-Stadt Mainz habe ich überhaupt kein Problem mit Büchern!

Björn Böhning: Der digitale Wandel hört ja nicht irgendwann auf, sondern er nimmt immer mehr Raum in der Gesellschaft, der Kultur oder der Wirtschaft ein. Diese digitale Landnahme ist immer wieder neu ein wichtiges Reflexionsthema. Und wir wollten ein Buch schreiben, dass sich nicht nur auf die technischem Möglichkeiten, Neuerungen oder Streitfälle beschränkt. Sondern wir wollten eine Streitschrift formulieren, die die ganz „normalen“ Themen unseres Lebens und Arbeitens unter dem Aspekt der Digitalisierung behandelt.

In welchem Bereich verändert das Internet Euer Leben am stärksten? Privat oder beruflich?

Alexander Görlach: Ich würde das gar nicht trennen wollen: Ich bin 24/7 The European, eine Grenze zwischen privat und beruflich gibt es da nicht in einem strikten Sinne.

Björn Böhning: Das kann ich nicht trennen. Durch das Internet haben sich Leben und Arbeiten in ungeheurem Ausmaße verschränkt. Das Internet ist ein Universalmedium und das macht es eben auch für Wirtschaft und Leben so spannend.

Schöne, neue Arbeitswelt. Wie unterscheidet sich die Arbeitskultur in Startups von der bei klassischen Betrieben und welche Rolle spielt dabei das Internet?

Alexander Görlach: Der größte Unterschied ist, dass man im Startup mit einem starken Team eine Sache von ganz vorne aufbaut. Man sieht wie das Baby geboren wird und heranwächst. Das ist eine ganz unique Erfahrung. Besonders im Journalismus hat es ja bis zur digitalen Wende dazugehört, nicht zu wissen, woher das Geld kommt, das man am Monatsende auf dem Konto hat. Bei The European sehen wir unmittelbar, wie mit gutem Qualitätsjournalismus Geld verdient werden kann.

Björn Böhning: Das Internet macht diese neue Startup-Ökonomie erst möglich, weil mit recht wenigen infrastrukturellen und damit wenig materiellen Mitteln eine wirtschaftliche Erfolgsgeschichte geschrieben werden kann. Zugleich ist die Arbeitskultur offener, selbständiger, kooperativer und geht zumindest zweitweise mit einer erhöhten individuellen Autonomie in der Arbeit einher. Gleichzeitig greift aber auch das Phänomen der Selbstausbeutung oder der unzureichenden Absicherung von Solo-Selbständigen um sich. Die neue Arbeitskultur ist ein Grenzgang zwischen Freiheit und Prekariat.

Anarchie oder Freiheit: Was wünscht Ihr Euch fürs Netz?

Alexander Görlach: Der Mensch ist zur Freiheit berufen. Freiheit ist aber erst echte Freiheit, wenn man sich für etwas entschieden hat. Wahlfreiheit zu haben, bedeutet, wählen zu müssen. Damit wird, was paradox klingt, Freiheit erst wirksam, wenn sie sich selbst begrenzt. Und hier kommt die Ordnung ins Spiel. Wo Chaos herrscht und es keine Ordnung gibt, kann der Stärkere mir meine Freiheit beschneiden. Das kann ja niemand sehenden Auges wollen.

Björn Böhning: Das Internet ist die größte Freiheitsbewegung unserer Zeit. Ich wünsche mir ein offenes Internet. Und ein anarchisches Internet dort, wo es Innovationen, seien sie soziale oder wirtschaftliche, fördert.

Welche Debatte wollt Ihr mit dem Buch entfachen?

Alexander Görlach: Mir ist wichtig, dass wir die Debatte anstoßen, was die kulturellen Veränderungen bedeuten, die uns das Web gebracht hat.

Björn Böhning: Uns geht es um eine Debatte um die (politische) Kultur in der digitalen Gesellschaft.

 

Über das Buch:
„Freiheit oder Anarchie? Wie das Internet unser Leben verändert“, vorwärts|buch, 96 Seiten, Preis 10,00 Euro, ISBN 978-3-86602-080-1