Gründer Jörg Land diskutiert mit Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU)

Bei seinem Vortrag früh am Morgen beginnt Hermann Gröhe erst einmal bei der Dampfmaschine. Vor der Einführung habe es auch „ganz, ganz viele Ängste“ gegeben, doziert der Gesundheitsminister. Zusammen mit Startups wolle er die Menschen nun von der neuen Technik überzeugen.

Um Health-Apps und andere technische Medizin-Lösungen geht es bei diesem Gründerfrühstück des IT-Branchenverbands Bitkom. Der Minister sitzt mit dem Sonormed-Gründer Jörg Land – besser bekannt durch die App Tinnitracks – auf der Bühne.

Gröhe, der gern auch Datenschutzbedenken in den Vordergrund stellt, will vor diesem Startup-Publikum lieber die Chancen betonen. „Ich verstehe Ihre Ungeduld“, sagt er etwa. Trotzdem dürfe es bei wichtigen Medizin-Produkten keine Fehler geben – beispielsweise, wenn eine Insulinpumpe die Menge falsch berechnet. Um den Nutzen medizinischer Apps für Verbraucher besser einschätzen zu können, untersuche die Medizinische Hochschule Hannover im Auftrag des Ministerium gerade verschiedene Angebote.

Gründer Jörg Land legt in der Diskussion mehrmals den Finger in die Wunde. Prozesse im Gesundheitssystem würden teilweise „länger dauern als die Lebensdauer eines Startups“. Die deutschen Health-Startups würden deswegen immer öfter mit dem Gedanken spielen, in die USA zu gehen. Der Minister stimmt zumindest zu, man müsse in der Sache „beschleunigen“.

Im Vorfeld der Veranstaltung stellte Gründerszene dem Minister Fragen zum Thema, die er schriftlich beantwortete.

Herr Gröhe, warum gibt es Deutschland vergleichsweise wenig Medizin-Startups?

Deutschland hat eines der besten Gesundheitssysteme weltweit. Das liegt auch daran, dass wir starke Unternehmen in der Medizintechnik, der Diagnostik und bei Softwareanwendungen haben. Diese bauen auf lange Erfahrungen und hervorragende Ingenieurskunst. Das macht es für jene, die in bestehende Märkte kommen wollen, nicht immer einfach. Auch die Zulassungsverfahren für neue Technik und Anwendungen sind oft komplex.

Ich denke jedoch, dass wir wegen des Zusammenwachsens von Medizin- und Informationstechnik in Zukunft mehr junge Unternehmen sehen werden, die neue Produkte und Anwendungen auf den Markt bringen.

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Welche Rolle werden die jungen Unternehmen mit ihren Apps und Anwendungen künftig im Gesundheitssystem spielen?

Junge Unternehmen, die Apps, aber auch vieles mehr anbieten, bringen neues Denken und Schwung in unser Gesundheitssystem. Junge Unternehmen hinterfragen Strukturen, verschieben Grenzen für das, was heute machbar ist. Kurz, sie sind es, die neue Produkte und Anwendungen möglich machen, die unsere Gesundheitsversorgung weiter verbessern können, auch wenn sie anfangs häufig noch mit Argwohn betrachtet werden.

Ich denke, dies wird sich aber ändern, wenn Entwickler und Anwender – zum Beispiel Ärzte, Krankenkassen oder Patienten – durch gute Produkte von den Vorteilen überzeugt werden, die ihnen neue Technologien bringen.

Verhindern die strengen Regularien – etwa für Medizin-Produkte und beim Datenschutz – nicht Innovationen?

Mir ist bewusst, dass Regelungen für Medizinprodukte und Vorschriften zum Datenschutz von jungen Unternehmen teilweise noch als Hemmnisse gesehen werden. Dabei dürfen wir aber nicht vergessen: Wir alle wollen, dass die Produkte, mit denen wir medizinisch behandelt werden, funktionieren und sicher sind. Denn so praktisch beispielsweise eine App sein kann, die die Insulingabe für Diabetes-Patienten berechnet: Ein Programmierfehler könnte schlimme Folgen haben.

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Die rechtlichen Vorgaben für medizinische Qualität und Datensicherheit sollten wir daher nicht als Hemmnis sondern als Chance begreifen. Denn für die Nutzer oder die Krankenkassen werden nur die Anwendungen interessant sein, die qualitativ hochwertig und nachgewiesen datensicher sind. Die Regelungen des Medizinproduktegesetzes sind daher notwendig. Zugleich wollen wir aber die App-Entwickler auf ihrem Weg besser unterstützen. Hier sehe ich die beratende Funktion des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte. Das Institut hat sich im vergangenen Jahr dieses wichtigen Themas angenommen und auf seiner Webseite eine Orientierungshilfe für App-Hersteller veröffentlicht. Diesen Weg hin zu einem Kompetenzzentrum für Medizintechnik wird das Institut weitergehen.

Inwieweit ermöglicht das E-Health-Gesetz neue Geschäftsmodelle?

Mit dem E-Health-Gesetz machen wir Tempo. Das Gesetz wird mit den Regelungen zu den Notfalldaten, die ab 2018 auf der Gesundheitskarte gespeichert werden können und dem Medikationsplan die Selbstbestimmung der Patienten stärken und den Weg für die elektronische Patientenakte ebnen. Wir schaffen einen Anspruch der Patienten darauf, dass ihre mittels Gesundheitskarte gespeicherten Daten ab 2019 ins Patientenfach aufgenommen werden können. In diesem Patientenfach können dann auch eigene Daten abgespeichert werden. Gerade dies bietet für neue Geschäftsmodelle gute Ansätze, etwa bei der Unterstützung der Behandlung chronischer Krankheiten.

Wir wollen neuen Ideen für das Gesundheitswesen nach Kräften Rückenwind geben. Dazu dient auch der Innovationsfonds, der bis 2019 mit jährlich 300 Millionen Euro ausgestattet ist. Mit diesem Innovationsfonds sollen gezielt Projekte gefördert werden, die neue Wege in der Versorgung beschreiten. Das kann auch für Gründer im Bereich „Digital Health“ interessant sein.

Bild: Bitkom