Welldoo-Geschäftsführerin Inga Bergen

Der Gesundheitsminister hat kürzlich vor den Produkten von Welldoo gewarnt. Indirekt. Im Juni sagte Hermann Gröhe, jeder müsse wissen, dass über Gesundheitsapps persönliche Daten ins Internet gelangen könnten. Das Berliner Unternehmer Welldoo entwickelt solche Apps: Insgesamt 176 digitale Gesundheitsprogramme für den Desktop oder als App hat Welldoo auf den Markt gebracht. Zu den Kunden gehören gesetzliche Krankenkassen und internationale Pharmaunternehmen.

Nach dem Vorschuss der AOK Nordost, Fitnesstracker wie die Apple Watch finanziell zu fördern, entbrannte eine Debatte über Datensicherheit. In den Facebook-Kommentaren schrieben Gründerszene-Leser über ihre Ängste – die Vorstellungen reichten bis hin zu einer Gesundheitsdiktatur.

Wir haben der Welldoo-Geschäftsführerin Inga Bergen nun die Frage gestellt, wo unsere Daten aus den Gesundheitsapps eigentlich landen – und wie die Krankenkassen von den Apps profitieren.

Inga, du trägst eine Apple Watch. Würdest du deine Gesundheitsdaten von der Krankenkasse tracken lassen, um einen günstigeren Tarif zu bekommen?

Also, das kommt ganz auf die Bedingungen an. Für ein paar Euro im Monat – keine Chance. Das müssten dann schon so die Hälfte meines Versicherungsbetrages sein. Ich glaube nicht, dass sich die Versicherung darauf einlässt.

Ist das Modell mit einem Fitnesstracker-Tarif nicht die Zukunft?

Ich unterhalte mich regelmäßig mit den Datenschutzbeauftragten der Krankenkassen. Es gibt sicherlich eine Vielzahl an Paragraphen gegen die so ein Modell verstößt. Bei den gesetzlichen Krankenkassen sind die Auflagen besonders streng.

Könntet ihr den Krankenkassen beim Tracken helfen?

Unser Ansatz ist insgesamt ein anderer: Wir wollen dem Kunden helfen, seine Gesundheit eigenverantwortlich zu verbessern, indem wir ihm zeigen, wie viel er sich bewegt oder wie sein gesundheitlicher Zustand ist. Das funktioniert mit allen möglichen Fitnesstrackern wie der Apple Watch. Doch zusätzlich geben wir immer Ratschläge, wie er seinen gesundheitlichen Zustand beispielsweise durch eine bessere Ernährung verändern kann.

Wie kann man Wearables und eure Apps sinnvoll verbinden?

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Das Diabetes-Tagebuch beispielsweise dokumentiert die Blutzucker-Werte. Diese lassen sich per Bluetooth vom Messgerät übertragen. Die Daten kann der Patient dann dem Arzt zeigen. Und der sieht, ob die Insulinmenge richtig eingestellt ist. Wir entwickeln außerdem Apps für Fitnesstracker und Wagen. Personenbezogene Daten gehen dabei weder an den Hersteller noch an die Krankenkassen.

Die Diabetes-App stellt ihr für die Techniker Krankenkasse her. Was ist der Mehrwert für die Versicherung?

Dem Versicherten geht es im Zweifel besser und das ist auch im Interesse der Krankenkassen. In einer anderen App versuchen wir mit Übungen einen Burnout vorzubeugen. Wer an den verschiedenen Programm teilnimmt, bekommt von der Techniker Krankenkasse Punkte gutgeschrieben. Punkte, die ich dann später zum Beispiel für den geplanten Apple-Watch-Zuschuss einlösen kann.

Insgesamt laufen bei euch viele sensible Daten ein. Wie geht ihr damit um?

Die Daten liegen hier bei uns. Wir betreiben einen eigenen Serverpark – da liegen auch keine Daten in der Cloud oder so. Die Krankenkasse bekommt von uns höchstens Reportings, wie viele Nutzer eine App hat. Wir übermitteln den Kassen keine personenbezogenen Daten.

Lassen sich die Daten denn regional zuordnen?

Nein, diese Reportings sind insgesamt ein Nebenprodukt.

Wie du gesagt hast, unterliegen die gesetzlichen Krankenkassen strengeren Regeln. Welldoo arbeitet aber auch für internationale Pharmaunternehmen. Die haben doch sicherlich einen größeren Datenhunger?

Nein, auch hier übermitteln wir keine personenbezogenen Daten.

Warum stecken Pharmaunternehmen überhaupt Geld in die Entwicklung der Apps?

Im Gegensatz zu früher verkaufen die Pharmaunternehmen ihre Arzeimittel nicht mehr direkt an die Ärzte. Stattdessen verhandeln die Unternehmen mit den Kassen über Medikamentenpreise. Dem Arzt bleibt ein kleiner Spielraum ein Medikament auszusuchen. Und in diesem Spielraum muss das Pharmaunternehmen ihm einen Mehrwert bieten. Zum Beispiel, indem es ihm irgendwie Arbeit abnimmt. Etwa durch eine App, die bereits bestimmte Informationen vermittelt. Und die Infos muss er nicht mehr erklären und er spart an Zeit.

Ich lasse mir die Dinge auch gerne vom Arzt erklären. Was ist der Vorteil für mich?

Es bietet den Patienten Orientierung. Nach dem Arztbesuch ist man auf sich gestellt, wenn die Tür der Praxis zu ist. Viele müssen sich sonst durch Internetforen mit oft zweifelhafter Qualität wühlen. Du und ich, wir bekommen das hin, aber Leute mit geringerer Internetaffinität nicht unbedingt. Viele Menschen wissen zum Beispiel nicht, ob sie bei einer chronischen Krankheit Sport machen können oder wie sich sich ernähren sollten – da kann Technik helfen.

Dass heißt bei allen euren Apps übermittelt ihr keinen personenbezogene Daten?

Nein, das machen wir nicht. Mir fällt auch kein Geschäftsmodell im Markt ein, das darauf aufbaut.

Vor 15 Jahren in Berlin als Startup begonnen, entwickelte Welldoo etwa für T-Online einen Gesundheitscoach. Der Verlag Gruner + Jahr kaufte das Startup 2007. Inga Bergen ist seit 2013 die Geschäftsführerin.

Bild: Welldoo