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Der Inhalt der HelloFresh-Kochbox

Vor rund einer Woche erhielt das Rocket-Internet-Venture HelloFresh 85 Millionen Euro an frischem Risikokapital. Das Geld stammt vom schottischen Fonds Baillie Gifford und einem nicht genannten Investor. Und auch wenn die Bewertung des Unternehmens derzeit ein wenig niedriger liegt als noch im vergangenen Jahr – nämlich bei zwei Milliarden Euro – macht das Unternehmen einen dreistelligen Millionenumsatz im Jahr. Zeit, sich die Inhalte der Kochboxen mal genauer anzusehen, die HelloFresh an seine Kunden verschickt.

Was landet da eigentlich auf unseren Tellern? Und: Woher kommt es?

Es ist Donnerstagmorgen gegen halb zehn Uhr, als der Paketbote einen länglichen, braunen Pappkarton in die Redaktion bringt. Wir haben uns eine Box von HelloFresh bestellt, dem Lieferdienst für einkaufsfaule Großstädter, die trotzdem gern am Herd stehen. 39 Euro kostet das Paket mit drei Gerichten, in dieser Woche gibt es Stir-Fry mit Rindfleisch, Putenbrust auf Karotten-Pastinaken-Bett und Halloumi-Burger mit Rote-Bete-Sticks.

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Insgesamt 25 Zutaten befinden sich in dem Paket, sie kommen aus elf Ländern. Jede Woche verpackt Hello-Fresh Hunderte verschiedene Zutaten – in den neun Ländern, in denen das Startup aktiv ist, werden jeweils unterschiedliche Boxen versendet, angepasst an lokale Bedürfnisse und Essgewohnheiten. Man arbeite dafür mit mehreren Hundert Lieferanten zusammen, heißt es von dem Unternehmen.

Neun Logistikzentren, in denen die Waren eingehen und verpackt werden, betreibt HelloFresh auf der ganzen Welt. In Deutschland liegt dieses zentrale Glied der Lieferkette in Verden in Niedersachsen, im Mai übernahm HelloFresh dort einen ehemaligen Verteilerstandort der Supermarktkette Netto. Von wem aber die Produkte stammen und wie sie bis nach Verden gekommen sind, das versuchen wir mit dieser Recherche nachzuvollziehen.

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[1] Asiatische Gemüsepfanne mit Rindfleisch

Diese asiatische Gemüsepfanne hat angesichts der Herkunft der Zutaten nur wenig mit Asien zu tun: Die Paprika kommt aus Spanien, die Frühlingszwiebel aus Deutschland, die Sojasoße aus den Niederlanden. Immerhin: Der Hersteller der Soße ist Kikkoman, eine legendäre japanische Firma mit fast 100-jähriger Geschichte. Seit gut 20 Jahren produzieren die Japaner ihre Produkte für den europäischen Markt im holländischen Sappemeer. Authentisch ist auch das Zitronengras, das aus Thailand stammt. Der Basmatireis wurde nach Bio-Kriterien in Indien am Fuße des Himalajas angebaut. Importiert und verpackt hat den Reis das Bremer Startup Reishunger.

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Die Prinzessbohnen kommen aus dem hessischen Neu-Isenburg: Dort, in unmittelbarer Nähe zum Frankfurter Flughafen, sitzt das Unternehmen Omniflora, das vor allem Schnittblumen aus Kenia einführt. Auf den kenianische Farmen der Omniflora-Mutter James Finlay (eine schottische Handelsfirma, deren Geschichte bis ins Jahr 1756 zurückgeht) wachsen aber auch verschiedene Gemüse- und Kräutersorten. Das Rindergeschnetzelte ist aus der Keule (also dem hinteren Viertel) eines Jungbullen, der in Deutschland geboren, gemästet, geschlachtet und zerlegt wurde. Geschlachtet wurde der Bulle in Bakum bei Vechta, Niedersachsen. Der dortige Schlachtbetrieb Heinz Gausepohl gehört seit 2015 zum Münsteraner Westfleisch-Konzern, von dessen Tochter WestfalenLand Fleischwaren das Tier zerlegt und weiterverarbeitet wurde.

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[2] Putenbrust auf Karotten-Pastinaken-Bett

Bei der Putenbrust auf Karotten-Pastinaken-Bett kommen mehrere Zutaten direkt aus Deutschland: die glatte Petersilie genauso wie die rote Zwiebel und die Karotten. Der Thymian stammt aus Israel, die Limette aus Mexiko. Unklar bleibt die Herkunft von Pastinaken, Knob-lauch und Walnusskernen. Der Schmand wurde von der Privatmolkerei Bauer aus dem oberbayerischen Wasserburg am Inn hergestellt. Die 1887 von Franz Seraph Bauer gegründete Molkerei ist der Kern der heutigen Firmengruppe Bauer, die noch immer in Familienhand ist und beim Fruchtjoghurt in Deutschland einen Marktanteil von etwa zehn Prozent besitzt. Das -Putenbrustfilet hat HelloFresh vom Großhändler Wurst-Fleischwaren-Service (WFS) bezogen. Das 1973 gegründete Unternehmen hat seinen Sitz in Mörfelden-Walldorf, ebenfalls in unmittelbarer Nähe zum Flughafen Frankfurt. Das Tier wurde in Deutschland geboren, gemästet, geschlachtet und zerlegt.

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[3] Halloumi-Burger mit Rote-Bete-Sticks

Die Zutaten für den Halloumi-Burger mit Rote-Bete-Sticks haben überwiegend keinen besonders weiten Weg hinter sich. Die rote Zwiebel und die frische rote Bete kommen aus Deutschland, der Rucola aus Italien. Die Tomate wurde in Belgien gezüchtet. Die Weizenvollkornbrötchen dürften von HelloFresh-Partner Herzberger aus Fulda kommen: Die Bio-Großbäckerei begann 1992, hat heute 200 Mitarbeiter und setzt 25 Millionen Euro vor allem mit der Belieferung des Lebensmitteleinzelhandels um. Der Sauerrahm ist bio – er stammt aus der Berchtesgadener-Land-Molkerei in Piding direkt an der österreichischen Grenze, einer 1927 geformten Genossenschaft. Die dafür verwendete Milch kommt von Bauernhöfen, die dem Öko-Standard Demeter entsprechen.

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Der Halloumi-Käse – der Kuh-, Schafs- und Ziegenmilch enthält – ist ein zyprisches Produkt: Hergestellt in den Anlagen der 1982 gegründeten Firma Zita im Industriegebiet Mesogi nahe der Hafenstadt Paphos. Die Milch stammt laut Unternehmen von lokalen Bauern. Zita exportiert nach Europa, Asien und in die USA. Der Dijon-Senf wurde vermutlich in Belgien angerührt, stammt aber auf jeden Fall von einem absoluten Lebensmittelgiganten: Die Marke Heinz gehört genauso wie Capri-Sonne, Kool-Aid oder Philadelphia-Frischkäse zur 2015 entstandenen Kraft Heinz Company mit Sitz im US-amerikanischen Pittsburgh. Mit mehr als 200 Marken erreicht der Konzern Umsätze im Bereich von knapp 30 Milliarden US-Dollar.

19 – HelloFresh

Wachstumsrate: 363%
Gründungsjahr: 2011
Firmensitz: Berlin
Branche: E-Commerce
Webseite: www.hellofresh.de

Hinweis: Die Originalversion des Artikels erschien Anfang Dezember im Heft des Gründerszene Rankings.

Bild: Chris Marxen / Gründerszene