Groupong

Anscheinend war es ein Wespennest, in das Gründerszene mit seinem Artikel rund um die Arbeitsbedingungen beim Couponing-Anbieter Groupon stach: Dutzende von Kommentaren prasselten unter dem entsprechenden Artikel ein, mehrere Business-Partner, Kunden sowie aktuelle und ehemalige Mitarbeiter wandten sich per Mail an die Redaktion und auch verschiedene andere Medien griffen das Thema auf. Die Reaktionen und neuen Inhalte zum Geschehen bei Groupon waren so umfangreich, dass Gründerszene beschlossen hat, auch diese in einem Artikel aufzubereiten, und hat sich dabei vor allem der Händlerseite und der Qualität der Deals gewidmet.

Groupons Reaktionen auf Gründerszenes Befunde

Groupon reagierte auf die Berichterstattung von Gründerszene und seinem Partnermagazin in unterschiedlicher Form: Intern soll der Couponing-Riese E-Mails ausgesandt haben, die alle Mitarbeiter unter Androhung von Schadensersatzforderungen ermahnten, nicht mit der Presse zu sprechen. Mitarbeiter, die bereits mit der Presse gesprochen hatten, sollten sich melden, und kamen sie dem nach, soll es umgehend zu Kündigungen gekommen sein, verriet ein Gründerszene-Kontakt. Dennoch ließen sich zahlreiche Mitarbeiter nicht davon abschrecken und konfrontierten Gründerszene mit neuen Hintergrundinformationen.

Rund drei Wochen nach Gründerszenes Artikel folgte dann eine neuerliche Reaktion. Die Polizei wandte sich an Gründerszenes Redaktion. Groupon hatte einen der anonymen Tippgeber wegen Verletzung des Post- und Fernmeldegeheimnisses angezeigt. Dass dieser eher verzweifelte Versuch, an die Tippgeber des ersten Artikels zu gelangen, Erfolg trägt, dürfte sehr unwahrscheinlich sein, zumal Gründerszene sich auf sein Recht auf Quellenschutz berief.

Gründerszene selbst hörte im Nachgang seiner Berichterstattung nichts mehr von Groupon, einzig von einem Groupon-Recruiting-Event, welches einen Tag nach Gründerszenes Artikel stattfinden sollte, wurden Gründerszene und sein Partnermagazin VentureVillage „auf Geheiß von Chicago“ wieder ausgeladen. Dass VentureVillages Chefredakteurin Marguerite Imbert Groupon konzeptionell bei der Ausgestaltung dieses Events unterstützte, spielte dabei keine Rolle.

Anonyme Kommentare zu Groupons Praktiken

Als Reaktion auf Gründerszenes Aufarbeitung der fragwürdigen Arbeitsbedingungen bei Groupon prasselten deutlich über 100 anonyme Kommentare unter dem entsprechenden Artikel ein. Besonders spannend war dabei, dass auch viele angebliche Ex-Mitarbeiter den Kommentarbereich nutzten, um sich Luft zu machen, und teilweise pikante Interna preisgaben. Die folgende Zusammenfassung der aussagekräftigsten Kommentare bestätigt Gründerszenes Artikel an vielen Stellen nicht nur, sondern wirft teilweise einen noch längeren Schatten auf die Mitarbeiterpolitik Groupons.

„Es ist eng, es ist laut. […] Von wegen 40-Stunden-Woche, […] eher 60/70 Stunden und die Überstunden werden weder angerechnet noch bezahlt. Da keine Deals in der Pipeline sind, wird freitags locker bis 0.00 oder 1.00 Uhr da gesessen […] Samstags oder Sonntags darf man dann freundlicherweise einen Laptop mit den Programmen mitnehmen und von zu Hause aus arbeiten.“, schreibt ein Kommentator.

Weitere Kommentatoren bestätigen diese Aussagen: „[Die] Arbeitsplätze sind klein, eng. […] Die KPIs sind überdimensional gestrickt, […] erreicht man diese nicht, bekommt man ein Einzelgespräch!“ Warum bei diesen Arbeitsbedingungen weder Betriebsrat, Arbeitsschutz noch Gewerkschaft durchgreifen, erklärt sich ein Kommentator mit „Arbeitsschutz ist Dauergast, kann oder will aber wohl nichts tun. […] Angeblich wird jedem, der einen Betriebsrat fordert, eine hohe Abfindungssumme geboten.“ Eine weitere Kommentatorin meint: „Ver.di war auch schon bei Groupon.“

Auch beim Thema Kündigung kommt Groupon bei Gründerszenes Kommentatoren nicht gut weg. Ein Kommentator, der angeblich zwei Jahre bei Groupon angestellt war, spricht davon, „ganze Kündigungswellen miterlebt“ zu haben, welche „in der Ausführung schlicht asozial“ waren und als Kündigungszeitpunkt „gerne der letzte Tag der Probezeit“ gewählt wurde. Fast verhöhnend wirkt da Groupons angebliches Angebot einer Wiedereinstellung bei Erreichen von „20 Verträgen in 14 Tagen“. Ein weiterer Kommentator bestätigt, dass allein in seinem Verkaufsgebiet innerhalb von elf Monaten „19 Mitarbeiter entlassen und genauso viele auch wieder eingestellt“ wurden.

Auf Händlerseite meldete sich ein anonymer Kommentator zu Wort, der einer der so genannten Dream-List-Partner sein will: „Es wird wirklich alles versprochen und nichts gehalten. […] Außerdem werden Deals online gestellt, bevor diese von Kunden abgenommen sind. Das Resultat sind dann falsche Artikelbeschreibungen und falsche Erwartungen von Kunden.“ Anscheinend wurden weiterhin blind Domaininhaber, selbst ohne Unternehmen, angerufen: „Der von Groupon genannte Unternehmensname war der Name meiner privaten Domain“, schreibt ein von Groupon-Anrufen über Monate geplagter Kommentator.

HR-Kapriolen und falsche Versprechen?

In Teilen hatte Gründerszene die Inhalte der Jobbewertungsplattform Kununu bereits in seinem ersten Artikel zum Thema aufgeriffen. Eine detailliertere Auswertung der bei Kununu anonym abgegebenen Bewertungen erweckt nun den Eindruck, dass die Zustände in der HR-Abteilung des Couponing-Riesen ähnlich erschütternd sein könnten wie der Umgang mit Mitarbeitern insgesamt. Bewerbungsgespräche am Fließband und mit falschen Versprechen gelockte Mitarbeiter scheinen demnach an der Tagesordnung bei Groupon.

So berichtet ein Bewerber davon, dass sich Zusagen im Bewerbungsgespräch „bezüglich Arbeitsgebiet und freier Einteilung der Arbeitszeit als absolute Falschaussagen erwiesen.“ Andere Bewerber wurden mit komplett erfundenen Jobangeboten geködert. Ein Bewerber für das Online-Marketing fand seine „Probetexte, die auch publiziert wurden“ gar ungefragt auf der Groupon-Webseite wieder – ohne Feedback oder Bezahlung.

Die Interviewsituation an sich wird von einem Großteil der Bewerber als unprofessionell und unmenschlich eingeschätzt. Ein Bewerber beschreibt die Situation als „aggressiv und provozierend“. Das Gespräch fand oftmals „im Raum vor arbeitenden Kollegen“ statt, während die interviewende Person „während des Bewerbungsgespräches noch Telefonate führte“. Beklagt wird weiterhin der Sachverhalt, dass viele der Interviewer „das Vorstellungsgespräch aus Zeitmangel vorzeitig abbrechen“ mussten, aber „dennoch ein Job angeboten“ wurde. Insgesamt erscheint die Quote der Bewerber, die nach oder während des Gesprächs direkt eine Jobzusage erhielten, bei nahezu 100 Prozent zu liegen.

Was ist an den zahlreichen Groupon-Vorwürfen dran?

Sowohl Kununus als auch Gründerszenes Kommentare sind sicherlich mit Vorsicht zu genießen, insofern es ihnen an einer eindeutigen Identifizierung der Personen fehlt. Ob es sich bei den Kommentatoren wirklich um ehemalige Groupon-Mitarbeiter handelt, kann nicht ohne Weiteres verfiziert werden. An der Glaubwürdigkeit von deren Inhalten hegt die Redaktion von Gründerszene allerdings dahingehend kaum Zweifel, als dass zahlreiche ehemalige involvierte Akteure gegenüber Gründerszene exakt dasselbe skizzierten.

Gleich mit mehreren Management-Angestellten tauschte Gründerszene sich daher in den letzten Wochen aus, um noch einmal zu verifzieren, was an den zahlreichen – oft anonymen – Befunden dran ist. „Das, was ihr dort geschrieben habt, ist nur die Spitze des Eisbergs“, hieß es während dieser Nachbereitung immer wieder. Ein ehemaliger Angestellter berichtete davon, dass Oliver Samwer in einem Wutanfall vor Dutzenden von Mitarbeitern eine Tastatur in den Monitor eines Arbeitsplatzes schlug.

Ein Informant aus dem Bereich Key Account erzählte Gründerszene von einer Kollegin, die freitags ihr Auto bekam und mit der Aussicht auf eine höhere Position einen Jahre währenden Job gekündigt hatte, um am darauf folgenden Montag an ihrem ersten Arbeitstag wieder entlassen zu werden. Wiederholt wurde Gründerszene während seiner Recherche von solchen Kündigungen innerhalb der Probezeit berichtet, ohne dass Gründe angegeben worden seien.

Angesichts der zahlreichen erhobenen Vorwürfe stellte Gründerszene auch eine Anfrage an das Landesamt für Arbeitsschutz, Gesundheitsschutz und technische Sicherheit Berlin (LAGetSi). Im Rahmen eines nationalen Projekts, das sich mit dem Thema Bürosituation befasste, nahm das LAGetSi Groupon bereits unter die Lupe, kam jedoch zu keinem ernsthaften Befund – speziell Groupons neue Arbeitsräume sollen den Auflagen des LAGETSI gerecht werden. Eine „Ermittlung“ durch das LAGetSi gab es insofern bisher nicht zu Groupon, da es hierfür einer entsprechenden Mitarbeiter-Beschwerde beim LAGetSi bedarf. Sehen Mitarbeiter eine Gefährdung, worunter auch psychische Thematiken wie Mobbing fallen, können sich Mitarbeiter außer an den Betriebsrat, eine Gewerkschaft oder den gesetzlichen Unfallversicherungsträger ihres Unternehmens auch an das LAGetSi wenden.

Auch die Einrichtung eines Betriebsrates wurde immer wieder in den Reaktionen gegenüber Gründerszene thematisiert, und während es wohl Oliver Samwer lange gelungen sein soll, die Einrichtung eines Betriebsrates bei Groupon zu verhindern, soll Groupon mittlerweile über einen ebensolchen verfügen. Welche Auflagen genau für einen Betriebsrat gelten, regelt § 80 ff. des Betriebsverfassungsgesetzes – grundsätzlich werden Betriebsräte in Unternehmen mit mindestens fünf ständigen Arbeitnehmern gewählt und obliegen alleine der Initiative der Arbeitnehmer oder einer im Betrieb vertretenen Gewerkschaft. Im Falle von Groupon spricht eine ehemalige Mitarbeiterin davon, dass es sich dabei „nur um eine Farce handeln“ könne. „Wer ebensolchen Laden kennt, weiß, dass der Betriebsrat keine Handhabe haben wird“, heißt es weiter.

Groupons Statement

Gründerszene ließ Daniel Glasner und Groupons PR-Abteilung eine rund anderthalb Seiten lange E-Mail mit seinen Recherche-Ergebnissen zukommen, die detailliert aufbereitet, welche teils fragwürdigen Groupon-Befunde im Folgenden zusammen getragen wurden. Die Antwort des Couponing-Anbieters fiel denkbar kurz aus:

Mit Erstaunen und durchaus kritisch müssen wir feststellen, dass sich Eure journalistische Tätigkeit auf das Sammeln von Mutmaßungen, Leaked-E-Mails, anonymen Blog-Postings oder sonstiger Statements beschränkt. Die Vorwürfe gegen uns entbehren jeder Grundlage und sind für uns nicht nachvollziehbar.

Groupon basiert auf dem erfolgreichen Zusammenspiel von Mitarbeitern, Partnern und Endkunden. Wir erhalten täglich aus jedem dieser drei Bereiche (auch kritisches) Feedback, gehen darauf ein und entwickeln uns so stetig weiter. Wie Andrew Mason bereits gegenüber der FAZ vor kurzem erklärte, erheben wir nicht den Anspruch, eine perfekte Firma zu sein, sondern lernen und verbessern uns ständig. So haben wir in den letzten Monaten viele Innovationen entwickelt, die von unseren Mitarbeitern, Kunden und Partnern gleichermaßen sehr geschätzt werden – nicht umsonst zählen wir weltweit über eine Viertelmillion Partner sowie mehr als 33 Millionen aktive Nutzer, verteilt auf 48 Länder rund um den Globus.

Solltet ihr an einer ernsthaften, tieferschürfenden Recherche interessiert sein, stehen wir selbstverständlich gern zur Verfügung.

Dabei geht das vorliegende Material deutlich über „das Sammeln von Mutmaßungen, Leaked-E-Mails, anonymen Blog-Postings oder sonstiger Statements“ hinaus, nachdem Gründerszene mit zahlreichen Quellen, die auf zahlreichen Ebenen bei Groupon involviert waren, direkt und persönlich gesprochen hat.

Bisher kommen alle diese skizzierten Druckszenarios hauptsächlich aus Deutschland und scheinen sich quasi ausschließlich auf den Sales-Bereich und dessen Satellitenbereiche wie City-Planning, Contract- und Partner-Management zu konzentrieren. Ein Ex-Management-Mitglied beschreibt, dass andere Bereiche wie das Online-Marketing oder die IT verhältnismäßig entspannt arbeiten können sollen, liege der Fokus von Oliver Samwer doch vor allem auf dem Sales-Part, nachdem Groupon (damals noch CityDeal) anfangs von den eigenen Merchants belächelt worden sei. Ohnehin scheint Oliver Samwer der primäre Strippenzieher hinter Groupons Praktiken zu sein.

Groupon, Update, Gomorrha