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Fab-Nachfolger Hem: „Klima der Angst“

Es war im Herbst 2014, als es Fab-Gründer Jason Goldberg aus den USA endgültig nach Deutschland zog. Von Berlin aus wollte Goldberg Hem aufbauen, einen vertikal integrierten Möbel-Anbieter mit eigener Produktion, der x-te Strategieschwenk für Fab, das von einer kleinen Schwulen-Community erst zu einem Flash-Sales-Shoppingclub und dann zu einem klassischen, inventarbasierten Online-Shop für Designprodukte wurde, unterwegs Riesensummen an VC-Geld aufnahm und haufenweise Leute entließ.

Gut möglich, dass Jason Goldberg den Umzug nach Berlin mittlerweile ein wenig bereut. Denn die Belegschaft der Hem GmbH hat sich das weitreichende deutsche Arbeitsrecht zunutze gemacht – und Ende November einen Betriebsrat gewählt, nach Gründerszene-Informationen gegen den Willen Goldbergs. Der Fab-Gründer wehrte sich gegen die Einrichtung einer Arbeitnehmervertretung offenbar sogar mit einem besonders drastischen – und möglicherweise illegalen – Schachzug.

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Goldberg bot am 18. November allen Mitarbeitern, die seit mindestens sechs Monaten im Unternehmen waren, einen Aufhebungsvertrag an. Teil des Angebots: eine Abfindung von vier Monatsgehältern. Der letzte Arbeitstag für Angestellte, die das Angebot annehmen würden, sollte der 28. November sein.

Was für ein Zufall: Für den Betriebsrat wählbar sind laut Betriebsverfassungsgesetz nur Mitarbeiter mit einer Betriebszugehörigkeit von mindestens sechs Monaten. Und die Betriebsratswahl war für den 30. November angesetzt. „Das Ziel war offenbar, dass man diese Leute aus dem Unternehmen haben wollte“, glaubt Markus Hoffmann-Achenbach von der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Er hat die Hem-Mitarbeiter bei der Vorbereitung der Betriebsratswahl begleitet.

CEO Jason Goldberg widerspricht diesem Verdacht gegenüber Gründerszene. Er bestätigt zwar, am 18. November bestimmten Mitarbeitern ein „Voluntary Leave Package“ angeboten zu haben. Aber: „Dies war ein schon lange geplantes Programm, das absolut nichts mit der späteren Bildung eines Betriebsrats zu tun hatte“, so Goldberg.

Gründerszene liegt die betreffende Mail des CEOs vor. Dort ist ausdrücklich von einer Mindestzugehörigkeit von sechs Monaten die Rede. Goldberg betont darin allerdings auch: „Der einzige Zweck des Angebots einer Vertragsauflösung ist sicherzustellen, dass wir Mitarbeiter haben, die allesamt enthusiastisch auf Linie mit den Zielen und Schlüsselresultaten sowie dem Unternehmensauftrag sind.“ Hem, so heißt es im einleitenden Satz der Mail, unterstütze „Iniativen, die ein positives Arbeitsumfeld entwickeln und fördern und durch die Möglichkeiten für Input der Arbeitnehmer bestehen“.

Nach Gründerszene-Informationen galt das Angebot für 20 der damals über 50 Mitarbeiter. Zwölf Angestellte nahmen das Angebot an – damit blieben der Belegschaft gerade mal acht wählbare Kollegen. Vier davon ließen sich aufstellen, damit konnte die Wahl über die Bühne gehen. Seit Ende November hat Hem einen Betriebsrat. Die gewählten Arbeitnehmervertreter wollten gegenüber Gründerszene allerdings keine Stellungnahme zu den Vorgängen abgeben.

Dafür berichtet Verdi-Mann Hoffmann-Achenbach von weiteren Einflussversuchen Goldbergs: „Es gab viel Gegenwind von Seiten des Geschäftsführers. So hat er zum Beispiel sinngemäß gesagt, es gebe ganz viele im Unternehmen, die zufrieden wären und es sei nicht nötig, einen Betriebsrat zu wählen. In Deutschland reicht es aber, wenn drei Arbeitnehmer das wollen. Der Geschäftsführer hat auch den Kandidaten für den Betriebsrat Angebote gemacht, etwa, leitende Angestellte zu werden, damit sie nicht mehr wählbar seien würden.“

Ist Goldbergs Vorgehen illegal? Das Betriebsverfassungsgesetz ist in diesem Zusammenhang eigentlich unmissverständlich: „Niemand darf die Wahl des Betriebsrats durch Zufügung oder Androhung von Nachteilen oder durch Gewährung oder Versprechen von Vorteilen beeinflussen.“ Derartige Vergehen sind laut Gesetz Straftaten. Hoffmann-Achenbach stellt fest: „Die Geschäftsführung hat sich mit ihrem Verhalten auf sehr dünnes Eis begeben.“ Trotzdem habe man von einem Strafantrag Abstand genommen. Warum? „Weil der Hem-Betriebsrat an einem Dialog interessiert ist“, sagt der Gewerkschafter, „und ein Strafantrag das Verhältnis zur Geschäftsführung nachhaltig belasten würde“.

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Bei Hem, sagt Hoffmann-Achenbach, habe „ein Klima der Angst“ geherrscht, „die Leute, die überwiegend befristete Arbeitsverträge haben, hatten Angst davor, den Kopf aus dem Fenster zu hängen“. Bei einer Betriebsversammlung sei erst dann offen gesprochen worden, „als die Geschäftsleitung und leitende Angestellten den Raum verlassen hatten“.

Jason Goldberg bleibt dabei, zwischen seinem Angebot für ein „Special Voluntary Separation Agreement“ und der bevorstehenden Betriebsratswahl habe es keinen Zusammenhang gegeben. Der ist ihm auf Grundlage der vorliegenden Dokumente auch nicht nachzuweisen. Die zeitliche Nähe aber ist unbestritten. Und dass sich das Angebot nur an Mitarbeiter mit mindestens sechs Monaten Betriebszugehörigkeit richtet – ein seltsamer Zufall.

Bei der Hem GmbH arbeiten mittlerweile wieder 45 Angestellte (dazu kommen weitere 105 in Skandinavien, Indien, Polen und den USA). Goldberg sagt, das Programm sei ein Erfolg gewesen. „Es hat uns erlaubt, die Hem-Belegschaft aufzufrischen und es hat den Leuten, die sich entschlossen haben, sich woanders weiterzuentwickeln, gleichzeitig großzügige Exit-Boni gewährt. Wir haben seither viele der Positionen wieder besetzt.“

In seiner Mitarbeiter-Mail schreibt CEO Jason Goldberg: Die Kultur bei Hem sei „hard-driving performance-based“ und daher nicht für jeden geeignet. „Jeder hat die Wahl zu entscheiden, ob Hem das richtige Unternehmen für ihn ist.“

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