Jahrzehntelang war Berlin wirtschaftliches Ödland. Nach der Wende kamen zwar die Kreativen nach Berlin – aber Arbeitsplätze und Wirtschaftswachstum schafften sie kaum. Das änderte erst der Startup-Boom der letzten Jahre. Wie sehr die deutsche Hauptstadt inzwischen von den digitalen Jungunternehmen dominiert wird, zeigt nun eine neue Studie.

Das 40-seitige Papier des Instituts für Strategieentwicklung (IFSE) räumt dabei allerdings zuerst mit überzogenen Vorstellungen über den Berliner Startup-Kosmos auf: Dass alle 20 Stunden ein Startup in Berlin gegründet würde, dass insgesamt 2.500 Jungunternehmen mit 60.000 Mitarbeitern existierten, wie immer wieder behauptet wird – das sind laut IFSE keine korrekten Zahlen.

Wenn man die am wenigsten umstrittene Definition eines Startups zugrunde legt – weniger als fünf Jahre alt, skalierbares Geschäftsmodell, ohne Internet nicht denkbar –, dann gab es 2015 insgesamt 620 solcher Unternehmen in Berlin. Beschäftigt waren dort 13.200 Mitarbeiter.

Aber auch diese Zahlen zeigen eine beeindruckende Entwicklung auf: Bei der letzten IFSE-Zählung im Jahr 2012 gab es nur 270 Startups und 6.700 Mitarbeiter. Und: Würde man die gesamte Startup-Szene als eine Einheit werten, wäre sie mit ihren 13.200 Angestellten schon heute der fünftgrößte Arbeitgeber der Stadt – vor Konzernen wie Siemens, der Telekom, der Post oder Daimler (siehe Grafiken). Nur die Deutsche Bahn, die Kliniken der Charité und von Vivantes sowie die BVG beschäftigen mehr Leute.

Die Startup-Studie in Grafiken

Hält der Boom an, so die Studie, dann wird die Startup-Szene schon in zwei Jahren der größte Arbeitgeber der Hauptstadt sein. Weicht man von der oben beschriebenen Startup-Definition ab und zählt zum Beispiel auch Unternehmen, die bis zu zehn Jahre alt sind, die ihren formalen Hauptsitz nicht in Berlin haben oder die den Exit schon hinter sich haben, dann kommt man laut IFSE man schon heute auf etwa 30.000 Beschäftigte. Dabei sind dann auch Schwergewichte wie DaWanda (gegründet 2006), Zalando (2007), Babbel (2007) und SoundCloud (2007).

Deutlich wird mit der Auswertung, dass einige wenige Startups sehr viele Mitarbeiter beschäftigen, während die große Mehrheit sich auf kleine Teams beschränkt. Allein die 50 größten Startups Berlins machen etwa die Hälfte aller Beschäftigten aus. Im Durchschnitt hat ein Startup 22 Mitarbeiter.

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Die Branchen, in denen Startups aktiv sind, verändern sich: Seit 2012 versuchen es immer weniger Startups mit Content- und E-Commerce-Geschäftsmodellen. Dafür gibt es mehr und mehr Startups im Service-Bereich (B2B wie B2C) – 2015 schon mehr als die Hälfte. Berlin sei „innerhalb von wenigen Jahren tech-orientierter“ geworden, befinden die Autoren der Studie.

Nur noch einen winzigen Teil der Szene machen Startups aus, die Berührungspunkte mit Berlins starker Kreativindustrie haben, deren Geschäftsmodelle also mit Musik, Film, Theater oder Oper zu tun haben. Gerade einmal 21 solcher Unternehmen zählt das IFSE – nur 3,4 Prozent.

Bild: Getty Images / Alexander Klebe