Geschäftsidee, Ideenklau

Ich möchte mich heute einem Thema widmen, zu dem ich relativ viele Anfragen bekomme: dem Ideenklau. Eine typische Mail an mich liest sich dazu in der Regel so:

“Hallo Joel, sag mal, ich bräuchte mal Deine Hilfe: Ich habe eine wirklich gute Idee entwickelt, von der ich überzeugt bin, dass sie durchschlagenden Erfolg haben wird. Das Feedback von Freunden und Bekannten ist bisher sehr positiv und da es die Idee so noch nicht gibt, bin ich überzeugt, dass sich ein riesiges Potenzial dahinter verbirgt. Nun habe ich nur das Problem, dass ich fürchte, dass meine Idee mir geklaut wird, wenn ich sie gegenüber Investoren vorstelle. Da ich selber aber nicht über das notwendige Kapital verfüge, bin ich auf einen Investor angewiesen. Was soll ich tun? Was empfiehlst Du mir? Gruß XYZ”

Da Nachrichten dieser Art doch durchaus häufig bei mir eintrudeln, möchte ich hier gerne ein paar Gedanken dazu als Antwort teilen. Natürlich sind auch alle Leser eingeladen, ihre Überlegungen und Erfahrungen dazu in den Kommentaren zu teilen.

Warum Ideen (leider) nichts wert sind

Konzentrieren wir uns für den Moment einmal auf Geschäftsideen im Internetbereich und lassen wirkliche Erfindungen wie den Hochofen oder das Automobil außen vor. Dann gibt es eine wichtige Grundlage, derer sich angehende Gründer bewusst sein sollten: Ideen sind nichts wert. Das mag befremdlich und frustrierend klingen und doch ist es so. Ideen gibt es wie Sand am Meer und nahezu alles wurde schon einmal irgendwann irgendwo angedacht. Hattet ihr schon mal eine super Idee und eine Google-Suche zeigte dann, dass genau eure Idee schon umgesetzt wird?

Wenn eine Idee nichts wert ist, was denn dann? Die Umsetzung. Der Wert einer Idee bemisst sich an ihrer Umsetzung. Viele Menschen haben gute Ideen, aber die unternehmerische Wertschöpfung beginnt erst mit deren Umsetzung. Wenn sich eine Idee mit Leben füllt, beginnt sie, ein Unternehmen zu werden. Dann werden Erfahrungen gemacht, es entstehen Lerneffekte und aus der Idee erwächst ein Geschäftsmodell. Erst an diesem Punkt lässt sich wirklich vom Wert einer Idee sprechen.

Daraus folgt als Konsequenz, dass es oftmals gar nicht bei der ursprünglichen Idee bleibt. Beim Unternehmertum geht es darum, ein funktionierendes Geschäftsmodell zu entwickeln und eine Idee ist dabei nur der erste Stein einer Straße, die zunächst lange auf ihre Fahrtauglichkeit geprüft werden muss. Nicht wenige Unternehmen haben erst mit einer späteren Abwandlung ihrer Ursprungsidee Erfolg. Ein paar Beispiele? Groupon sollte zunächst eine Plattform für das kollektive Lösen von Problemen werden, Jamba! war zunächst als Mobile-Commerce-Portal gestartet oder PayPals erster Businessplan sah vor, Security Software für Handhelds zu vertreiben.

Mit anderen Worten: Manchmal braucht es länger, um eine Idee in ein funktionierendes Geschäftsmodell zu transformieren und manchmal ist die Zeit auch schlichtweg noch nicht reif für eine Idee, dann ist es die richtige Idee zum falschen Zeitpunkt. In diesem Entstehungsprozess liegt aber die wirkliche Wertschöpfung einer Idee. Dieser Prozess ist sehr gut in “Getting to Plan B” beschrieben. Ich weiß nicht genau, wem diese Grafik zu verdanken ist, aber sie erläutert den Gedanken dahinter auch ganz gut:

Viele Ideen sind schlichtweg schlecht

Dies ergänzen wir nun mal um eine Beobachtung aus der Praxis: 90 bis 95 Prozent aller Ideen, die ein Investor zugesandt bekommt, sind schlichtweg schlecht. Vor meiner Gründerszene-Zeit sagte mir ein Mitarbeiter eines Venture-Capitalists einmal, dass sie von zirka 1.000 eingesandten Businessplänen vier finanziert haben. Vier! Das entspricht vier Promill, also weniger als ein Prozent. Die Mehrheit aller Ideen ist also nicht finanzierungstauglich oder schlichtweg schlecht. Freunde und Bekannte sind dabei übrigens oft schlechte Feedbackgeber, weil sie entweder keine Ahnung von der Materie haben oder einen schlichtweg nicht mit ihrer Ehrlichkeit verletzen wollen.

Davon abgesehen wollen viele angehende Unternehmer gar kein kritisches Feedback hören. Meine Erfahrung zeigt, dass Menschen mit einer Geschäftsidee in der Regel dazu neigen, deren Qualität zu überschätzen, wenn sie nicht bereits einige Praxiserfahrung oder Entrepreneurship-Wissen aufweisen. Oft sind Ideen gar nicht so toll, wie es auf den ersten Blick den Anschein hat – im Gegenteil: oft sind sie sogar ziemlicher Mist. Eines der größten Alarmsignale: Wer von sich sagt, dass er im Begriff ist, etwas zu erfinden, dass so groß wie Facebook werden kann, sollte ganz schnell wieder Bodenhaftung suchen und sich Feedback von Experten einholen.

Zum Umgang mit Ideen

Wir fassen zusammen: Ideen sind erst dann etwas wert, wenn sie in eine Unternehmung mit funktionierendem Geschäftsmodell überführt wurden und die meisten Ideen sind schlichtweg schlecht. Daraus folgen zwei Implikationen:

  1. Investoren gewinnen meist nichts, wenn sie eine Idee klauen. Da die Wertschöpfung erst mit deren Umsetzung beginnt, sind Investoren vielmehr an guten Teams interessiert, die eine spannende Idee mit Passion und dem notwendigen Know-how verfolgen. Investoren sind eher Partner, die gemeinsam mit einem Ideengeber aus einer Idee eine Unternehmung machen. Mit ihrer (finanziellen) Hilfe entsteht bei der Weiterentwicklung zum Geschäftsmodell eine Wertschöpfung. Klauen sie eine Idee, müssen sie selbst den anstrengenden Weg der Geschäftsmodellfindung gehen und laufen Gefahr, dass ihr Ruf massiv leidet. Das heißt nicht, dass es Investoren, die Ideen klauen, nicht gibt. Aber wem so eine Idee geklaut wird, der kann sicher sein, dass er es mit unprofessionellen Amateuren zu tun hat, bei denen der langfristige Erfolg wohl ohnehin ausbleibt.
  2. Der Austausch mit anderen ist wichtig für die Verbesserung und Weiterentwicklung von Ideen. Mit anderen über die eigene Idee zu sprechen, verbessert diese in der Regel nur, weil sich auf diese Weise oft Synergien, Kontakte und wichtige Hinweise ergeben. Dies spart Zeit, die an anderer Stelle besser eingesetzt werden kann, und hilft bei der Geschäftsmodell-Entwicklung.

 

Es empfiehlt sich also, mit der eigenen Idee sehr offen umzugehen – aber an richtiger Stelle. Hier helfen die eigene Menschenkenntnis, eine kurze Recherche über den Ruf des Gegenübers und das Feedback von anderen. Wer nicht den Luxus genießt, zahlreiche Investoren zu kennen, deren Integrität er auch einschätzen kann, der tut gut daran, auf Events mit anderen Gründern den Austausch zu suchen. Warum selbst aufwändig recherchieren, wenn andere diesen Weg bereits gegangen sind? Netzwerk ist hier alles und als Lektüre empfehle ich “Never eat alone”. Jenseits dessen liegt der beste Schutz vorm Ideenklau darin, sich selbst unverzichtbar zu machen, sodass es unattraktiv ist, die Idee zu klauen (siehe dazu auch diesen Artikel bei Gründerland).

Zur rechtlichen Handhabe in Sachen Ideenschutz

Gut, dennoch aber ein paar Worte zu den rechtlichen Möglichkeiten. Vorweg: Ideen sind nicht schützenswert. Dies mag befremdlich klingen, aber dieser Umstand ist auch gut so. Wären Ideen schützenswert, gäbe es keinen Wettbewerb und der gesellschaftliche Weiterentwicklungsprozess würde leiden, weil eine Hand voll Ideen-Scouts sich die entsprechenden Rechte sichern.

Der erste Light-Schutz beim Austausch mit Investoren und Feedbackgebern sind Verschwiegenheitserklärungen, auch Non-Disclosure Agreement (NDA) genannt. Damit sichert einem das Gegenüber schriftlich zu, nicht mit anderen über die eigene Idee zu sprechen und diese auch nicht selbst umzusetzen. Meiner Erfahrung nach dienen solche Dokumente zwar der Gewissensberuhigung, wirklich rechtlichen Schutz liefern sie aber oft nicht. Ich bin hier sicher kein Rechtsexperte, aber erfahrungsgemäß wiegen NDAs nicht wirklich schwer. Sie wirken eher abschreckend auf das Gegenüber (was durchaus nützlich sein kann), schaffen dafür aber auch eine Atmosphäre des Vertrauensmangels.

Jenseits dessen lassen sich Ideen über vier unterschiedliche Konstrukte schützen:

  • Patente: Ein Patent schützt eine Idee ab dem Zeitpunkt, da ein gesetzlich vorgeschriebenes Verfahren mit positivem Ausgang durchlaufen wurde. Dazu ist es Voraussetzung, dass es sich bei der Erfindung um eine Neuheit in Form einer erfinderischen Leistung handelt, die eine gewerbliche Anwendbarkeit aufweist. Ein Patent wirkt (mit Ausnahmen bei Erfindungen zu Arznei- und Pflanzenschutzmitteln) ab dem Anmeldetag maximal 20 Jahre lang. Weitere Informationen bietet das DPMA.
  • Gebrauchsmuster: Gebrauchsmuster stellen eine Light-Variante des Patents dar. Auch hier gelten als Schutzvoraussetzungen, dass es sich um eine Neuheit in Form einer erfinderischen Leistung handeln muss, die eine gewerbliche Anwendbarkeit aufweist. Sie bieten Schutz über einen Zeitraum von maximal zehn Jahren, und während die Patentanmeldung oft einige Jahre dauert, bietet das Gebrauchsmuster bereits wenige Wochen nach der Anmeldung ein Schutzrecht. Weitere Informationen bietet das DPMA.
  • Geschmacksmuster: Mit einem Geschmacksmuster verbindet sich ein Designschutz für Form- und Farbgestaltungen, also die zwei- oder dreidimensionale Erscheinungsform eines Elements des eigenen Produkts oder das gesamte Erzeugnis als solches. Weitere Informationen bietet das DPMA.
  • Markenanmeldung: Mit einer Marke kennzeichnen Unternehmen ihre Waren oder Dienstleistungen. Als solche schutzfähig sind Zeichen, die geeignet sind, diese Inhalte von denen anderer Unternehmen zu unterscheiden. Weitere Informationen bietet das DPMA.

Auch hier bin ich kein Rechtsexperte, aber aus der Erfahrung würde ich sagen, dass Patente und Gebrauchsmuster für Geschäftsideen nahezu nicht realisierbar sind. Eine Markenanmeldung – wobei sich auch Wort-, Bild- und Wort-Bild-Marken unterscheiden lassen – ist hingegen ein sehr sinnvoller Schritt. Detaillierte Information dazu finden sich in einem Beitrag auf Anwalt.de.

Wenn es wirklich passiert ist

Kommt es dann doch einmal soweit, dass einem die eigene Idee geklaut wird, empfiehlt es sich, ruhig zu bleiben und rechtlichen Rat einzuholen. Wie oben schon gesagt, würde ich davon ausgehen, dass ein Investor, der einem die eigene Idee klaut, zur Gruppe unprofessioneller Amateure zu zählen ist und auf Dauer wohl ohnehin keinen Erfolg haben wird. Das ist zwar nicht wirklich ein Trost, kann bei der eigenen Tätigkeit aber etwas beruhigen. Jenseits dessen gilt der alte Spruch: “Imitation is the sincerest form of flattery.”

Trotzdem sollte man sich aber auch ein paar Fragen stellen. Wo habe ich zu viel von meiner Idee preisgegeben und es versäumt, mich selbst für dessen Umsetzung unverzichtbar zu machen? Gibt es einen Grund dafür, dass ein Investor eine Idee lieber “klaut”, anstatt sie mit einer Person umzusetzen, die dafür brennt und sich seit Wochen damit auseinander gesetzt hat? Gibt es vielleicht Defizite bei der eigenen Qualifikation, der Idee als solcher oder war der Investor einfach selbst schon an einer vergleichbaren Idee dran?

Manchmal ist es auch schlichtweg so, dass gewisse Ideen “in der Luft liegen”. Es kommt nicht selten vor, dass gleich mehrere Akteure eine Idee parallel entwickeln und dann damit starten, ohne voneinander gewusst zu haben. Die Umsetzung einer Idee kann auch auf ganz anderem Wege zustande gekommen sein und wirkt hinterher vielleicht fälschlicherweise wie Ideenklau.

Joel Kaczmarek Facebook

Wichtiger Hinweis

Der vorliegende Beitrag stellt weder eine Rechts- noch Steuerberatung dar und ersetzt nicht die Beratung durch einen fachkundigen Rechtsanwalt, bei der die Besonderheiten des Einzelfalls berücksichtigt werden können. Der Beitrag ist abgestimmt auf die dem Autor bei der Veröffentlichung bekannte Rechtsprechung und die herrschende Meinung in der einschlägigen Rechtsliteratur. Es ist nicht auszuschließen, dass einzelne Textpassagen im Lichte eines unbekannten oder nicht veröffentlichten Urteils zu beanstanden sind. Bitte informieren Sie sich über derartige Umstände oder holen im Zweifel fachkundigen Rat ein. Eine Haftung wird nicht übernommen.

Bildmaterial: Marjo
GD Star Rating
loading...
Gedanken zum Thema Ideenklau, 4.2 out of 5 based on 36 ratings
Alle Bilder in diesem Artikel unterliegen der Creative-Commons-Lizenz (Namensnennung-Keine Bearbeitung, CC BY-ND; Link zum rechtsverbindlichen Lizenzvertrag). Ausgenommen sind anders gekennzeichnete Bilder unter anderem von Panthermedia, Fotolia, Pixelio, Morguefile sowie Pressefotos oder verlagseigenes Bildmaterial.