Seit seinem Studium mietet Stefan Groschupf eine kleine Wohnung im ostdeutschen Halle an der Saale. Bad ohne Fenster, kleine Küche, Schlafzimmer. Klingt erst einmal wenig außergewöhnlich. Wäre Stefan Groschupf nicht der CEO von Datameer, einem Big-Data-Unternehmen aus dem Silicon Valley, das gerade in einer Finanzierungsrunde 40 Millionen US-Dollar eingesammelt hat.

Die Geschichte von Stefan Groschupf begann in dieser Studentenbude. Zwei Fast-Pleiten musste er mit seinem Startup in Deutschland überwinden. Erst in Übersee startete der heute 38-Jährige richtig durch: Mit 76 Millionen Dollar wurde sein Unternehmen insgesamt finanziert, in etwa drei Jahren will er das Unternehmen an die Börse bringen. Das erzählt Groschupf im Gespräch mit Gründerszene.

Trotz dieses Erfolgs klingt der Gründer bescheiden. Das kommt dann durch, wenn er über die Berliner Startup-Szene redet: „Ein paar mehr Leute sollten ihr Ego an der Tür lassen“, sagt er dann. Und wie wenig abgehoben der Mann ist, das spürt man, wenn er über seine Heimat spricht: Obwohl er mittlerweile eine „schöne Wohnung“ in San Francisco habe, hänge er als „verkappter Hallenser“ – wie er sich selbst bezeichnet – an seiner alten Wohnung. Er sei „nie weggegangen“.

Erstes Projekt für die Uni-Bib

Sein bescheidenes Auftreten mag auch daran liegen, dass Groschupf etwa zehn Jahre für den unternehmerischen Durchbruch gebraucht hat. Als Ingenieur musste er das kaufmännische erst lernen, und „dass man ein gutes Produkt auch verkaufen muss“.

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Mit 19 Jahren gründet er sein erstes Unternehmen: Für die Uni-Bibliothek in Halle programmiert er den Suchkatalog, für andere Leute bastelt er Websites. Ein paar Jahre später tut er sich mit Kollegen zusammen, sie entwickeln Open-Source-Software und beraten Unternehmen dazu. „Immer, wenn wir alle zusammen an die Ostsee gefahren sind, saßen wir plötzlich da und programmierten“, erzählt Groschupf einmal der Mitteldeutschen Zeitung.

Zwei Mal geht das Unternehmen fast pleite. In Deutschland als junge Firma einen Kredit zu bekommen, ist in dieser Zeit nicht einfach. Bei der Bank heißt es: „Frag doch deine Eltern, ob sie ihr Haus verkaufen wollen“. Und die deutschen Unternehmen können mit ihrer Software nicht viel anfangen: „An welche Firma habt ihr das schon verkauft?“

Irgendwann hat Groschupfs Startup nur noch einen deutschen Kunden – es ist der Moment, in dem sie den Schritt in die USA wagen, schließlich sitzt dort bereits ein Großteil der Kundschaft. Die jungen Programmierer, die kaum Englisch sprechen, werden mit offenen Armen empfangen. Vom Kreditkartenunternehmen Visa bekommen sie 100.000 Dollar. „Und das, obwohl wir noch kein fertiges Produkt hatten“, sagt Groschupf. Er ist da gerade 29 Jahre alt. Und er fragt sich: „Warum machen die das?“ Er beginnt, die amerikanische Risikobereitschaft zu verstehen.

Big Data vor dem großen Hype

Aus Interesse beschäftigt sich Groschupf schon lange mit Hadoop, schon in Deutschland sitzt er nach Feierabend oft daran. Heute gilt er als einer der Pioniere bei der Arbeit mit dem Open-Source-Programm, das inzwischen das Standardprogramm für die Analyse von großen Datenmengen ist. Lange, bevor fast jedes deutsches Unternehmen irgendetwas von Big Data in ihren Geschäftsberichten und auf ihren Websiten schreibt, arbeitete Groschupf in Halle daran.

Und genau diese Datenanalyse ist auch heute sein Kerngeschäft. Unternehmenskunden können mit dem Datameer-Programm beliebige Daten zusammenführen: aus Facebook, Twitter oder Salesforce. Für Kreditkartenanbieter wie Visa analysiert die Software, welche Muster unter den Millionen von Bezahlungen aus dem Raster fallen – so können sie Betrug vorbeugen. Oder die Datenauswertungen sagen vorher, wie Telekommunikationsunternehmen die Einsatzfahrten ihrer Reparaturfahrer am besten planen – das System erkennt, wo es zur nächsten Störung kommen könnte.

Die Unternehmen sparen so Millionen Dollar. In Deutschland gehören mittlerweile die Otto-Gruppe und Telefonica zu den Kunden von Datameer. Eines der Erfolgsrezepte ist die einfache Bedienung: Die Software funktioniert wie ein Spreadsheet oder eine Excel-Tabelle.

Die amerikanischen VCs glauben an Datameer

Schon bald entdecken US-Risikokapitalgeber das Unternehmen, der legendäre VC Kleiner Perkins steigt ein. „Stefan hat starke Führungsqualitäten, eine klare Vision, viele Jahre Entwicklungserfahrung und den Mut, die Welt der Unternehmens-Software grundlegend zu verändern“, lobt die damalige Kleiner-Perkins-Partnerin Ellen Pao 2011.

Inzwischen hat das Unternehmen 76 Millionen Dollar eingesammelt. Durch die Datenauswertungen verdient das Unternehmen bereits viel Geld, die Umsätze liegen im zweistelligen Millionen-Bereich – doch Groschupf will mehr. Mit dem Lead-Investor der aktuellen Finanzierungsrunde, ST Telemedia aus Singapur, hofft er auf einen Zugang zum asiatischen Markt. Denn dort klopfe man als Unternehmen nicht einfach an die Tür und sage: „Hallo, wir sind Datameer.“ Ein Netzwerk vor Ort sei unglaublich wichtig – mit dem Investor habe Datameer in „die Familie eingeheiratet“, sagt Groschupf und schmunzelt. Einige Unternehmen aus dem Portfolio des Investors seien interessant für sein Geschäft.

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Für diesen nächsten Schritt soll das heute sechs Jahre alte Unternehmen mit seinen 150 Mitarbeitern deutlich vergrößert werden. 50 Angestellte hat Groschupf in Halle, auch in Berlin gibt es ein Büro, neue Leute sollen auch an den deutschen Standorten an Bord kommen. In seiner Heimatstadt sitzen vor allem die Entwickler des Unternehmens. Groschupf bietet auch Studenten die Möglichkeit, bei Datameer reinzuschauen. Künftig will er noch mehr Studenten für das Thema Big Data begeistern.

Den Standort in Halle hält er nicht nur aus Nostalgie, die Entwickler seien günstiger als im Silicon Valley, sagt Groschupf. Mehrmals im Jahr ist er in Deutschland, auch wenn er sagt, dass er ein „glückliches Leben“ in den USA führe. Nur mit der Berliner Startup-Szene scheint er nicht nur gute Erfahrungen gemacht zu haben: „Mensch, die Leute reden gerne“, sagt Groschupf. Einige von denen sollten sich nicht immer einreden: „Ach, sind wir toll, Aston Kutscher hat in uns investiert.“ Von einem wie Groschupf klingt das nicht großkotzig – es klingt vielmehr nach einem Gründer, der Bodenständigkeit schätzt. Vielleicht kommt dann wieder der Stefan Groschupf aus Halle an der Saale durch.

Bild: Datameer/Clifford Grodin