hamburg gründerszene analyse

Wo ein Handschlag noch etwas zählt

Es gibt ihn nicht, den Kampf zwischen Hamburg und Berlin, den Fight um die Startup-Krone. Zu unterschiedlich sind die Städte, zu verschieden die Branchen. Aber allein die räumliche Nähe – gerade eineinhalb Stunden mit dem ICE sind es von Hauptbahnhof zu Hauptbahnhof – macht die beiden Städte zu natürlichen Standort-Konkurrenten. Höchste Zeit also, sich die Hamburger Gründerszene mal genau anzusehen.

Um die Stimmung im Norden zu verstehen, lohnt es sich, einen kleinen Schritt zurück zu treten, sich anzuschauen, in welcher Tradition die Wirtschaft in der Hansestadt steht. Seit der Geburtsstunde des Hamburger Hafens im Jahre 1189 sind die Schiffe, die Kais und später die Containerterminals der Dreh- und Angelpunkt nahezu aller Geschäfte, die man in der Stadt machen konnte. Der Hafen hat die Hamburger Kaufleute berühmt und reich gemacht – und so die hanseatischen Tugenden geprägt, das Bild vom ehrbaren Kaufmann, bei dem ein Handschlag noch etwas zählt.

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Auch wenn sich die Geschäftsbereiche gewandelt haben – Hamburg ist längst nicht mehr bloß Umschlagsort für große Warenmengen – das Klima ist das gleiche geblieben. Das gilt auch für Startups. „Hamburg schreit nicht so wie zum Beispiel Berlin“, sagt etwa Tobias Seikel von Hanse Ventures. Der Inkubator mit Blick auf die Hafencity hat sich nach einigen turbulenten Anfangsjahren, insbesondere mit dem Aus von Gigalocal und dem Abgang von Sarik Weber als Geschäftsführer, inzwischen neu aufgestellt und scheint zu funktionieren: Eine zweite Management-Ebene wurde eingezogen und der Fokus, so Seikel, auf „prima, solide Arbeit ohne Hype“ gelegt – ganz im Geist der hanseatischen Kaufleute.

Post-Dotcom-Dornröschenschlaf

Ortstermin beim Hamburg Startups Mixer, einem klassischen Networking-Event. Auch hier wird man den Eindruck nicht los, dass es solider zugeht als anderswo. Sicher, nicht nur in Hamburg werden Visitenkarten getauscht und wird über Geschäftsmodelle gesprochen – aber hier ist die Anzugträgerquote höher, die Musik gedämpfter und das Wasserfach im Kühlschrank schneller leer als das Bier. Die Atmosphäre ist nicht unlocker, aber eben professionell. Die Betonung liegt auf Networking, nicht auf Party.

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Das Event ist organisiert von Hamburg Startups, einer Initiative um Business Angel und Unternehmer Tim Jaudszims, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Hamburger Gründer zusammen zu bringen und den Startup-Standort sichtbarer zu machen. Denn nicht nur im Umgang mit den hanseatischen Tugenden der Zurückhaltung ist sich die Szene einig, sondern auch darin, dass Hamburg als Gründerstadt eigentlich unterschätzt wird. „Was Hamburg gebrauchen kann, ist sicherlich mehr Selbstbewusstsein“, sagt auch Carsten Brosda, Leiter des Amts für Medien der Stadt Hamburg und Träger sperrigen Titels „Bevollmächtigter des Senats der Freien und Hansestadt Hamburg für Medien“.

Das liegt auch am Stadtmarketing: Während Berlin sich als „arm, aber sexy“ feiern ließ und der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit sich – ohne viel eigenes Zutun – zum besten Freund der deutschen Startup-Szene aufschwingen konnte, verschliefen es das Hamburger Stadtmarketing, den Standort in Szene zu setzen. Und so verfiel die Stadt, die einst unangefochtener Medien-Standort Nummer eins war, mit dem Ende des Dotcom-Hypes gewissermaßen in einen Dornröschen-Schlaf. Geblieben sind allein die hohen Büromieten.

„Hamburg ist Kreativindustrie für Erwachsene“

Dabei kommt man gerade in der Digitalwirtschaft an Hamburg nicht vorbei. XingJimdo, Metrigo; Die Liste der erfolgreichen Gründungen ist lang – aber kaum sexy. Vieles spielt sich im B2B-Bereich ab, viele setzen auf Geschäftsmodelle, die mehr als einen Satz an Erklärung benötigen. Auch das ein Grund, warum Hamburg hinter Berlin zurückstecken muss, was das Image angeht – das hilft’s auch nicht viel, dass mit Facebook und Google zwei massive Schwergewichte lieber nach Hamburg als nach Berlin gezogen sind.

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„Wir haben eine Kultur der Gründer, die weniger Exit- und VC-getrieben ist. Die Unternehmer setzen auf gesundes Wachstum, quasi digitaler Mittelstand“, sagt Brosda. „Wer hier gründet, gründet weil er will – nicht weil er muss.“ In die gleiche Kerbe schlägt das Hamburger Urgestein Nico Lumma. Er sagt: „Hamburg ist Kreativindustrie für Erwachsene. Die Stadt ist transaktionsgetrieben und näher dran am Geld.“ In Berlin, so Lumma, schaue man auch mal auf das USA-Modell: Reichweite generieren, Kunden gewinnen, dann schauen, wie man damit Geld verdient. „Hier in Hamburg funktioniert vor allem, was von Beginn an monetarisiert“, sagt Lumma.

Das Geld spielte eben schon immer eine wichtige Rolle an Elbe und Alster. Vielleicht auch, weil es davon so viel gibt. Das maritime Geld prägt die Stadt nach wie vor, nirgendwo in Deutschland leben mehr Euro-Milliardäre auf einem Fleck als in Hamburg. Trotzdem ist es schwierig für junge Gründer, an Kapital zu kommen – zumindest unter bestimmten Bedingungen. „In der Seed-Runde ist in der Regel ausreichend Geld da. Und zum Zeitpunkt des Exits auch. Was unterrepräsentiert ist, sind die Zwischenrunden, die A- und B-Finanzierungen“, erklärt Seikel.

Immobilien statt Startup-Risiko

Häufig mangelt es einfach an Risikobereitschaft und Vertrauen: Für die reichen Familien, die ihr Vermögen noch in der „alten“ Hamburger Wirtschaft gemacht haben, ist ein Investment in ein junges Unternehmen offenbar selten eine Option. Hanseatisch investieren heißt eben auch solide und das heißt heutzutage: Immobilien. „Die Gefahr des Verlusts schreckt die alteingesessenen Kaufleute vielleicht ab“, sagt Seikel. Doch die Hoffnung, den maritimen Reichtum für zukünftige Investitionen zu lockern besteht bei Hanse Ventures trotzdem. „Hier wächst gerade eine neue Generation nach“, glaubt Seikel.

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In der Tat, gerade die reichste Hamburger Kaufmannsfamilie Otto betrachtet Angriffe auf ihr klassisches Businessmodell nicht mehr nur als Bedrohung und investiert kräftig in neue Ideen. Gerade ist das Otto-eigene Projekt Collins mit zwei Online-Shops für modebewusste Frauen an den Start gegangen. Andere Family Offices bekommen von den Investitionslücken in der Wachstumsphase womöglich gar nichts mit. Für einen systematischen Austausch zwischen alter und neuer Wirtschaft fehlt es an einer Plattform, hier könnte die Stadt als Mittler einspringen. Zu sehr in die Vermarktung neuer Gründungen einmischen möchte sich der Senat aber nicht. „Wir als Stadt haben bewusst nicht den Masterplan“, sagt Brosda, der Medien-Beauftragte. Authentisch sei es nur, „wenn es aus der Szene selbst kommt“.

 

Die wichtigsten Startup-Köpfe Hamburgs gibt es hier in einer Bildergalerie. Wen vermisst Ihr? Schreibt die Namen in die Kommentare!

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Philipp Westermeyer. B2B-Online-Marketing ist eine erfolgsversprechende Branche, aber nicht gerade sexy. Trotzdem - oder vielleicht gerade deshalb - lässt Westermeyer sich immer wieder etwas einfallen, um die Aufmerksamkeit auf sich und seine Firmen zu lenken. Neuester Coup: Onlinemarketing Rockstars Daily, ein etwas anderes Branchenmedium.

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