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Günter Faltin ist in Deutschland so etwas wie eine Gründerlegende. Er hat vor über 30 Jahren die Teekampagne ins Leben gerufen, an der Freien Universität Berlin hat er den Arbeitsbereich Entrepreneurship aufgebaut, mit „Kopf schlägt Kapital“ eines der wichtigsten deutschsprachigen Bücher über Gründertum verfasst. „Wir sind das Kapital“ heißt sein neues Werk, das wir hier in Auszügen dokumentieren.

Der Gedanke, dass das Entrepreneurial Design stimmig zu Ihrer Person sein sollte, ist keineswegs selbstverständlich.

Das Prinzip der opportunity recognition, das die amerikanischen Lehrbücher zu Entrepreneurship dominiert, hat wenig oder überhaupt nichts mit der Person des Gründers zu tun. Die Frage „Passt die sich abzeichnende Gelegenheit auch zu meiner Person?“ wird gar nicht erst gestellt. Die Gelegenheit sei das Wertvolle, stehe im Mittelpunkt und nicht Sie als Person. Die Gelegenheit gelte es zu ergreifen, rasch, bevor andere es tun. Auch bei den Förderprogrammen geht es nicht um Sie, Ihre Talente oder Ihre persönlichen Vorlieben. Die staatlichen Programme haben den Beschätigungseffekt Ihrer Gründung im Auge. Sei es, weil man hofft, dass Sie als Arbeitsloser selbständig tätig werden, sei es, dass man hofft, dass durch Ihre Gründung weitere Arbeitsplätze entstehen.

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Auch Kapitalgeber tragen nicht Ihre persönlichen Anliegen im Herzen. Sie wollen Erfolge sehen. Venture Capital setzt Ihnen milestones, die Ihnen den Takt vorgeben. Schnelles, hohes Wachstum ist das Ziel. Wehe, Sie schaffen es nicht. Dann wird der 110-Seiten-Vertrag, den gewiefte amerikanische Juristen aufgesetzt haben, gegen Sie exekutiert. Ich bedaure die Gründer, die mehr Zeit mit der Vorbereitung von Finanzierungsrunden verbringen als mit der Arbeit am Entrepreneurial Design.

Und die Gründer selbst? Gehen Sie von der eigenen Person aus? Keineswegs. Die Vorstellung, dass erfolgreiches Gründen mit einer zündenden Idee zu tun hat, ist tief verankert. So, als käme es auf den Einfall an, so, als würde ein genialer Blitz Licht ins Dunkel der Möglichkeiten bringen. Damit kommen Sie nicht weiter. Das, was wir über geniale Erfindungen oder bahnbrechende Ideen kennen, ist meist das Ergebnis langjährigen Bemühens und hartnäckig-konsequenten Bearbeitens eines Problems. Der Genieblitz steht, wenn überhaupt, am Ende, nicht am Anfang dieser Arbeit.

Eine Variante dieser Art von Fragen, etwa im IT-Sektor, heißt: „What’s the next big thing?“ Wie kann ich dabei sein? Nichts gegen den großen Traum. Träumen ist gut. Aber stimmt der Fokus? Ist es auch mein Traum? Sind meine Neigungen, Talente oder Wünsche darin enthalten? Statt in der großen Herde mitzurennen und deren Traum hinterherzulaufen?

Forget about the next big thing. Sie sind es – that’s the big thing.

An der Person des Gründers vorbeizudenken, wäre ein schwerer Fehler. Ja, ich weiß – man macht das beim Entrepreneurship nicht. Die Person in den Mittelpunkt rücken. Wo kämen wir da hin? Es geht doch um den Markt. Es geht darum, etwas anzubieten, was von den Marktteilnehmern gebraucht und nachgefragt wird.

G Tipp – Lesenswert bei Gründerszene Was Gründer brauchen – Günter Faltin im Gespräch

Überlegen wir einen Augenblick. In der Tat ist es richtig, dass es auf den Markt ankommt. Aber widerspricht das notwendig der Auffassung, den Gründer und seine persönlichen Neigungen in die Betrachtung mit einzubeziehen? Wenn es um die Wahl des Berufs geht, gehen wir doch auch von der Person aus, auch wenn im Markt für andere Berufe momentan mehr Nachfrage besteht. In Sachen Berufswahl leuchtet uns unmittelbar ein, dass wir nicht den Menschen beiseiteschieben können. Warum also nicht auch bei der Wahl des Gebietes, auf dem ich mich als Gründer betätigen will? Entrepreneurship ist auch ein Beruf, allerdings mit der Chance, näher an der Vorstellung von „Berufung“ zu sein als in abhängiger Beschäftigung.

Das Konzept muss stimmig zum Markt sein – richtig. Aber wenn es nicht auch stimmig zur Person des Gründers ist, laufen wir Gefahr, dass die Energie, die Leidenschaft und die Ausdauer nicht ausreichen, den langen Weg vom ersten Einfall zum ausgereiften Konzept, zur erfolgreichen Markteinführung und schließlich zum Aufbau und Wachstum eines erfolgreichen Unternehmens gehen zu können.

Von Malcolm Gladwell stammt die These, dass es mindestens 10.000 Stunden Beschäftigung mit einem Thema braucht, um Meisterschaft in einem Fachgebiet zu erreichen. So viele Stunden – wie soll man die Zielstrebigkeit und Selbstdisziplin aufbringen, wenn das gewählte Gebiet den eigenen Neigungen nicht wenigstens in Teilen entspricht und Freude macht? Überfordern wir uns nicht zwangsläufig?

Die meisten Menschen, die ich getroffen habe, glauben, dass man als Gründer eiserne Disziplin mitbringen müsse. Das ist nur halb richtig. Ja, Disziplin braucht es, aber noch wichtiger ist Begeisterung. Wenn es nur Disziplin ist, die uns zur Arbeit bringt, halten selbst willensstarke Menschen nicht lange durch. Begeisterung ist das bessere Element. Es lässt uns die Mühen und Anstrengungen – wie beim Sport – leichter wegstecken, ja oft gar nicht als solche empfinden. Ein Meister dieses Themas: Eberhard Wagemann, Steuerberater, Unternehmenssanierer und Extremmarathonläufer (270 Kilometer durch die Wüste). Wie wir aus Grenzerfahrungen lernen und unseren Körper und Geist besser verstehen können. Wagemann – nomen est omen.

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Julia Cameron beschreibt in ihrem Buch „Der Weg des Künstlers“ dieses Phänomen am Beispiel der künstlerischen Arbeit. Begeisterung sei wichtiger als Disziplin. Enthusiasmus (das aus dem Griechischen stammende Fremdwort für Begeisterung) sei eine dauerhafte Energiequelle. Sie gründe sich auf Spiel, nicht auf Arbeit. Der Künstler in uns sei in Wirklichkeit unser inneres Kind, unser innerer Spielkamerad. Wie bei allen Spielkameraden sei es Freude und nicht Plicht, die eine dauerhafte Bindung schaffe. Was andere Menschen vielleicht für Disziplin hielten, sei in Wirklichkeit eine Verabredung zum Spielen, die wir mit unserem „KünstlerKind“ getroffen hätten. Sie – Cameron – sei im Laufe ihrer Arbeit zu der Überzeugung gelangt, dass Kreativität unsere wahre Natur sei.

„Wenn Du das zu Deiner Aufgabe machst, was Dir Spaß macht, brauchst Du Dein Leben lang nicht zu arbeiten.“

Der Satz wird Konfuzius zugeschrieben. Eine Provokation für westliches Denken. „Im Schweiße Deines Angesichts sollst Du…“, klingt uns in den Ohren. Aber Konfuzius’ Satz sollte auch für Sie von zentraler Bedeutung werden. Niemand, wirklich niemand kann Sie zwingen, einer Tätigkeit nachzugehen, die Ihnen nicht liegt, die Ihnen keine Befriedigung gibt. Lassen Sie sich nicht länger bestechen. Die Lohntüte ist ein schlechter Ersatz für ein fremdbestimmtes, vielleicht sogar nicht gelebtes Leben. Jedenfalls eines, welches das, was als Potenzial in Ihnen steckt, nicht ausschöpft.

So wie wir uns die eigene Wohnung nach den eigenen Bedürfnissen einrichten und einen Partner suchen, der zu uns passt, so müssen wir uns auch unser ureigenes Entrepreneurial Design zu formen versuchen. Jedenfalls sollten wir das als Idealkonstruktion vor Augen haben. Klar, dass wir Abstriche machen müssen. Schließlich finden wir im realen Leben auch nicht den idealen Partner, die zu 100 Prozent passende Wohnung, sind uns Einrichtungsgegenstände zu teuer.

Sei Du selbst – wage es, anders zu sein.

Es gibt keinen Grund, sich vom eigenen Weg abbringen zu lassen.

Günter Faltin: Wir sind das Kapital. Erkenne den Entrepreneur in Dir. Aufbruch in eine intelligentere Ökonomie. Murmann Verlag 2015, gebunden, 288 Seiten, 22 Euro.

Wir verlosen drei Exemplare des Buches unter allen Lesern, die unten in den Kommentaren darlegen, warum gerade sie das Buch verdient haben. Viel Erfolg!

Bild: Murmann Publishers GmbH