TechCrunch, im Juni 2005 von Michael Arrington gestartet, ist der wohl bekannteste Blog über Internet‐Produkte, Unternehmen und Investitionen. Von verschiedenen Stellen wird TechCrunch regelmäßig unter die 10 einflussreichsten Blogs der Welt gewählt. Mit mehr als 2 Millionen regelmäßigen Lesern und täglich aktuellen Meldungen hat TechCrunch eine enorme Fangemeinde und akkumuliert in der hauseigenen „Crunchbase“ die derzeit wahrscheinlich umfangreichste Datenbank über aktuelle Marktentwicklungen. 

Mit dem jüngst erschienen Report „TechCrunch Year in Review 2008“ tritt das Team um Michael Arrington einen Schritt zurück und läßt das Jahr 2008 Revue passieren. Der Report analysiert hands‐on die Web‐Trends des Jahres 2008 und berichtet über neue Produktentwicklungen, Finanzierungen und Exits in einer Vielzahl von Technologiebereichen – Suche, Social Communities, Cloud Computing, Mobile Internet, E‐Commerce und Neue Medien im Allgemeinen.

Zusammenfassung:
Im Fazit ist 2008 nach Aussage des Reports ein Jahr das viele Investoren gerne wieder vergessen würden. Doch trotz der einbrechenden Börsenkurse und der Panik an den Finanzmärkten trieb das Web viele Innovationen weiter voran. Facebook und myspace gewannen 145 Millionen weitere unique visitor, Twitter erreichte die magische Grenze von 1 Milliarde „Tweets“, Google veröffentlichte das neue Mobile OS „Android“ und Apple machte sein Versprechen wahr und machte das iPhone 3G Netzwerk fähig. 

Hauptsächlich in der noch von der Finanzkrise relativ unbeschwerten Zeit zu Anfang des Jahres registrierten die Crunchbase‐Betreiber 1.422 Neugründungen. 146 davon warben bereits im Gründungsjahr um Investoren und akquirierten zusammen mehr als $146 Millionen an Wagniskapital. Die durchschnittliche Zeitdauer zwischen Gründung und Finanzierung lag bei 3,8 Monaten. Insgesamt registrierte Crunchbase in 2008 mehr als 1.100 Finanzierungsaktivitäten mit einem Gesamtwert von mehr als $13 Milliarden. Das Transaktionsvolumen folgte hierbei einer klassischen Glockenkurve – etwa 20% der Finanzierungen waren Angel und Seed‐Finanzierungen, 60% Series A und B und 20% Series C oder Later Stage. Die durchschnittliche Rundengröße gestalteten sich wie folgt:

  • Seed: $0,6 Mio.
  • Angel: $1,2 Mio.
  • Series A: $6,3 Mio.
  • Series B: $11,1 Mio.
  • Series C: $20,4 Mio.
  • Series D: $26,4 Mio.
  • Series E: $36,5 Mio.

Die Top 10% des Deal Flows verzeichneten 50% des Gesamtfinanzierungsvolumens – insgesamt wurden in 133 Transaktionen mehr als $25 Mio. akquiriert – bei einem Gesamtvolumen von $6,9 Milliarden. Die meisten Kapitalzuflüsse mit jeweils mehr als $1 Mrd. verzeichneten die Bereiche Clean Tech, Social Networking, E‐Commerce und Mobile. Insbesondere zu Anfang des Jahres sah man hier einige sehr imposante Finanzierungsspritzen teilweise weit jenseits der $100 Mio.‐Grenze: Iridium ($500 Mio.), Xianoei ($430 Mio.), Nanosolar ($300 Mio.), HomeAway ($250 Mio.), SulfurCell ($134 Mio.), GridPoint ($120 Mio.), Palm ($100 Mio.), Rearden Commerce ($100 Mio.) und Spinvox ($100Mio.). Im Augenschein der Webgemeinde das größte Interesse galt jedoch mit Sicherheit der $75 Mio. Kapitalaufnahmen von Facebook und LinkedIn, der $80 Mio. Runde von Adconion Media Group, der $65 Mio. von Glam und der $50 Mio. von Slide.

Wie schon zu Anfang beschrieben kühlte sich die Finanzierungsaktivitäten im Schatten der Weltfinanzkrise über den Jahresverlauf gesehen jedoch zunehmend ab. Im Dezember lag der Deal Flow schon nur noch auf etwa 50% des Septemberniveaus und bis heute scheint sich dieser Trend fortzuführen. Der wichtigste Faktor der den Kapitalfluss ins Web und die weltweiten Märkte für Technologie antreibt ist die Aussicht auf einen erfolgreichen Exit. Crunchbase zählte hiervon im vergangenen Jahr 284. Sieben davon waren mit Erlösen von jeweils mehr als $1 Mrd. besonders dafür geeignet kommende Gründer‐ und Investorengenerationen zu inspirieren:

  • HP kaufte EDS für $13,9 Mrd.
  • Google kaufte DoubleClick für $3,1 Mrd.
  • Brocade kaufte Foundry Networks für $3 Mrd.
  • Hellman & Friedman akquirierten Getty Images für $2,4 Mrd.
  • CBS kaufte CNET für $1,8 Mrd.
  • Microsoft übernahm Fast Search & Transfer für $1,2 Mrd.
  • Sun Microsystems akquirierte MySQL für $1 Mrd.

Die aktivsten Käufer waren wie gewohnt Google, Microsoft, eBay und AOL. Yahoo, welches in 2007 noch als starker Käufer auftrat, hielt sich in 2008 zurück. Amazon steigerte seine Akquise‐Aktivitäten kontinuierlich und wird laut Einschätzung von TechCrunch auch in 2009 weiter eine hohe Kaufbereitschaft zeigen. Ein Gang an die Börse war in 2008 nur für wenige Unternehmen eine Option – mit 23 IPOs verzeichnete CrunchBase die niedrigste Rate seit 2003.

Review:

Doch das ist nur die Zusammenfassung der Zusammenfassung des mit 143 Seiten sehr detailreichen Reports. Neben den knapp angerissen präsentierten „harten“ Daten zur Entwicklung der Start‐Up und Finanzierungsaktivitäten enthält der Report tiefer gehende Analysen zu einzelnen Teilmärkten oder Untersektoren (z.B. Hosting oder Consumer Web Media), sowie den Key‐Trends und Innovationen des Jahres. In jeweils eigenen kurzen Kapiteln widmen sich die Verfasser spezifisch den Leitthemen Suche, Social Media, Mobile, Cloud Computing, und Internet Advertising und stellen jeweils sowohl die Key‐Player als auch die bedeutendsten technischen und sonstigen Marktrelevanten Entwicklungen vor. In einer verhältnismäßig umfangreichen Statistiksektion, listet TechCrunch alle registrierten Neugründungen und Wagniskapitalaufnahmen – wenn Daten öffentlich ‐ inkl. Angaben zur Phase, Höhe und Zeitpunkt der Finanzierung. 

Weiterhin bieten die Autoren eine eigene Sektion zu (Web‐)relevanten M&A‐Aktivitäten mit gut aufbereiteten Analysen zu den Top‐Käufern und Deals, und einer Auflistung aller registrierten Übernahmen unter Angabe des der Bewertung und Zahlungsweise (cash vs. share‐deal). Der Report schließt mit einer kurzen Analyse des IPO‐Marktes 2008, einer Auflistung der registrierten Geschäftsaufgaben (dem berüchtigten „Deadpool“) und einer (im Gegensatz zum Rest des Reports wenig überzeugenden) und meines Erachtens nach unsinnigen Liste von Entlassungswellen in den USA.

Fazit:

Wer sich für die Themen Finanzierung, Exits, neue Produktentwicklungen, Trends und Innovationen im Web interessiert und sein Ohr am Markt halten will, dem sei der Report „TechCrunch Year in Review 2008″ wärmstens empfohlen. Der Preis ist mit € 111 ($ 149) gerade im Vergleich zu anderen professionellen Branchen‐ und Marktanalysen sehr fair bemessen und auch für Start‐Ups erschwinglich. Wenn auch bloßes rezitieren des ‐ durchaus höheren ‐ US‐amerikanischen Finanzierungsniveaus mit Sicherheit nicht ausreichen wird, damit der durchschnittliche deutsche Business Angel in der nächsten Verhandlungssituation sofort die weiße Flagge hisst, so kann ein wenig Vergleichsmaterial zu Multiples, Markteinschätzungen, Exittrends u.a. für viele Argumentationslinien doch eine hilfreiche Zutat sein. Für alle die sich die Sache näher ansehen wollen ist hier der Link zu Information und Bestellung: http://www.techcrunch.com/research/

Über den Autor:

Tobias Johann ist Gründer von sportme und kümmert sich dort als Geschäftsführer um die Bereiche Finanzen, Investor Relations und Vermarktung.

Nach dem Abschluss seines BWL-Studiums mit Schwerpunkt Entrepreneurship an der European Business School (ebs), der University of Sydney und der Universidad Adolfo Ibanez (Chile) arbeitete er für zwei Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Chair for Entrepreneurship der ebs. Tobias hat zahlreiche wissenschaftliche Artikel in den Bereichen Corporate Venture Capital, Business Planning und Unternehmerausbildung publiziert und seine Forschungsergebnisse auf Entrepreneurship- und Finance-Konferenzen in neun Ländern präsentiert.