“Ich rate von Groupon ab” – ein Gastronom erzählt

Dass Groupon längst nicht für jeden Händler ein Marketing-Segen ist, ließ sich in der Vergangenheit immer mal wieder anhand von Beispielen belegen, so etwa im Falle der britischen Konditorin Rachel Brown, die durch Groupon nur knapp an der Pleite vorbeischrammte und mangels einer Deckelung des Angebots 102.000 Cupcakes herstellen musste, die ihr einen Verlust von 12.500 Pfund einbrachten. Und dennoch fehlt der breiten Öffentlichkeit das Gefühl, was Groupon Händlern denn wirklich zu bieten hat.

Gründerszene sprach mit einem Gastronomen aus Westdeutschland, der mit seinen sieben Lokalen gleich neun Mal einen Deal mit Groupon abschloss und das System daher bestens kennen dürfte. Sein Fazit: “Groupon sollten jene Gastronomen nutzen, die nicht nur gastronomisch, sondern auch marketingtechnisch etwas drauf haben. Da dies meist nicht der Fall ist, würde ich jedem Gatronomen raten, Groupon nicht zu nutzen.” Überhaupt eigne sich der Couponing-Riese eigentlich nur für Lieferdienste und Franchise-Nehmer, weil diese durch Groupon ihre Marke beziehungsweise ihr Bestellangebot ins Gedächtnis des Kunden bringen würden.

Doch warum ist dies so? Gerade in ländlichen Gegenden würden vor allem Gastronomen in abgelegenen Lagen auf Groupon zurückgreifen, um an Kunden zu kommen. Doch ist die erste Schnäppchenjägerwelle abgeklungen, soll von den Kunden nichts mehr übrig bleiben. Von 200 Kunden würden gerade einmal zwei bis drei wiederkommen, schätzt Gründerszenes Kontakt – das entspricht einer Wiederkaufsquote von einem Prozent. Bei anderen Anbietern wie DailyDeal oder QypeDeals soll dies nicht anders aussehen, viele dieser Plattformen seien in kleineren Gegenden von den meisten Händlern mangels Relevanz noch nicht einmal ausprobiert worden.

Die Rabatte, die Groupon den Händlern vorschlägt, sollen für einen Deal in der Regel bei 45 Prozent starten, schnell würde Groupon die Händler aber zu 65 Prozent und mehr bringen, weil sich Deals unter 50 Prozent quasi nicht lohnen würden. Einem Gastronom, der dann ein 20-Euro-Angebot mit 75-prozentigem Rabatt bei Groupon bewirbt, hat dann nach Abführung von Groupons Marge (die in der Regel bei 50 Prozent liegt) noch einen Verdienst von 2,50 Euro.

Glaubt man Gründerszenes Kontakt, würde jeder Gastronom so durchschnittlich einen Verlust von zwei bis fünf Euro pro eingelöstem Gutschein machen, was bei Deals im drei- oder vierstelligen Bereich schnell zu Umsatzverlusten im Tausender-Bereich führen kann. Kommen dann an einem Tag 200 Kunden mit Gutscheinen, kann dies auch schnell zur Pleite eines Gastronomen führen. Löst ein Nutzer einen Gutschein hingegen gar nicht ein, verbleiben diese Einnahmen komplett bei Groupon. Bei 1.000 verkauften Gutscheinen soll dies gemäß den Erfahrungen des befragten westdeutschen Gastronomen im Schnitt bei 600 bis 800 Gutscheinkäufern der Fall sein, das heißt, im Schnitt würden nur 40 Prozent oder weniger ihre Essens-Gutscheine auch einlösen.

Viele der so für Händler entstehenden Nachteile seien vor allem im Sales-Bereich anzusiedeln. Die Möglichkeit einer Deckelung würde häufig verschwiegen und immer wieder käme es zu Fehlern bei der Datenübermittlung. Etwa, wenn ein Gastronom darauf spekuliert, die Verluste eines Deals durch den Verkauf von Getränken wieder wett zu machen, dann aber mit Gästen konfrontiert wird, denen nicht kommuniziert wurde, dass sie ihr Essen in diesem Deal nicht mitnehmen können. “Groupons Sales-Mitarbeiter haben schlichtweg meist keine Ahnung von Gastronomie und können deshalb nicht verstehen, was Groupons Konditionen für die Händler bewirken”, meint besagter westdeutscher Gastronom. “Groupon streut Deals in einem Umkreis von 40 bis 50 Kilometer, sodass viele Kunden mit der Bahn für günstige Deals anreisen, dann aber nicht mehr wiederkommen.”

Deal-Problematiken der Vergangenheit

In Sachen Deals weist Groupon eine ähnliche Kreativität wie in seiner HR-Abteilung auf. Gleich zu Beginn seiner Firmengründung (damals noch als CityDeal) kaufte das Unternehmen alle verfügbaren Starbucks-Gutscheine auf und gab diese billiger an seine Kunden weiter. Starbucks wusste nichts von dieser Aktion, störte sich an den zusätzlichen Umsätzen aber sicherlich auch nicht. Doch wenn auf der Mitarbeiterseite so etwas wie ein Gomorrha bei Groupon konstatiert werden kann, dann findet sich im Händlerbereich tatsächlich so etwas wie das dazugehörige Sodom.

Glaubt man den Ausführungen eines Wettbewerbers, soll auch gerade in der Anfangszeit von Groupon praktisch alles erlaubt gewesen sein, um gegenüber der Konkurrenz in Sachen Deals an Boden zu gewinnen. So sei Groupon in der heißen Phase im Frühjahr 2010 mehrfach auf Händler zugegangen und habe diesen erzählt, dass die eigene Konkurrenz entweder bald durch Groupon übernommen würde oder aber kurz vor der Pleite stünde und deshalb doch ein Vertrag mit Groupon am sinnvollsten sei. Mit der Übernahme durch Groupon sollen solche Praktiken nunmehr eher der Vergangenheit angehören, nach wie vor werde aber hart um Händler gekämpft.

Gründerszene sprach mit einem Partner-Manager, der für ein gesamtes Stadtgebiet Händler betreute – das Fazit: “Es stimmt: Alles ist erlaubt, um einen Deal zu bekommen. Und weil Deckelungen verschwiegen oder sogar willentlich entfernt werden, gibt es häufig Merchants, die vor den Scherben ihrer beruflichen Existenz stehen.” Eine Auswahl problematischer Groupon-Deals findet sich etwa auf der Groupon-Seite von Tagesangebote.de, wo zahlreiche Nutzer und ehemalige Anbieter fehlerhafte Deals monieren – Groupon bringt es hier auf eine Bewertung von 2,5 Sternen (von fünf möglichen). Selbst ein Blick auf die Facebook-Seite Groupons offenbart ein wahres Eldorado für Kritiker der Deal-Qualität: Wiederholt scheint es hier zu Schwierigkeiten zu kommen. Dafür reagiert Groupon immerhin fleißig auf die geposteten Kommentare und belässt viele dieser auch auf seiner Facebook-Seite.

Hier nur ein kleiner Überblick von Groupon-Deals, die in der Vergangenheit zu Kontroversen führten:

  • Vermeintlich günstige Deals: Zu verschiedenen Gelegenheiten zeigte sich, dass Groupon Inhalte zu rabattierten Preisen anbot, diese im Neuzustand vermeintlich aber nahezu dasselbe kosteten. So etwa im Falle eines Deals über ein Kodak-Batterien-Paket, das wenig später auch von PayPal zu denselben Konditionen angeboten wurde. Ähnlich verhielt es sich mit einem Grillbesteck, das Groupon mit 62-prozentigem Rabatt für 49 Euro anpries, während Anbieter wie Amazon entsprechende Produkte im Originalpreis sogar günstiger anboten. Auch ein Angebot über einen Roboter-Staubsauger namens Robo-Duster stellte sich als diskussionswürdig heraus, als sich zeigte, dass das für 189 Euro verkaufte und mit ursprünglich 449 Euro angepreiste Gerät auch im Neupreis eigentlich 189 Euro kosten würde und die zugehörige Anbieter-Domain im Besitz von Groupon war. Angesichts solcher Deals entsteht schnell der Eindruck, Groupon würde durch vermeintlich höher angegebene Neupreise den Umfang seiner Rabatte größer erscheinen lassen, wofür Großbritannien den Couponing-Anbieter auch bereits zur Rechenschaft gezogen haben soll (s.u.).
  • Die ICE Watch: Für einige Aufruhr sorgte ein Deal zum Thema Uhren aus dem Oktober 2011, als Groupon die beliebte ICE Watch mit 62 Prozent Rabatt für 29,99 Euro anbot und im fünfstelligen Bereich verkaufte. Als es dann zu Verzögerungen bei der Lieferung kam und sogar die Echtheit der Uhren angezweifelt wurde, schaltete sich Sat. 1 ein und fühlte Groupon auf den Zahn. Der Vorwurf: Groupon sei einem Betrügerring aufgesessen und die verkauften Uhren würden womöglich nie verschickt und es bestünde die Gefahr, dass Imitate ausgegeben würden. Vor Ort verfügte Groupon sehr wohl über einige Originale und war um Klärung des Sachverhalts bemüht. Welchen Ausgang die Uhrenangelegenheit genommen hat, konnte Gründerszene bis dato nicht herausfinden, stellte zu dem Thema jedoch eine Anfrage an Groupon.
  • Beats by Dr. Dre: Dass sich nicht bei jedem Angebot die gleiche Deal-Qualität aufrecht erhalten lässt, liegt wohl auf der Hand. Wenn jedoch zahlreiche Deals verkauft werden, allerdings nicht geliefert werden können, herrscht schnell Frust bei der Kundschaft. So geschehen angeblich auch bei einem Deal zu den Beats-Kopfhörern, der die Groupon-Gemeinde im Juli letzten Jahres beschäftigte. Ähnlich wie bei den ICE Watches wurden auch hier die Beats-Kopfhörer vielfach verkauft, dann aber zunächst nicht geliefert, zumal Groupon womöglich einem Betrugsversuch zum Opfer fiel. Groupon kommunizierte sehr aktiv mit der Community, musste den Deal am Ende allerdings stornieren, weil der entsprechende Deal-Partner seine Zusagen nicht einhielt und kein anderer Händler bei diesem Deal einspringen wollte.
  • Deal mit einem Nazi-Bauernhof: Auch ein Groupon-Deal mit dem Reiterhof Blumberg sorgte für Aufregung, ist dieser doch durch seine braune Gesinnung in die deutsche Presss geraten (“Die Nazi-Bauern von Brandenburg”). Groupon bewarb den Reiterhof mit “erlebe ein tierisches Vergnügen” und verkaufte den Deal 342 mal. Laut einer Nutzerin, die sich an Gründerszene gewandt hat, soll Groupon auf ein entsprechendes Deal-Rücktrittsgesuch aufgrund der braunen Gesinnung des Deals allerdings nicht reagiert haben. Auch ein entsprechender Hinweis auf der Facebook-Seite Groupons sei “sofort gelöscht” worden. Gründerszene konnte jenseits dieses Hinweises bis dato keine weiteren Hinweise finden und stellte zu dem Thema eine entsprechende Anfrage an Groupon.
  • Ruin einer Masseurin: Ein besonders schlimmer Fall soll sich in München ereignet haben, wo kurz vor Weihnachten für ein kleines Massagestudio gleich 907 Deals verkauft worden waren. Die Besitzerin des Ein-Mann-Betriebes konnte diesem Aufkommen nicht mehr nachkommen und erlitt einen psychischen Zusammenbruch. Inzwischen arbeitsunfähig, müsse die seit sieben Jahren Selbstständige Unternehmerin nun Psychopharmaka nehmen und ging mit ihrem Betrieb insolvent. Groupon-Geschäftsführer Thorsten Schröppe selbst soll hier die eigentlich vorgesehene Deckelung entfernt haben, weil der Deal sich so gut verkaufte.

Ihre Ursache haben diese Deal-Kapriolen sicherlich im intensiven Leistungsdruck, der in den entsprechenden Sales-Bereichen vorherrscht. Aufgrund von irrational hohen Zielsetzungen leidet die Qualität, und Deals, die wohl um jeden Preis vom Management verlangt und anscheinend teilweise sogar ohne Deckelung durchgedrückt werden, können dann leicht zu übervorteilten Dealpartnern führen. Doch wenn schon Groupons Qualitätsmanagement nicht greift, bleibt die Frage, warum sich die Händler im Nachgang nicht wehren (können). Aus einer Insiderquelle erhielt Gründerszene Groupons Händler-AGBs und diese zeigen deutlich, wie machtlos Händler teilweise sind, wenn sich diese Regelungen nicht genau durchlesen.

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