Mit einem High-Five klatschen sich die drei Sieger ab. In der Hand halten sie ihre Urkunde. Die drei haben mit ihrem Unternehmen gerade den „Innovationspreis-IT“ gewonnen. Ein Gründer sagt in die Kamera: „Das Team hat sich wahnsinnig gefreut.“ Als makelloser Wettbewerb, der Innovationen für den Mittelstand auszeichnet – so präsentiert sich der Veranstalter in einem Video aus dem vergangenen Jahr.

Und doch haben sich nicht alle Wettbewerbsteilnehmer gefreut. Im Gegenteil. Einige von ihnen mussten sich über Wochen mit dem Veranstalter herumgeschlagen, viele Nerven hat das die jungen Unternehmer gekostet. Einer davon ist Tim Pohlmann, Gründer des Startups IPlytics.

Anzeige
Schon öfter hatte Pohlmann an Wettbewerben teilgenommen. Den IKT-Innovativ-Preis des Wirtschaftsministeriums konnte er mit seinem Patent-Analyse-Startup bereits einsammeln. Aus diesem Grund war Pohlmann neugierig, als er auf den Innovationspreis-IT der Initiative Mittelstand stieß. „Wir sind über das Schwarze Brett an der TU Berlin auf den Preis aufmerksam geworden“, erzählt er im Gespräch mit Gründerszene. Alles sah normal, seriös aus. Die Preisverleihung sollte auf der Cebit stattfinden, große Unternehmen wie die Telekom sind Partner des Veranstalters. Und so meldete Pohlmann sich im vergangenen Jahr an.

Wenige Tage nach dem Bewerbungsschluss tauchte bereits eine vielversprechende Mail des Huber Verlags für Neue Medien – dem Veranstalter des Wettbewerbs – im Postfach des Gründers auf. Dort las er: „Herzlichen Glückwunsch, Ihr Produkt hat überzeugt und gehört in der Kategorie ,BigData‘ zu den Besten des INNOVATIONSPREIS-IT 2015.“ Die Mail liegt Gründerszene vor. Ein Link in dem Schreiben sollte Pohlmann zur Auszeichnung bringen: „Ihr persönliches BEST OF-Signet und Ihr Zertifikat liegen bereits für Sie bereit“, stand dort. Er klickte und bestätigte auf der Homepage noch einmal, um ans Ziel zu gelangen.

Ein Abo für 1.196 Euro

Ganz schön verwundert war Pohlmann, als er wenige Stunden später in seinem Mail-Postfach eine „Auftragsbestätigung“ fand. Der Verlag kündigte in der Mail an, IPyltics in seiner Bestenliste aufzunehmen – als Teil verschiedener exklusiver „Online-Marketing-Leistungen“. Kostenpunkt: 299 Euro pro Quartal, Mindestlaufzeit: 12 Monate, macht insgesamt 1.196 Euro. Ein Batzen Geld für ein junges Unternehmen. „Erstmal hat es sich angefühlt, als hätte ich einen Fehler gemacht“, sagt Pohlmann. Hatte er etwas Kleingedrucktes übersehen? Er war sich sicher, nichts gebucht zu haben, „was kostenpflichtig war“, betont Pohlmann.

Der Gründer aus Berlin ist nicht der Einzige mit einer solchen Geschichte. Jens Kürschner hat Ähnliches durchgemacht – mit dem Unterschied, dass ihn ein Mitarbeiter des Verlags am Telefon vom Best-Of-Programm überzeugen wollte. „Ich teilte also mit, dass [der Mitarbeiter] mir diese Infomaterialien gerne zusenden [könne] – ich würde mich dann melden, sollten wir wider Erwarten doch Interesse haben“, schreibt Kürschner, Geschäftsführer von Placedise, in einem ausführlichen Blog-Beitrag. Und dann das: Auch er hatte wenig später eine Auftragsbestätigung über das 1.196-Euro-Abo im Postfach. Mareike Kriesten von Damado, Franz Buchenberger von Pylba und Anke Odrig von Little Bird mussten sich ebenfalls mit dem Verlag herumschlagen. Und es gibt weitere Betroffene, die nicht genannt werden wollen, aber Gründerszene von den zweifelhaften Vertriebsmethoden berichtet haben.

Gebühren sind durchaus üblich

Wie also funktioniert dieser Innovationspreis-IT? Es ist durchaus üblich, dass Unternehmen bei Wettbewerben Geld zahlen, beispielsweise eine Anmeldegebühr. Auch das Wachstumsranking von Gründerszene kostete 100 Euro bei der Anmeldung. Aber sind mehr als 1.000 Euro, um auf einer Bestenliste als einer von ziemlich vielen zu erscheinen, gerechtfertigt?

Der Verlag selbst kann die Aufregung nicht verstehen. „Seit nunmehr 13 Jahren verleihen wir den INNOVATIONSPREIS-IT unter immer fairen und transparenten Bedingungen“, schreibt eine Mitarbeiterin im Auftrag des Geschäftsführers Rainer Kölmel an Gründerszene. Gerade am vergangenen Freitag ging die jüngste Bewerbungsrunde zu Ende. Die Teilnahme an dem Wettbewerb sei für alle Teilnehmer mit keinerlei Kosten verbunden.

Für die Geschichte ist es wichtig, zu verstehen, dass es beim Innovationspreis-IT Sieger gibt – und Ausgezeichnete, die ebenfalls auf der Bestenliste stehen. Laut Verlag gibt es insgesamt 56 Sieger in unterschiedlichen Kategorien wie Big Data, Mobile oder Communication. „Darüber hinaus werden anhand der Bewertungen noch sogenannte BEST OF-Innovationen ermittelt, die als die besten Lösungen aus ihrer Kategorie gelten, jedoch NICHT zu den Siegern zählen“, schreibt die Mitarbeiterin.

Unabhängig vom Preis würde man diesen Unternehmen – also den Startups von Jens Kürschner und Tim Pohlmann – „Marketingleistungen zu absoluten Sonderkonditionen“ anbieten.

In einem Sternchentext alles vermerkt

Von undurchsichtigen Praktiken will der Verlag nichts wissen. Der Vertrieb des Marketing-Abos „besteht in der Regel aus einem Telefonanruf, der die BEST OF-Unternehmen auf das Programm aufmerksam macht“, schreibt die Huber-Mitarbeiterin. „Auf der Informationsseite des Programms, welche während des Anrufs gemeinsam besucht wurde, standen alle Inhalte übersichtlich aufgelistet, darunter ein Aktivierungsbutton, in dessen Sternchentext auf die genauen Konditionen (Preis, Laufzeit etc.) hingewiesen wurde.“

Laut Verlag funktioniert der Vorgang mit insgesamt 5 Schritten:

  1. getätigtem Info-Anruf
  2. Reservierungsauftrag über den Vertrieb oder eigenständiges, aktives Anklicken des Reservierungsbuttons auf der Webseite
  3. Versand der Reservierungsbestätigung mit allen Infos (Storno, Kündigung, Mindestlaufzeit etc.) per Mail
  4. Gewährung einer Stornofrist
  5. Einbuchung der Pakete und Rechnungsversand

Die Gründerszene-Informanten aber widersprechen: So einen klaren Vorgang hätte es nicht gegeben, der Ablauf weiche von der beschriebenen „Regel“ ab. Eine „Reservierung“ sei bei ihm nicht angekommen, sagt zum Beispiel Jens Kürschner. „Vielmehr kam ja gleich und ohne Übereinkunft die Auftragsbestätigung.“ In der Nachricht sei zwar eine Frist vermerkt, von Reservierung war allerdings nicht die Rede. Er habe mit „absoluter Sicherheit“ auch keine Website besucht. Bei Tim Pohlmann gab es laut eigener Aussage nur die Mail mit der Gewinn-Ankündigung – und gar kein Telefonat.

Auch die Höhe des Abo-Preises verteidigt der Verlag aus Karlsruhe. Zu den beschriebenen Marketingleistungen im vergangenen Jahr hätte etwa die Eintragung in die IT-Bestenliste gehört. In einem „BEST OF-Interview“ könnten sich die Unternehmen präsentieren, und würden dann auf dem „renommierten MIT-Blog“ gefeatured, schreibt der Verlag. Ferner würde die „Initiative Mittelstand“ des Verlags die Infos über die Unternehmen weiterverbreiten. Für diese „nachhaltige Kommunikation“ bewertet der Verlag den Preis von 1.196 Euro als „mehr als gerechtfertigt“.

Nach welchen Kriterien die Kandidaten für die Bestenliste ausgewählt werden, erklärt der Verlag allerdings nicht. Auf der Internet-Seite des Verlags ist sogar ein Formular zu finden, mit dem man sich im Jahr 2009 für 299 Euro direkt auf die Liste kaufen konnte. Und bei dem „renommierten MIT-Blog“ handelt es sich um ein verlagseigenes Portal mit etwa 350 Facebook-Fans.

Geschäft mit Marketingleistungen

So oder so – es scheint ein einträgliches Geschäft für den Verlag zu sein, Marketing-Leistungen zu verkaufen. Abgesehen von dem 1.196-Euro-Abo können Teilnehmer des Wettbewerbs schon vor dem Bewerbungschluss einen sogenannten Innovationspush kaufen – ebenfalls für Marketingleistungen. Und es gibt einen weiteren Preis, den Industriepreis mit einer Industrie-Bestenliste.

Auch Björn Goerke vom Startup GPredictive ist die Masche beim Innovationspreis-IT aufgefallen. „Der Verlag ist mit verschiedenen Marketing-Angeboten an uns herangetreten“, sagt Goerke, der mit seinem Startup im vergangenen Jahr in der Kategorie Big Data den 1. Preis gewonnen hat. Mehrfach hätte der Verlag ihn angerufen. „Wir mussten nichts bezahlen, allerdings haben wir auch gut aufgepasst“.

Anzeige
Das seriöse Image für den Wettbewerb hat der Huber Verlag für Neue Medien durch eine Reihe von bekannten Gesichtern in der Jury und Unternehmenspartnerschaften geschaffen. Beispielsweise war Microsoft Schirmherr des vergangenen Wettbewerbs. Der Software-Hersteller distanziert sich mittlerweile von dem Wettbewerb. „Wir haben von den Vorwürfen gehört“, sagt eine Unternehmenssprecherin. Microsoft hätte den Verlag um Klärung gebeten. Als „unlautere Praktiken“ bezeichnet die Sprecherin die Vertriebsmethoden im Rückblick, von denen sie nichts gewusst hätten. „Für die Unternehmen, die uns angeschrieben haben, konnten wir die Fälle lösen“, heißt es.

Die Telekom steht ebenfalls als Partner auf der Homepage. Ein Sprecher sagt, diese Medienpartnerschaft sei nicht unüblich: „Sollten tatsächlich die Kosten für das Marketing-Paket nicht richtig kommuniziert worden sein, wäre das unschön“, betont der Telekom-Mann gegenüber Gründerszene.

Und auch mehrere der Juroren – vor allem Professoren – sind die Vertriebsmethoden auf Nachfrage nicht bekannt. Professor Matthias Fank von der FH Köln ist bereits seit einigen Jahren mit in der Jury. Sein Urteil ist klar: „Solche bezahlten Marketing-Pakete sind nicht im Sinne eines Wettbewerbs – ich habe davon allerdings noch nie etwas gehört.“

Die Startups, mit denen Gründerszene sprach, zeigten sich dem Verlag gegenüber standhaft und bezahlten nicht. Viel Nerven und Ärger hat der Preis gekostet – aber am Ende blieben sie nicht auf den Kosten sitzen.

Bild: Screenshot/Youtube