René „Dr. Plasma“ Bussiahn (links) und Stephan Krafczyk bei der Laborarbeit

Chronische Wunden heilen, die heute als kaum noch therapierbar gelten: Mit dieser Idee gewann Coldplasmatech Ende November den Gründerpreis der Familienunternehmen. Wie es mit dem Startup vorangeht, verraten die beiden Gründer Carsten Mahrenholz und Tobias Güra im Gründertagebuch. Hier geht’s zur ersten Folge.

Nach den abwechslungsreichen Gesprächen und der großen Medienpräsenz bei der Preisverleihung im Axel-Springer-Haus in Berlin brauchten wir das folgende Wochenende, um uns wieder auf unsere eigentlichen Aufgaben zu fokussieren. Unser Invention-Preis steht jetzt bei den Entwicklern Stephan und René im Labor und fügt sich harmonisch in das metalldominierte Laborpanorama ein.

Der Arbeitsalltag hat uns wieder – und so sieht man bei der abendlichen Dämmerung oder heruntergezogenem Sonnenschutz ein bläuliches Leuchten hinter unseren Laborfenstern. Es stammt von der Oberfläche eines Plasma-Patches, welches den Versuchsbereich erhellt. Dieses Leuchten ist neben UV-Strahlung, elektrischen Feldern und reaktiven Spezies eine Komponente des ionisierten Gases, mit dem wir Wunden behandeln werden.

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Auszeichnungen sind wichtig und spornen an, der Alltag abseits von Netzwerktreffen und Buffets ist aber weniger glamourös. Hier geht es um die Anforderungen der Ärzte an unser Produkt und die oft aussichtslose Situation, in der sich viele ihrer Patienten befinden.

Die Entwicklung unserer Plasma-Wundauflage ist von Anfang an geprägt von Tests, Ausarbeitungen, Abgleichen mit Anwendergesprächen. Zehn Stunden Arbeit am Tag und mehr sind keine Seltenheit. Austausch mit Experten angrenzender Disziplinen am Leibniz-Institut, Laborversuche an Zellen und Bakterien und das Füllen vieler Seiten zulassungsrelevanter Dokumentation stehen auf unserer Agenda.

Dabei wird die oft abstrakte Physik hier in der Universitätsstadt Greifswald sehr real und greifbar. Basis unseres bisherigen Erfolges und der Technologie sind die Vorarbeiten und die Expertise des Leibniz-Instituts für Plasmaforschung und Technologie (INP), an dem wir arbeiten und aus dem wir gründen. Hinter uns und der Technologie steht eine der weltweit führenden Einrichtungen auf dem Gebiet der Niedertemperaturplasmen mit einer klaren Anwendungsorientierung für die unterschiedlichsten Märkte. Hier hat die noch junge Plasmamedizin ihren Weg in die deutschen Kliniken begonnen. Eine sehr gute Ausgangslage für unsere Entwicklung.

Wenn es Abend wird in Greifswald – im Büro von Coldplasmatech brennt noch Licht

Neben Physikern arbeiten hier auch Wissenschaftler anderer Fachdisziplinen, wie zum Beispiel Biologen, Chemiker, Mediziner – aber auch technische Professionen wie Ingenieure und Elektroniker. Es gibt Werkstätten, Labore und eine Verwaltungsinfrastruktur, die unersetzlich ist.

Unser Plasma-Labor liegt im Seitenflügel des Forschungshauses hinter mehreren mit Zugangskarten gesicherten Türen und Warnschildern – es herrscht Geheimhaltung und Fotoverbot. Trotzdem ist es leicht zu finden, denn laute Scooter-Musik dringt durch die Gänge, wenn alle anderen Räume verlassen sind. Hier erarbeiten und entwickeln Stephan und René die Prototypen für die Zulassung. Es gilt, eine Vielzahl an Entwicklungsschritten und Produktionsprozessen zu definieren und auf Praktikabilität zu prüfen. Laboraufbauten müssen geplant und umgesetzt werden. Auch Pulsmuster, Schaltpläne und die Wundauflage mit ihren verschiedenen Komponenten werden auf die spätere Produktion ausgerichtet. Hier bestimmt besonders akribisches Arbeiten gepaart mit wissenschaftlicher Expertise den Alltag der beiden. Sie werden bei verschiedenen Fragestellungen von Kollegen aus dem Haus unterstützt. Diese Interdisziplinarität und Vielfalt ist typisch für das Arbeiten am INP.

Ein besonderer Bonus, den das nächtliche Arbeiten mit sich bringt: die Beamer in den großen Konferenzsälen sind frei und Mario Kart auf der Wii macht so erst richtig Spaß. Kreativität braucht eben manchmal auch Freiheit.

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Unweit der Konferenzräume finden sich die Büroräume von Tobias und Carsten. Mehrere vollgeschriebene Flipboards und Tafeln an den Wänden beinhalten die Ergebnisse und Denkansätze der beiden Business Developer. Work in progress. Neben Market Intelligence, Antragsformulierung, Unternehmensplanung, strategischem Marketing und Pressearbeit dürfen die aufregenden Dienstfahrten nicht fehlen. Nur wer beim Patienten, Kunden oder Partner vor Ort ist, kann sich ein Bild von der Situation machen.

Hier bekommt man schon mal einen Eindruck, wie der Alltag eines Vertriebsmitarbeiters aussehen könnte. Während Carsten auf dem Beifahrersitz letzte Korrekturen in den Businessplan eingibt, frönt Tobias der Geschwindigkeit – bis wieder eine dieser „Situationen“ das entspannte Arbeiten zunichte macht:

Wenn sich bei Mach 2 auf der Autobahn der ein oder andere Verkehrsteilnehmer kurzfristig dazu entschließt – ohne Blinksignal, vor dem potentiellen Aufprall – dann doch noch auf die linke Spur zu wechseln, hilft nur noch eins: Anker werfen! „Tobias! Hast Du überhaupt einen Führerschein!? Das nächste Mal fahre ich!“ Ein Blick nach rechts zeigt: wo eben noch unser souveräner „Dr. Mahrenholz“ auf dem Beifahrersitz saß, befindet sich nun Casper, der freundliche aber entsetzte Geist.

Am Ziel angekommen hat sich die Gesichtsfarbe normalisiert und wir sind wieder in unseren alten Rollen: ein professionelles Team, bereit für die nächste Herausforderung.

Folge 3 der Gründerkolumne: Wofür steht eigentlich Coldplasmatech und was ist so neu an dieser Technologie?

Foto: Coldplasmatech