Im ersten Teil dieser Serie habe ich die Gründe für die zunehmend gute „Gründerstimmung 2.0“ analysiert. Abschließend wurde klar, dass derzeit innerhalb eines kleinen „Insiderkreises“ – vorwiegend im Web(2.0)-Umfeld – eine sehr optimistische Gründerstimmung vorherrscht, man dieses Meinungsbild aber keineswegs auf einen breiteren Teil der Gesellschaft übertragen kann. Es scheint als hätte sich mit der kleinen aber wachsenden Anzahl von Gründern und Gründungsinteressierten eine Avantgarde herausgebildet, welche die Chancen der Zeit erkannt hat und für sich (und damit indirekt auch für die Gesellschaft) nutzen will.

Es stellt sich die Frage, was diesen noch kleinen Personenkreis auszeichnet und wodurch er sich (idealtypischerweise) vom Rest der Gesellschaft unterscheidet.

Es lassen sich bei Gründern allgemein einige klassische „Unternehmer-Eigenschaften“ ausmachen, die relativ zeitstabil sind und auch in der wissenschaftlichen Literatur zum Thema (unter teils anderen Bezeichnungen und Aspekten) oder auf einigen Blogs immer wieder diskutiert werden. Hinzu kommen im Web(2.0)-Umfeld jedoch noch einige Besonderheiten, die auffällig viele der aktuellen Gründer auf sich vereinen.

Klassische, allgemeine Unternehmer-Eigenschaften

  • Risikobereitschaft
  • Selbstvertrauen
  • Unabhängigkeitsstreben
  • Führungswille
  • Leistungswille

Spezifische Gründer-Merkmale im Web(2.0)-Umfeld

  • Technologie-Affinität
  • Kommunikativität
  • Ungeduld
  • Intuition
  • Gespür für die aktuellen unternehmerischen Chancen

Klassische, allgemeine Unternehmer-Eigenschaften

Risikobereitschaft

Risikobereitschaft ist unbestritten eine der Grundvorraussetzungen für Unternehmertum und einer der Klassiker unter den Eigenschaften, die Unternehmern im besonderen Maße zugerechnet werden.

Selbstvertrauen

Risikobereitschaft steht in einem engen Zusammenhang mit dem Selbstvertrauen, das hier speziell als Vertrauen in die eigenen gründungsrelevanten Fähigkeiten interpretiert wird. Je größer das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten umso geringer das empfundene Risiko einer Gründung. Je größer andererseits die Risikobereitschaft, desto eher wird man trotz nicht völlig ausgeräumter Zweifel an der eigenen Leistungsfähigkeit gründen. Es muss daher eine geeignete Kombination aus Risikobereitschaft und Selbstvertrauen im Charakterprofil von Gründern vorliegen.

Das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten ist aus 2 Gründen entscheidend: Zum einen muss dieses Grundvertrauen vorhanden sein um sich zuzutrauen die eigene Geschäftsidee zum Erfolg zu führen. Ebenso wichtig ist meiner Meinung nach aber ein 2. Aspekt. Trotz bester eigener Fähigkeiten ist jegliches Unternehmertum auch immer mit der Gefahr des Scheiterns verbunden. Vorraussetzung für die Entscheidung zu einer Unternehmensgründung ist deshalb vor allem auch ein Grundvertrauen, dass man das Scheitern einer unternehmerischen Idee aus eigener Kraft überwinden kann und gestärkt durch neue Kontakte und Erfahrungen daraus hervorgeht. Prominente Beispiele für Gründer die nicht im 1. Anlauf dauerhaften Erfolg hatten, sind beispielsweise Lars Hinrichs (XING) und auch Lukasz, der vor Spreadshirt schon mit 2 Gründungen Erfahrung sammeln konnte.

Unabhängigkeitsstreben

Ein weiterer Charakterzug in dem sich Gründer häufig von Nicht-Gründern unterscheiden ist das Streben nach Unabhängigkeit. Eigene Entscheidungen zu treffen und mit den Konsequenzen zu leben müssen ist deshalb für typische Gründerpersönlichkeiten ein Segen und keine Last. Viele junge Gründer die ich kenne, pflegen dann auch einen Lebensstil, der sich in kein klassisches 9-to-5-Angestellten-Schema pressen lassen würde. (Stichwort: Work hard, play hard…)

Führungswille

Der Wille bzw. auch die Fähigkeit andere Menschen zu führen, ist bei Unternehmern jeglicher Branchen überdurchschnittlich stark ausgeprägt.

Leistungswille

Warum wird man überhaupt Unternehmer und ist bereit einen wesentlichen Teil seiner Freizeit zu opfern? Bei vorhandenem Talent könnte man doch auch mit mittlerem Engagement ein sorgenfreies und entspannteres Leben als Angestellter in einem Großkonzern oder einer Behörde führen.
Bei nahezu allen Unternehmern findet sich ein deutlich ausgeprägterer Leistungswille als in der übrigen Bevölkerung. Unternehmer haben in der Regel den starken Willen mehr zu erreichen, als für ein materiell sorgenfreies Leben nötig wäre. Nicht allein der Erfolg und das Genießen der Früchte der Arbeit ist hierbei immer das Ziel. Schon der Weg dahin macht vielen Unternehmern aufgrund Ihres Leistungswillens und intrinschen Schaffensdranges Spaß, wie zum Beispiel Markus Eichinger von Amiando betont.

Spezifische Gründer-Eigenschaften im Web2.0-Umfeld

Die aktuelle Gründergeneration im Web2.0 weist neben allgemeinen unternehmertypischen Merkmalen tendenziell noch einige spezielle Besonderheiten auf, die sie von Nichtgründern oder von Unternehmern in weniger dynamischeren Branchen unterscheidet.

Technologie-Affinität

Eine der wesentlichen Funktionen von Unternehmern ist es neue technologische und gesellschaftliche Entwicklungen als Erste zu erkennen und für sich und andere nutzbar zu machen. Der derzeitige Gründerboom im Web2.0 ist stark von den vorangegangenen Technologiesprüngen (z.B. Breitband) und Änderungen des Nutzerverhaltens (mitmachen statt reinem konsumieren, Aufbau einer Online-Identität statt anonymen Surfen) getrieben. Insbesondere bei Gütern mit starken Netzeffekten (z.B. Communities) ist ein früher Markteintritt extrem wichtig. Beste Vorraussetzung um technologische und gesellschaftliche Trends frühzeitig zu erkennen ist ein aktives und besonders frühzeitiges Involvement in die Entwicklungen. Bei vielen der derzeitigen Web2.0-Gründern läßt sich daher eine ausgeprägte Technologie-und insbesondere Internet-Affinität im Sinne klassischer „Early Adopter“ erkennen.

Kommunikationsfähigkeit

Innerhalb der Internet-Gründerszene läßt sich eine im Vergleich zu anderen Unternehmern und Nichtgründern überdurchschnittlich gut entwickelte Kommunikationsfähigkeit und ein stark erhöhtes Interesse an Vernetzung beobachten. Dies spiegelt sich nicht zuletzt in der Nähe zur Blogosphäre wieder, die sicherlich in keinem anderem Wirtschaftsbereich so groß ist. Auch die stark überdurchschnittlichen Kontaktanzahlen auf XING sind ein guter Indikator hierfür, wenngleich bei beiden Beobachtungen natürlich auch eine Verzerrung aufgrund der naturgemäß gegebenen Internet-Affinitität von Web-Gründern anzunehmen ist. Die Gründe für die überdurchschnittlich hohe Kommunikationsfähigkeit vieler Gründer, sind u.A. in den Branchencharakteristika des Internets zu suchen: Die Schnelllebigkeit und Informationsbasiertheit des Internetsgeschäfts führt dazu, dass die frühzeitige Kenntnis aktueller Marktentwicklungen noch stärker als in anderen Branchen erfolgsentscheidend ist. Hinzu kommt, dass Internet-StartUps in der Regel von einem Gründungs-Team initiert werden. Gründer mit guten Kommunikationsfähigkeiten haben durch die bessere Vernetzung daher erhebliche Wettbewerbsvorteile gegenüber „Eigenbrötlern“ . Folgerichtig tummeln sich in der Internet-Gruenderszene auch überdurchschnittlich kommunikative und offene Persönlichkeiten.

Ungeduld

Bei sehr vielen Internet-Gründern läßt sich auch ein ausgeprägter Hang zur Ungeduld feststellen bzw. der Wunsch typische „Karriere“-Schritte deutlich schneller als üblich zu absolvieren. Das Internet bietet hier im Vergleich zu klassischen Branchen mit den deutlich schnelleren Wachstumschancen hervorragende Möglichkeiten die eigenen Ziele im Schnelldurchlauf zu erreichen. Statt vieler kleiner Karriereschnitte als Angestellter bzw. einem langsamen Unternehmensaufbau wie er in anderen Branchen vorherrschend ist setzen viele der Web2.0-Gründer dagegen auf die Chance einen schnellen, großen Wurf zu landen. Dominik von Youmix.de hat es so formuliert: „Einer der Gründe warum ich ein Internet-Unternehmen gründen wollte, war die Chance meine Ziele deutlich schneller als üblich zu erreichen. Statt der Karriere-Leiter nehme ich lieber den Aufzug.“

Intuition

Hochdynamische Branchen wie das Internet erfordern Gründerpersönlichkeiten, die geeignet und gewillt sind besonders schnelle und pragmatische Entscheidungen treffen. Anders als in weniger dynamischen Branchen wie z.B. Versicherungen bleibt selbst vor wichtigsten Entscheidungen selten Zeit für großangelegte Marktstudien oder aufwändige Modellierungen. Erfolg haben daher die Unternehmer, denen es gelingt schnelle und trotzdem gute Entscheidungen zu treffen. Intuitives Gespür für die Märkte ist daher für Internet-Gründer noch wichtiger als für Unternehmer in weniger dynamischen Märkten. Dies spiegelt sich tendenziell auch in den anzutreffenden Gründer-Charakteren wieder, die häufig zu intuitiven Entscheidungen und pragmatischen Lösungen neigen.

Gespür für die aktuellen unternehmerischen Chancen

Die Entwicklung des Internets stellt eine historisch seltene Chance für Unternehmertum und die Verwirklichung eigener Ideen dar.
Noch nie zuvor in der Wirtschaftsgeschichte war es möglich mit vergleichsweise wenig Kapital innerhalb sehr kurzer Zeit derart große Märkte zu bedienen. Wer heute eine gute Idee und die Fähigkeiten zur Umsetzung hat, kann schon innerhalb von 1-2 Jahren zum nationalen oder internationalen Player aufsteigen. Das Chancenverhältnis zwischen Anstellung und Gründung hat sich daher in der Netzwirtschaft zu Gunsten des Unternehmertums gewandelt. Die verbesserte Wahrnehmung der Chancen führt dazu, dass nun auch Charaktere gründen, die zu weniger guten Zeiten vielleicht eher noch ein Angestellten-Verhältnis angestrebt hätten. Viele der heutigen Internet-Gründer zeichnen sich deshalb vor allem auch dadurch gegenüber Nichtgründern aus, dass sie das unternehmerische Gespür für die einmaligen Chancen haben, die sich derzeit bieten. Hätten mehr Menschen das Gespür für diese Chancen, gebe es auch mehr Gründer. Aufgrund der genannten sonstigen Anforderungen bzw. erforderlichen Motivstrukturen dürfte der Kreis der potentiellen Gründer aber selbst dann überschaubar bleiben, wenn mit der Zeit breitere Bevölkerungsschichten die derzeit guten Chancen für (Web)-Gründer wahrnehmen.

[jan]