„Neue und gute Ideen entstehen nur dann, wenn der Kopf klar ist“

Weniger Stress, mehr Geduld, mehr Gelassenheit – das verspricht Andy Puddicombe (41), Gründer von Headspace (www.getsomeheadspace.com), den Nutzern seines Programms. Zehn Minuten pro Tag sollen reichen, sagt er. Headspace basiert auf dem Mindfulness-Konzept (deutsch: Achtsamkeit), von dem Wissenschaftler immer mehr überzeugt sind und das es kürzlich auf die Titelseiten des Time Magazine und der Zeit schaffte.

Das Headspace-Programm ist dabei so einfach zu nutzen, dass Puddicombe dazu beitrug, Meditation gesellschaftsfähig zu machen – prominente Schauspieler und Unternehmer wie Gwyneth Paltrow oder Arianna Huffington schwärmen öffentlich davon. Mittlerweile soll Headspace, das es auch als App für iOS und Android gibt, mehr als eine Million Nutzer in der ganzen Welt haben. Der Wert des Unternehmens wird auf über 40 Millionen US-Dollar geschätzt.

Andy, fangen wir mit deinem persönlichen Werdegang an. Du hast mit 22 Jahren deine Heimat England verlassen, um in ein buddhistisches Kloster zu gehen. Warum?

Ich habe bereits in jungen Jahren meditiert. Als ich mit Anfang zwanzig Sportwissenschaften studierte, war ich – wie wahrscheinlich viele junge Menschen in dem Alter – ziemlich durcheinander und von meinen Emotionen überfordert. Natürlich war die Studienzeit auch lustig. Ich bin viel feiern gegangen, habe getrunken, mich mit Mädchen getroffen – aber irgendwie habe ich nicht meinen Seelenfrieden gefunden. Deswegen entschied ich mich dazu, in ein Kloster zu gehen, um meditieren zu lernen.

Zehn Jahre später bist du zurückgekehrt und hast Headspace entwickelt. Was hat sich in der Zeit für dich geändert?

Ich führe auch heute ein normales Leben, gehe jeden Tag zur Arbeit und bin verheiratet. Aber meine Wahrnehmung der Dinge hat sich verändert. Früher bin ich in bestimmten Situationen sehr nervös geworden und habe viele Dinge immer sehr ernst genommen. Jetzt, wo ich meditiere, fühlt sich alles sehr viel einfacher und leichter an. Das Leben ist eben manchmal großartig und manchmal schwer, aber mit den Tiefpunkten kann ich jetzt viel besser umgehen. Durch Meditation habe ich sehr viel Stabilität in mein Leben gebracht, weil ich nicht mehr so emotional bin.

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Also bist du auch deutlich weniger gestresst?

Nicht nur das. Ich schlafe auch viel besser, ich führe bessere Beziehungen mit anderen Menschen, bin geduldiger, offener und verständnisvoller. Dadurch verändert sich natürlich auch mein Führungsstil, weil ich viel offener meinen Mitarbeitern gegenüber bin und ihnen besser zuhöre. Normalerweise sind wir so in unseren eigenen Gedanken gefangen, dass wir nur an uns selbst denken. Meditation macht es möglich, sich davon zu lösen und besser mit anderen zu kommunizieren.

Bevor es Headspace als App gab, habt ihr Headspace-Events in London veranstaltet. Wer waren eure ersten Kunden?

Die meisten Teilnehmer waren zwischen 20 und 40 Jahre alt. Die Leute haben schnell gefragt, ob wir unser Material nicht digital zur Verfügung stellen können – dann haben wir mit Podcasts angefangen und irgendwann wurde es die App, die es jetzt ist. Mittlerweile gibt es beim Alter unserer Nutzer kaum Grenzen – einige sind erst vier oder fünf Jahre alt und nutzen es mit ihren Eltern, andere sind über neunzig. Manche von ihnen wollen mit Meditation psychische Probleme bekämpfen, andere wollen ihre Leistung oder ihren Fokus verbessern, wieder einige ihre Beziehung.

Meditation liegt im Trend – auch Google bietet Kurse an. Sind immer mehr Leute gestresst oder verlieren den Fokus?

Einerseits würde ich sagen: Nein, schließlich meditieren die Menschen schon seit 3000 Jahren und hatten schon damals einen Grund dafür. Andererseits würde ich sagen: Ja, mehr Leute sind gestresst oder fühlen sich belastet, weil sie viel beschäftigter sind und mehr Verantwortung übernehmen. Außerdem gibt es weniger Gemeinschaftsgefühl in unserer Gesellschaft, deswegen fühlen sich die Menschen schneller alleine.

Welche Rolle spielt die häufige Nutzung von Smartphones und Laptops?

Ich befürchte, dass die meisten Leute ziemlich überfordert sind mit der Masse an Technologie im alltäglichen Leben. Das Problem sind aber nicht die vielen E-Mails oder Social Media. Das Problem ist, dass wir die Technologien falsch nutzen. Heutzutage zücken wir unser Smartphone in jeder freien Minute und checken unsere Mails oder Facebook. Das führt dazu, dass Menschen viel angespannter sind. Früher hat man seine Gedanken in diesen Minuten kurz schweifen lassen und sich entspannt.

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Auch im Silicon Valley ist Meditation ein großer Trend.

Das Silicon Valley ist wie ein Schmelzpunkt, wo alles zusammenkommt und wo so viel entsteht. Deswegen sind die Leute dort natürlich sehr gestresst. Hinzu kommt, dass die Menschen dort sehr fortschrittlich denken und gerne neue Sachen ausprobieren. Sehr viele CEOs oder Gründer haben uns erzählt, dass sie schon seit vielen Jahren meditieren. Aber natürlich wurde noch eine Welle ausgelöst, als Leute wir Arianna Huffington, die Jungs von Twitter oder Loic Le Meur von LeWeb erzählten, dass sie meditieren und Headspace nutzen.

Wenn Gründer oder CEOs eine Einführung in die Meditation haben wollen, was sagst du ihnen?

Ich erkläre ihnen, dass neue und gute Ideen nur dann entstehen, wenn der Kopf klar ist. Durchs Meditieren kann man seinen Geist so trainieren, dass man Probleme schnell und effizienter lösen kann. Die Burnout-Rate bei Gründern ist riesig, weil es so unglaublich viel Energie fordert, ein Unternehmen am Laufen zu halten. Natürlich sind die meisten Gründer unglaublich schnell und intelligent. Aber auch wer ein tolles Gehirn hat, sollte es nicht ununterbrochen nutzen – sonst geht es auf jeden Fall kaputt. Es ist total wichtig, jeden Tag intensive Pausen zu machen.

Gründer und CEOs haben viel zu tun. Wie viel Zeit kostet es, Headspace zu nutzen?

50 Prozent unserer Nutzer meditieren einmal in drei Tagen mit unserem Programm. Das Feedback unserer Nutzer zeigt uns, dass je regelmäßiger sie meditieren, desto besser können sie mit schwierigen Situationen umgehen. Mit Meditieren sollte man dann anfangen, wenn das Leben gerade leicht und einfach ist. Allen Skeptikern kann ich nur sagen, dass sie Headspace zehn Tage lang für jeweils zehn Minuten umsonst testen sollen. Das sind hundert Minuten im Leben, die einen riesigen Unterschied machen können.

Bild: Andy Puddicombe